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Neues Erasmus+ Projekt: „Precarious Housing in Europe“

25.11.2019 „Grabenfuß“ („Trench foot“) ist eine Fußkrankheit, die mit Aufscheuern der Haut, Fäule und großen Schmerzen einhergeht. Sie entsteht, wenn man über längere Zeiträume in kaltem Wasser steht. Grabenfuß ist nach den Soldaten im Ersten Weltkrieg benannt, die oft tagelang in Schützengräben ausharren mussten. Knapp hundert Jahre später kehrte sie nach Europa zurück. Geflüchtete in der Zeltstadt bei Calais waren davon betroffen. Um Grabenfüße zu heilen, muss man sie trocknen lassen, aber das ging in der Zeltstadt nicht. Auf einer Mülldeponie errichtet, war der Boden einfach überall feucht. Die fatalen Wohnverhältnisse wirkten sich unmittelbar auf die Menschen aus.

Die Wohnungsfrage in Europa schien zu Beginn des Jahrtausends weitgehend gelöst. Vielerorts wurde eher über demographische Schrumpfung und Leerstand als über Wohnungsmangel diskutiert. Dies hat sich als Fehleinschätzung herausgestellt. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat vielerorts zu Lohnkürzungen und steigender Arbeitslosigkeit geführt, die globale Bankenkrise und das Platzen der Immobilienblase ging insbesondere in Südeuropa mit Zwangsräumungen einher und laufende Sparprogramme haben das Angebot an bezahlbarem Wohnraum weiter beschnitten. Mit dem Zuzug von Geflüchteten hat sich die Lage in vielen europäischen Städten verschärft. Angesichts des Fehlens kurzfristiger politischer Lösungen gibt es Hinweise darauf, dass viele Betroffene in ganz Europa auf informelle Wohnformen angewiesen sind, entweder dort, wo wie in Zentral- und Osteuropa Wohnungen ohne die erforderlichen Genehmigungen oder den Rechtsanspruch auf Nutzung des Landes gebaut werden oder in provisorischen Zeltstädten oder überbelegten Wohnungen. Insbesondere Migrant*innen und ethnische Minderheiten leben in Europa zum Teil in bestürzend schlechten Verhältnissen. Dies trifft am härtesten Geflüchtete und die besonders diskriminierte Gruppe der Roma. Letztere leben in ihren Herkunftsländern überwiegend in informellen, abgeschiedenen Behausungen, ohne Anschluss an die öffentliche Infrastruktur und Kontakt zu anderen Bevölkerungsgruppen.

Sybille Münch, Professorin für Theory of Public Policy, koordiniert die Strategische Partnerschaft „Precarious Housing in Europe” (PusH). „Ziel des Projekts ist es“, sagt die Politologin, „die zunehmenden informellen und prekären Wohnsituationen in Europa zu untersuchen und die Ergebnisse für Lehre und Weiterbildung in den Partnerinstitutionen und darüber hinaus nutzbar zu machen. Informelle und unsichere Wohnverhältnisse wurden bislang immer mit dem globalen Süden identifiziert.“ Münch und die Projektpartner aus sechs weiteren EU-Staaten werden mehrere Open-Access-Textbücher zu unterschiedlichen Aspekten prekären Wohnens veröffentlichen und verschiedene Multiplier-Events ausrichten, welche den Dialog mit der Zivilgesellschaft aufnehmen werden. Die aus Projektmitteln geförderte Teilnahme an den beiden geplanten Summer Schools zu Roma-Siedlungen in Sofia (2021) und Geflüchteten auf dem Wohnungsmarkt in Venedig (2022) steht Studierenden verschiedener Studiengänge an der Leuphana offen.

Viele der von Münch untersuchten Bereiche scheinen, wie der Grabenfuß, einer ganz anderen Zeit anzugehören. Im Zuge der Industrialisierung zum Beispiel gab es in den Großstädten das Phänomen des „Schlafgängertums“: Arbeiter*innen mieteten (nicht Wohnungen, sondern nur) Betten und zwar jeweils für die Nacht oder für den Tag. Je nachdem ob man Früh- oder Spätschicht hatte, schlief, während man selbst in der Fabrik war, in dem Bett eine Person, welche in der jeweils anderen Schicht arbeitete. „Aus dem Ruhrgebiet berichten lokale Medien von der Rückkehr dieses Phänomens. Betroffen sind in erster Linie mobile EU-Bürger*innen, die sich als Tagelöhner verdingen. Sie können aufgrund der Freizügigkeit zwar in Deutschland arbeiten, werden aber häufig schlecht bezahlt und am Wohnungsmarkt weiter benachteiligt“, erklärt Münch.  

Viele dieser aktuellen Phänomene werden in der Hochschullehre erst punktuell aufgegriffen. Im Laufe der dreijährigen Strategischen Partnerschaft wollen die beteiligten interdisziplinären Stadtforscher*innen und Praktiker*innen aufbereiten, was zu prekärem Wohnen führt, welche Formen es annimmt und wie die damit verbundenen Herausforderungen anzugehen sind, ohne unerwünschte Nebenwirkungen wie weitere Vertreibung und Stigmatisierung zu erzeugen.

Das Projekt wird mit fast 400.000 Euro von der EU Kommssion im Rahmen des Programms Erasmus+ vom DAAD gefördert. Beteiligt sind die Universiteit Utrecht, Universita Iuav di Venezia, University of Durham, die Universität für Weiterbildung Krems, das Open Society Institute in Sofia und das Centre for Economic and Regional Studies in Budapest. Es wird von Prof. Dr. Sybille Münch vom Institut für Politikwissenschaft geleitet.

Autor: Martin Gierczak