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Trump oder Clinton - Können deutsche Schüler wirklich das Ergebnis der US-Wahl vorhersagen?

07.11.2016 Am 8. November 2016 fanden die Wahlen in den USA statt. Das Wahlergebnis steht in Deutschland seit Mittwoch, den 9. November, fest. Rund 3.000 Schüler_innen in Deutschland meinten aber schon vorher zu wissen, wer als Gewinner aus dem Wahlkampf hervorgehen wird. Sie haben ein internationales Schulprojekt mitorganisiert, in dem Schüler_innen das Ergebnis vorhersagen sollten. Ihre Wahlprognose lesen Sie am Ende des Artikels. Am 7. November, einen Tag vor der Wahl, wurde dieses Ergebnis in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin und im Schulministerium NRW in Düsseldorf verkündet. Die Kursentwickler Prof. Dr. Torben Schmidt und Joannis Kaliampos von der Leuphana erklären, mit welchen Methoden sie Schüler_innen und Lehrkräfte im "U.S. Embassy School Election Project 2016" begleitet haben und welche Fragen bei dieser Wahl eine besondere Rolle spielten.

Joanis Kaliampos (li.) und Torben Schmidt (re.) erklären, wie die Schüler zu ihrer Prognose zum Wahlausgang der US-Präsidentschaftswahlen gekommen sind.

Auch in Europa warten alle gespannt auf das Ergebnis dieses Wahlkampfs, bei dem sich viele weder den einen noch die andere Kandidatin vorstellen können. Einen Kandidaten wie Donald Trump hält in Deutschland kaum jemand für geeignet, die Aufgabe des U.S.-Präsidenten zu übernehmen. Zu oft hat er in seinen Reden über Minderheiten gepöbelt oder Frauen diskriminiert. Als „Provokateur der Nation“ wird er bezeichnet. Hillary Clinton hingegen gilt in Amerika bei vielen Wählern als kühl und korrupt. Wen werden die Amerikaner also am Wahltag wählen?

Vor dieser Frage standen die Schüler_innen eines binationalen Projekts „U.S. Embassy School Election Project 2016“ vor 3 Monaten auch das erste Mal. Ihre Lehrerinnen und Lehrer hatten sich gemeinsam mit den Schüler_innen dazu entschieden, am Projekt teilzunehmen und sich so statt bloßer Theorie nach Lehrplan wie „Beschreibe einen Bundesstaat und das Wahlsystem in den USA“ dem Stoff praktisch anzunähern. Beide Seiten, Lehrkräfte und Schüler_innen haben in diesen 3 Monaten viel gelernt.

Zwei unpopuläre Kandidaten erschweren die Wahl und nehmen Einfluss auf das Projekt

Das Projekt ist die Weiterführung eines Vorhabens aus den Jahren 2008 und 2012, welches zu sehr genauen Vorhersagen zum Wahlausgang kam – und das besser als manches Polit-Barometer in den USA oder Deutschland. Während Barack Obama 2012 hierzulande höchste Popularität genoss, ist die Entscheidung für einen Kandidaten dieses Jahr nicht so einfach. Joannis Kaliampos, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute of English Studies, betont, dass aktuell beide Kandidaten polarisieren. Interessant sei auch, dass es auf beiden Seiten Befürworter und Kritiker für die Kandidaten aus dem eigenen politischen Lager gebe. 

Zu Anfang sei es daher schwierig gewesen, die Schülerinnen und Schüler neutral an die Inhalte heranzuführen. Es gab klare Meinungen und Vorurteile, kaum einer mag sich Trump als Präsident vorstellen – das ging den Schülern nicht anders als dem Durchschnittsdeutschen. Einige mochten wiederum Hillary Clinton nicht, wollten lieber Bernie Sanders als demokratischen Kandidaten sehen. Kaliampos sagt dazu:

Aus unserer europäischen Perspektive liegt es nahe, Hillary Clinton als Siegerin vorauszusagen, weil man sie kennt und sie über politische Erfahrungen verfügt. Das ist aber nicht Ziel des Projekts. Wir wollten, dass sich die Klassen mit ihrem Bundesstaat im Detail auseinandersetzen und unabhängig von persönlichen Sympathien oder Abneigungen die politische und gesellschaftliche Lage vor Ort und den Einfluss der Medien analysieren.

Adopt a state: Jeder teilnehmenden Klasse wird ein U.S.-Staat zugelost

Jeder Klasse wurde ein Bundesstaat als Untersuchungsobjekt zugewiesen. Es haben sich deutschlandweit mehr als 170 Klassen – hauptsächlich Sekundarschulen, gymnasiale Oberstufen sowie berufliche Oberschulen - beteiligt. Bei einigen deutschen Schulen bestand schon eine Partnerschaft mit einer Schule in einem U.S.-Bundesstaat. Dann wurde der Bundesstaat der jeweiligen Klasse auch zugewiesen. Alle weiteren Staaten wurden ausgelost und auf die Klassen verteilt. Manche Staaten waren zu Beginn beliebter als andere. Viele hätten gern Florida oder Kalifornien untersucht. Geringer war zu Beginn das Interesse an Staaten mit ländlicher Prägung zum Beispiel im mittleren Westen.

Das Konzept „Adopt-a-State“ ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit dem Partnerstaat, tiefes Eintauchen in Kultur und Gesellschaft und ein authentisches, interkulturelles Lernerlebnis. Mit Unterstützung des Transatlantic Outreach Program in Washington D.C. gelang es erstmals, einige teilnehmende Schulklassen mit amerikanischen Partnerschulen zu vernetzen und so einen direkten transatlantischen Informationsaustausch im Wahlprojekt zu ermöglichen.

Prof. Dr. Torben Schmidt, Professor für die Didaktik des Englischen, erklärt, dass die Schüler_innen erst einmal das Wahlsystem der USA genauer kennenlernen mussten. Dann setzten sie sich mit den gesellschaftlichen Themen ihres Bundesstaates auseinander. Die entscheidenden Wahlkampfthemen in Texas sind beispielsweise andere als in Wyoming. Während für die einen die Nähe zur Grenze Mexikos ein Migrationsproblem darstelle, sei für die anderen der Mindestlohn das wichtigste Anliegen. So wurden die Schüler_innen zu Expert_innen für ihren Bundesstaat und lernten auch das unterschiedliche Wahlverhalten in einem „Swing-„ und einem „Solid State“ kennen. Nach der Analyse der Themen folgten die Argumente der Kandidaten. Das Thema des Projekts passt aufgrund der vielen Facetten, die gelehrt werden, gut in die Oberstufe und kann dort in verschiedenen Fächern angeboten werden. Schmidt erläutert die übergreifenden Lernziele:

Das Projekt vermittelte den Schülern ganz unterschiedliche Kompetenzen: Zum einen die Verbesserung der englischen Sprache. Zum anderen das Verständnis für ein globales Thema und ein vertieftes Systemverständnis: Naive Vorstellungen zu Anfang wurden im Laufe des Projekts geändert. Ferner wurden die Medien und ihr Einfluss auf die Wahlen analysiert. Es ist medial gesehen extrem, wie in den letzten Monaten der Wahlkampf im Fernsehen, in den sozialen Medien und im Internet ausgetragen wurde. Wie unterschiedlich deutsche und amerikanische Medien hier berichten, konnten die Schüler im Austausch mit ihrer Partnerklasse erfahren. Und schließlich vermittelte das Projekt professionelle Präsentationskompetenzen – die Klassen erstellten Collagen, Videos, Webseiten und Dokumentationen zum Wahlausgang in ihrem Bundesstaat.

Zusammenhänge im transatlantischen Dialog verstehen

Beide Wissenschaftler betonen, dass Lehrer und Schüler sehr motiviert ins Projekt gegangen seien, obwohl einige Unsicherheiten und Sachzwänge wegen des Lehrplans bestanden. Das „Transatlantic Outreach Program“ (gefördert durch Goethe Instituts, die Robert-Bosch-Stiftung, Siemens und die Deutsche Bank) fördert seit langem die Kontakte zwischen deutschen und amerikanischen Lehrern. Durch das Projekt entstanden über 20 neue Schulpartnerschaften. Für Lehrer war nicht nur das Kennenlernen der Plattform selbst ein Mehrwert, sondern es gab auch die fachliche Fortbildung mit Unterstützung von renommierten U.S.-Experten wie dem Politologen und Politikberater Dr. Jason Johnson, der unter anderem in Hamburg der Vorwahlen mit 60 Oberstufenschüler_innen diskutierte. Für die deutschen Schüler war der Austausch mit den amerikanischen Schülern so wertvoll, weil sie so Aspekte wie die unterschiedliche Berichterstattung in den jeweiligen Medienlandschaften erkundeten. Auch der Einfluss der sozialen Medien wie Twitter und Snapchat wurde untersucht und zwischen den Schülern beider Länder lebhaft online diskutiert. 

Die nicht enden wollende Thematisierung Clintons E-mails aus ihrer Amtszeit als U.S. Außenministerin oder die teils extrem unterschiedliche Berichterstattung über Trump in amerikanischen Medien dienten deutschen Lernenden als spannende Analysefragen. In die Analyse ebenfalls einbezogen wurde der Einfluss von Geschichte, Politik, Wirtschaft, Demographie und Gesellschaft, so dass die Schüler am Ende eine begründete und kreativ gestaltete Wahlprognose für ihren Staat abgeben konnten. Bereits am 30. Oktober 2016 musste das Wahlergebnis für jeden Bundesstaat feststehen.

And the winner is...

Alle Wahlprognosen wurden zentral gesammelt und in einer elektronischen Karte dokumentiert. Bei den Abschlussveranstaltungen am 7. November wurden in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin und im Schulministerium NRW in Düsseldorf unter Teilnahme des U.S.-Botschafters sowie der nordrhein-westfälischen Schulministerin eine von deutschen Schüler_innen erstellte Prognose für den Ausgang der Präsidentschaftswahl vorgestellt. Besonders gelungene und einzigartige Unterrichtsprodukte wurden in einem deutschlandweiten Kreativwettbewerb gewürdigt. Torben Schmidt resümiert:

Natürlich kann so eine Auseinandersetzung mit dem Thema auch von jeder Schule in Eigenregie durchgeführt oder von Schulbuchverlagen angeregt werden, aber nicht im Hinblick auf das Gesamtergebnis. Die wissenschaftliche Aufbereitung des Themas, die Fortbildungen der Lehrer, die Vernetzung mit anderen Schulen national und transatlantisch schufen in dieser Verbindung optimale Voraussetzungen für den Erfolg des Projekts und eine zuverlässige Wahlprognose.

Dieses Jahr sahen die deutschen Schüler_innen in ihrer Wahlprognose die Demokratin Hillary Clinton mit 361 Wahlmännerstimmen eindeutig vor ihrem republikanischen Herausforderer Donald Trump. Wie nahe die Projektteilnehmer damit dem tatsächlichen Wahlergebnis gekommen sind, wird sich in den Morgenstunden des 9. November 2016 zeigen.


Weitere Informationen

Prof. Dr. Torben Schmidt
Universitätsallee 1, C5.135
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2616
Fax +49.4131.677-2666
torben.schmidt@leuphana.de

Joannis Kaliampos
Universitätsallee 1, C5.102b
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1662
Joannis.Kaliampos@leuphana.de


Redaktion: Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.