Meldungen aus der Universität

"Wir müssen schon aus humanistischen Gründen helfen"

06.06.2016 Im Restaurant Bodrum fand am 1. Juni 2016 eine „Döner-Session“ statt. Die ungewöhnliche Umgebung lud die Zuhörer in lockerer Atmosphäre nicht nur zum Essen, sondern auch zum Diskutieren ein. Unter dem Titel „Einwanderungsland Europa – Und nun?“ sprachen Sven Prien-Ribcke, an der Leuphana unter anderem auf dem Gebiet der Gerechtigkeitstheorien forschend und im College Koordinator des Moduls „Wissenschaft trägt Verantwortung“, und Maximilian Popp, Redakteur im Deutschland-Ressort der Zeitschrift „Der Spiegel“, der zu den Themen Migration, Islam und Rassismus arbeitet, über den Umgang Europas mit der Flüchtlingssituation. Die Veranstaltung war Teil der von der Volkshochschule Lüneburg und der Leuphana organisierten Bildungsreihe „Einwanderungsland Europa – wie begegnet Lüneburg der Welt?“. Die Bildungsreihe versucht, durch verschiedene öffentliche Veranstaltungen Wege zu einem guten Zusammenleben zu erkunden.

Sven Prien-Ribcke (links) und Maximilian Popp (rechts) diskutieren über das "Einwanderungsland Europa".

Die Situation in Europa

Prien-Ribcke stellte fest, dass die letzten zwölf Monate aus europäischer Sicht in jeder Hinsicht bewegend waren. Es habe eine intensive Berichterstattung zu den Themen Flüchtlinge und Integration gegeben. Für Popp ist es dabei „absurd, dass wir in Europa von einer Flüchtlingskrise sprechen. Es ist weniger eine Flüchtlings- als eine Nationalstaatenkrise.“ Dabei habe Deutschland erst 2015 etwas von den Flüchtlingen gespürt – Mittelmeerstaaten wie Italien oder Griechenland hingegen hätten sich bereits eher mit dieser Thematik auseinander setzen müssen. Das liege auch daran, dass Deutschland von dem Dublin-Abkommen, nach dem Flüchtlinge ihren Asylantrag in dem Land stellen müssen, in das sie zuerst eingereist sind, profitiere. „Deutschland hat sich aus der Verantwortung gezogen“, hält Popp fest.

Das größte Dilemma des europäischen Asylsystems sei, dass es zwar ein Recht auf Asyl in Deutschland und der EU gibt, Asylsuchende jedoch illegal nach Europa einreisen müssten, so Popp. Eine wichtige Forderung sei daher die nach legalen Einreisewegen. Momentan finde jedoch ein „Outsourcing jeder Verantwortung für Flüchtlinge“ statt, dabei müsse man schon aus humanistischen Gründen helfen. Die Hilfsbereitschaft der Bürger in Europa sei einer Umfrage der BBC zufolge groß. „Man hat sich von den Rechtspopulisten zu sehr beeindrucken lassen, sie waren laut und haben die Zivilgesellschaft übertönt.“ 

Lösungsansätze

Als Lösung für die aktuelle Problematik gäbe es zwei verschiedene Ansätze: einen utopischen und einen pragmatischen. Der utopische sei, Grenzen abzuschaffen. Die EU sei als Friedensidee „ein lobenswertes Projekt“, erklärt Popp, „und Grenzen abzuschaffen heißt ja nicht gleich, auch den Nationalstaat sofort aufzugeben“. Auch der Glaube, dass sich nach dem Abschaffen von Grenzen die Anzahl der Migranten in einem Land drastisch erhöhen würde, sei falsch: stattdessen käme es vermehrt zu zirkulärer Migration, das heißt, anstatt auf ein Zielland fixiert zu sein und um jeden Preis dort bleiben zu wollen, würde die Möglichkeit, von dort wiederum in andere Länder zu migrieren, in Betracht gezogen werden. Als pragmatischen Lösungsansatz stellt Prien-Ribcke den von Bruno Frey und Margit Osterloh vor, Ökonomen der Universität Zürich. Demnach würde von jedem, der nach Europa einreisen will, eine Integrations- und Steuerungsabgabe erhoben werden; im Gegenzug dazu würde eine gefahrlose Einreise ermöglicht werden. Sollten diese Migranten dann einen Asylantrag bewilligt bekommen, würde der gezahlte Betrag zurück erstattet werden; sollten sie als Arbeitsmigrant einen Arbeitsstelle finden, nicht. Dadurch könnte dem Schleppergeschäft entgegengewirkt und sichere Einreisewege geboten werden. Popp findet diese Idee interessant und besser als die jetzige Regelung. Problematisch sei aber daran, dass mit diesem Vorschlag das jetzige Problem, dass Menschen, die in Armut leben, keine Chance auf Asyl geboten wird, nicht behoben werden würde. Abschließend kritisiert Popp, dass in der europäischen Flüchtlings- und Asylpolitik Verlogenheit vorherrsche: „Abschottungspolitik wird mit humanistischer Rhetorik verkleidet.“

Auf große Zustimmung stoß die Anmerkung einer der Zuhörer, es sei problematisch, dass häufig über Emotionen, besonders Ängste, geredet werde. Eine Arbeit mit rationalen Argumenten sei kaum noch möglich. Es sei wichtig, politische und soziale Strukturen zu schaffen, die eine offene Gesellschaft ermöglichen.

 

Die nächste Veranstaltung der Reihe „Einwanderungsland Europa“ mit dem Titel „Was kann der Fußball?“ findet am 9.6.2016 von 18:30 – 20:30 Uhr in der Sportanlage des VfL Lüneburg e.V. (Am Grasweg 27) statt.


Weitere Informationen

Reihe Einwanderungsland Europa

Kontakt

Sven Prien-Ribcke, M.A.
Universitätsallee 1, C8.102
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2839
sven.prien-ribcke@leuphana.de


Autorin: Morgaine Struve (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.