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„The Future of Graduate Education“-Konferenz. Peter Maassen im Interview

02.12.2019 Zum Abschluss des zehnjährigen Jubiläums der Graduate School fand am 29. November die Konferenz „The Future of Graduate Education“ statt. Unter den eingeladenen Redner*innen war der Bildungsexperte Prof. Dr. Peter Maassen von der Universität Oslo (Norwegen).

Wie sehen Sie den Stand der Internationalisierung deutscher Universitäten?

Meine Erfahrung an deutschen Hochschulen ist, dass man sich bei der Internationalisierung eher einseitig auf angelsächsische Länder und Teile Asiens (vor allem China) konzentriert und jedenfalls nicht so sehr an den Ländern in Deutschlands unmittelbarer Nachbarschaft. Das gilt indes für die deutschen Hochschulen, aber nicht für die deutschen Studierenden. An Universitäten in Nordeuropa, in der Schweiz, Österreich und den Niederlanden etwa machen deutsche Studierende den größten Teil unter den Ausländer*innen aus. Es fällt auf, dass es auf deutscher Seite wenig Interesse gibt, im Gegenzug auch mehr Studierende aus diesen Ländern an deutsche Universitäten zu bringen. Das betrifft nicht nur Austauschprogramme; es gibt auch kaum Interesse daran, diesen Ländern auch nur die deutsche Sprache und Kultur nahezubringen.

Warum ist das ein Problem? Man könnte ja auch sagen „Naja, es ist eben so“.

Man muss gegenwärtig wegen der wachsenden globalen Rivalität eine europäische wissenschaftspolitische Position entwickeln, auch zur Betonung gemeinsamer europäischer Werte und Prinzipien. Dafür bekommt man in China oder in den USA keine Unterstützung, auch in England nicht. Wenn Deutschland eine wahrnehmbare und einflussreiche globale wissenschaftliche Stimme haben möchte, dann wird es das alleine nicht schaffen. Europa als Ganzes ist wiederum zu groß und zu vielfältig. Deutschland braucht daher strategische europäische Partner*innen, die die gleichen wissenschaftlichen Grundgedanken, Werte und Prinzipien vertreten, wie die oben genannten Länder. Um diese zu gewinnen, müsste man aber viel proaktiver vorgehen.

Sie setzen sich für die „Third Mission“, für den Kontakt mit der außeruniversitären Gesellschaft, ein. Warum?

Weshalb machen Universitäten Forschung? Forschung ist kein Selbstzweck. Was geschieht mit den Resultaten? Die Frage, die man stellen könnte, ist: Gibt es bestimmte gesellschaftliche Probleme, Herausforderungen, Interessen, die von dieser Forschung profitieren würden? Eine moderne Interpretation von „Third mission“ ist eine strategische Partnerschaft zwischen Universitäten und privaten Unternehmen und/oder der Zivilgesellschaft, die dazu beiträgt, dass sich derer beider Bedarfe treffen. Um diese Partnerschaften zu entwickeln, sollten die Universitäten eine Strategie der offenen Tür mit ‚meeting places‘ für Hochschulmitarbeiter, Studierenden und externe Partner verfolgen. Diese offenen Kontakte können genutzt werden, um Netzwerke und schließlich strategische Partnerschaften in ausgewählten Bereichen aufzubauen.

Was wird die Digitalisierung bringen?

Große Teile des Arbeitsmarktes werden sich ändern, das ist ganz eindeutig. Im Finanzsektor zum Beispiel werden zukünftig deutlich weniger Menschen als Arbeitskräfte gebraucht. Gleichzeitig gibt es mindestens zwei Bereiche, wo die die Digitalisierung nicht zu weniger Arbeitsstellen führen wird: Die Pflege und die Bildung.

Was bedeutet das für Universitäten?

Die Universität hat nun eine wichtige Verantwortung für diejenigen, die durch die Globalisierung und die Automatisierung aus dem Arbeitsmarkt verdrängt werden. Von vielen werden Universitäten und die hiesige Forschung momentan als Teil des Problems gesehen, statt als Teil der Lösung. Das muss sich ändern. Der Verdrängungseffekt um die Automatisierung ebenso wie die Forschung, die die Automatisierung vorantreibt, sind nicht individuelle, sondern kollektive Verantwortlichkeiten.

Und für die Lehrinhalte?

Kurz gesagt: In Bezug auf Lehrinhalte gilt es, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Lernfähigkeit zu vermitteln.

Welchen Ratschlag würden Sie Ihren Kindern geben, was das Studium angeht?

Zwei meiner Kinder studierten bereits. Ich sagte ihnen: „Studiere, wofür Du brennst!“

Würden Sie eine akademische Laufbahn empfehlen?

Kommt darauf an was und wo. Der „New Public Management“-Trend, der allerdings in Deutschland und Skandinavien nicht so fatal durchschlug wie in England oder in den USA, hat dazu geführt, dass Wissenschaftler*innen, bildlich gesprochen, zu „Verleiher*innen von Diensten“ wurden. Sie wurden ein Stück weit funktionalisiert: Studierende wurden zu einem Produkt, die Lehre zu einer Dienstleistung und Evaluation rückte an die zentrale Stelle. Das macht zum Beispiel eine akademische Karriere für Absolvent*innen, die nach individueller Freiheit und der Möglichkeit suchen, ihrer Neugier zu folgen, weniger attraktiv.

Was sollte an Universitäten stattdessen an zentraler Stelle stehen?

Dass Menschen Kenntnisse erlangen.

Vielen Dank!

Der weltweit renommierte Bildungswissenschaftler Peter Maassen ist Professor an der University of Oslo (Norwegen), Extraordinary Professor an der Stellenbosch University (South Africa) sowie Fellow des Steinhardt Institutes for Higher Education Policy an der New York University (USA). Zuletzt erschien von ihm „From organised anarchy to de-coupled bureaucracy: The transformation of university organisation“.

Die Graduate School der Universität feierte 2019 ihr 10-jähriges Bestehen und blickte anlässlich des Jubiläums mit Stolz zurück - aber vor allem nach vorn. Ein Jahr lang stand The Future of Graduate Education im Mittelpunkt verschiedener Veranstaltungen. Deren Abschluss und Höhepunkt war die Konferenz. Dabei wurde die Weiterentwicklung der Graduiertenausbildung aus unterschiedlichen Blickwinkel beleuchtet: interdisziplinär, außeruniversitär, vernetzt.

Das Interview führte Martin Gierczak.