Meldungen aus der Universität

Eine Brücke schaffen: Besuch von Überlebenden aus Ozarichi an einer ehemaligen Kaserne ihrer Peiniger

25.09.2017 Prof. Dr. Ulf Wuggenig organisierte im Rahmen seiner Einbindung in den Arbeitskreis Gedenkkultur am 11. August 2017 den Besuch einer Gruppe von Belarussinnen an der Universität. Die Besucherinnen haben als Kinder eines der schrecklichsten Todeslager überlebt, die von der Wehrmacht eingerichtet wurden.

Vertreterin der Studierenden Lea Ortmanns (links), Übersetzerin Natalia Gerhard
Von links nach rechts:
Maria Schetschko, Maria Lapowa, Valentina Odnokrylowa, Valentina Schislo, Begleiterin Helga Chrapa und Ulf Wuggenig
Begrüßung durch den Dekan der Fakultät Kulturwissenschaften, Prof. Dr. Ulf Wuggenig (stehend) im Kunstraum. Von der Mitte nach links: Natalia Gerhard (Übersetzerin, stehend), Lidija Dormasch, Maria Nowik, Maria Schetschko, Maria Lapowa, Valentina Odnokrylowa, Valentina Schislo und Begleiterin Helga Chrapa. Gegenüber drei Generationen von Studierenden und Mitorganisator Peter Raykowski, VVN.

Es handelte sich dabei um ein Kriegsverbrechen im Raum Ozarichi, begangen unter maßgeblicher Beteiligung von Soldaten der im Dezember 1940 in Lüneburg für das „Unternehmen Barbarossa“ aufgestellten 110. Infanterie-Division. Teile dieser Einheit waren während des 2. Weltkriegs in der Lüneburger Scharnhorst-Kaserne stationiert bzw. wurden von diesem Ort aus in Bewegung in Richtung Osten gesetzt. Bei ihrem Besuch wurden die Frauen von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, VVN, dem Arbeitskreis Gedenkkultur der Leuphana sowie von ehrenamtlichen Helferinnen begleitet.

Im März 1944 fanden in eisiger Kälte im Umland der Stadt Ozarichi im südöstlichen Weißrussland Deportationen und mit Massakern verbundene Konzentrationen von zehntausenden Deportierten in vier Lager, die von der Wehrmacht stacheldrahtumzäunt auf Wiesen und im Wald ohne Gebäude eingerichtet wurden, statt. Dies gilt aus militärhistorischer Sicht als das größte Kriegsverbrechen der Wehrmacht an Zivilist_innen an der Ostfront. Ihm fielen nicht weniger als mindestens rund 9 000 Zivilist_innen zum Opfer – Kinder, Frauen, Alte und Kranke, „überflüssige Esser“ im NS-Jargon. Das Verbrechen zählt zu jenen von deutschen Soldaten begangenen Akten der Barbarei, die jeden „Stolz auf die Wehrmacht“ heute und in Zukunft verbietet. Begangen wurde das lange Zeit erfolgreich verschleierte, ungeheuerliche Kriegsverbrechen unter maßgeblicher Beteiligung von Soldaten der 110. Infanterie-Division. Diese war im Dezember 1940 in Lüneburg für den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion aufgestellt worden. Dies wies Historiker Prof. Dr. Christoph Rass (Universität Osnabrück), Mitglied der Historischen Kommission Niedersachsen, in einer mittlerweile vielfach zitierten Studie aus dem Jahre 2003 („Menschenmaterial“. Deutsche Soldaten an der Ostfront) nach und wurde auch in einer von Ulf Wuggenig angeforderten Expertise vom März 2017 bestätigt.

Das Treffen von Überlebenden mit Mitgliedern und Angehörigen der Universität, deren Gebäude im Krieg Ausgangspunkt des Einsatzes der in dieser Einheit zusammen gezogenen Soldaten für den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion waren, erinnert an das ungeachtet seiner Ausmaße in Deutschland noch wenig bekannte bzw. beachtete Verbrechen. Es versucht, eine Aufarbeitung und einen sich auch auf die kommenden Jahre erstreckenden Austausch mit Überlebenden der weißrussischen Lager anzustoßen. Auf Zeitzeug_innen kann man angesichts des die barbarische Dimension des Verbrechens anzeigenden Sachverhalts, dass rund die Hälfte der in die Lager von Ozarichi deportierten Personen sich damals noch im Kindesalter befand, noch länger zählen. Die Besucherinnern, die sich heute im Alter von 75 bis 81 Jahren befinden, wurden zunächst am Bahnhof empfangen und dann im Rathaus von Lüneburgs Bürgermeister Dr. Gerhard Scharf begrüßt. In seiner Rede hielt Scharf mit Bezug auf die ehemaligen Soldaten der Scharnhorst-Kaserne für die Stadt Lüneburg erstmals ausdrücklich fest: „Insofern hat die Stadt hier eine besondere Verantwortung.“ Gegenüber einer Hildesheimer Zeitung sagte  Valentina Schislo, Sprecherin der Gruppe der Belarussinnen, über ihre ersten Tage in Deutschland: „Unsere eisigen Herzen sind weicher geworden.“  

Anschließend wurden die Besucherinnen zum Campus gefahren. Dort trafen sie im Kunstraum der Leuphana mit Studierenden und Lehrenden der Universität, dem Arbeitskreis Gedenkkultur und Mitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus (VVN) zusammen. Der Kunstraum der Leuphana war 2016 Ort eines Initial-Workshops zur Erinnerungskultur und -politik in Lüneburg mit den Hamburger Künstler_innen Michaela Melián und Christoph Schäfer. 2017 folgten drei wissenschaftlich fundierte Ausstellungen („Hinterbühne I – III“) in Kooperation mit Christoph Rass zur Militarisierung von Lüneburg unter Vorzeichen der Wehrmacht, zum militärischen Einsatz der Infanterie-Soldaten der „Wikinger-Division“ der Scharnhorst-Kaserne und des lokalen „Löwengeschwaders“ der Luftwaffe in West und Ost sowie zum Kriegsverbrechen von Ozarichi im Jahre 1944. In seiner einführenden Rede zitierte Ulf Wuggenig den Aphorismus des spanischen Philosophen Jorge de Santayana: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“ Erinnerung, auch schmerzhafte, kann dazu beitragen, dass das vergangene Unrecht nicht vergeblich war. „Erinnerung sollte nach unserem Verständnis dialogischen Charakter haben und sich insbesondere auch auf die authentische Erfahrung von Zeitzeugen stützen können.“ Direkt an die Besucherinnen aus Ozarichi gewandt führte Wuggenig fort: „Wir sind Ihnen überaus dankbar, dass Sie als Zeitzeugen dieser schrecklichen Verhaltensweisen und Praktiken unserer Vorväter heute für einen Austausch zur Verfügung stehen. Wir sind auf diese Weise in der Lage, das abstrakte Material mit Erfahrung zu bereichern und darüber hinaus eine Brücke zu schaffen, auch über die Generationen hinweg. Denn Sie treffen hier auf Studierende aus drei Generationen – aus einer jungen Generation, aus Ihrer eigenen und aus einer mittleren.“

Auch Unbequemes erinnern

AStA-Sprecherin Léa Oltmanns richtete im Namen der Studierendenschaft das Wort an die Frauen aus Ozarichi: „Gerade in Anbetracht von europaweit erstarkenden rechten Strömungen erachtet die Student_innenschaft es als besonders wichtig, an die nationalsozialistischen Verbrechen zu gemahnen.“ Sie fügte hinzu: „Uns als Student_innenschaft ist es wichtig, eine Gedenkkultur am Campus zu etablieren, die einen Gegensatz zur Ehrenkultur der Stadt bildet. Dort werden die Lüneburger Kriegsverbrechen zumeist ausgeblendet, nur an die scheinbar heldenhaften Taten der Soldaten wird erinnert. Es ist wichtig, dass die Universität und vor allem wir Student_innen nicht den unbequemen Teil der deutschen Vergangenheit vergessen. Wir dürfen nicht die historische Bedeutung der Gebäude ignorieren, die wir täglich betreten. Es kann nicht richtig sein, dass in Vergessenheit gerät, dass von diesen Kasernen, in denen heute Lehre und Forschung stattfinden, Kriegsverbrechen ausgingen.“

Für das Präsidium der Universität sprach Vizepräsidentin Prof. Dr. Beate Söntgen: „Ich kann Ihnen versichern, dass die Universität mit all den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Geist des Faschismus und des Krieges ankämpft“, und ergänzte: „Dass wir nach so vielen Jahren erst erfahren haben, welches Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung in Ozarichi hier in Lüneburg, auf dem Gelände unserer Universität, seinen Ausgang genommen hat, das verdanken wir der Forschung und Ausstellung unseres hochgeschätzten Kollegen Ulf Wuggenig und den Hinweisen durch die VVN.“ Schließlich richtete angesichts der starken Überrepräsentation von Frauen unter den Deportierten und Ermordeten von Ozarichi – speziell ausgewählt worden waren Frauen mit Kindern unter 10 Jahren – die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Kathrin van Riesen das Wort an die überwiegend weiblichen Gäste. In ihrer Rede sagte sie: „Zivilbevölkerung leidet immer im Krieg, aber besonders schwer trifft es die Frauen. Sie sind vielfach allein und tragen große Verantwortung für Leib und Leben von Kindern, Alten und Kranken. Zudem – und das will ich hier heute nicht unerwähnt lassen – sind Frauen und Mädchen in Kriegszeiten immer auch Kriegsopfer.“

Von links nach rechts: Maria Nowik, Maria Schetschko, Maria Lapowa, Valentina Odnokrylowa
Vizepräsidentin Beate Söntgen

Stimme der Zeitzeugen

Die Ausstellungen „Hinterbühne I - III“ im Kunstraum der Leuphana befassten sich mit der militärischen Vergangenheit des Campus‘ und der Lüneburger Garnison, den Kriegsverbrechen der in Lüneburg stationierten Einheiten sowie der dahinterliegenden Vorstellung von Männlichkeit bzw. Megalothymia. Als Kurator der Ausstellungen (gemeinsam mit Cornelia Kastelan) legte Wuggenig Wert darauf, die Studierenden seines die Ausstellung begleitenden Seminars ungeachtet der vorlesungsfreien Zeit zu dem Treffen mit den Überlebenden aus Ozarichi einzuladen. Ihm war es wichtig, Studierende, die im Hinblick auf Nationalsozialismus und zweiten Weltkrieg bereits „post-memory“-Generationen mit großer zeitlicher Distanz zu den Geschehnissen repräsentieren, an das Thema heranzuführen. „Um diese Erinnerung weiterzugeben, hat sich ein Austausch mit Überlebenden angeboten“, kommentiert er. Ihm erscheint bedeutend, die Erinnerung auch durch Stimmen von Zeitzeugen wachzuhalten. Dabei nimmt er eine Gegenposition zur Systemtheorie ein, die betont, dass in Zusammenhang mit Erinnerung auch das Vergessen wichtig sei: „Gelegentlich heißt es, man könne nicht wissenschaftlich arbeiten, wenn man nicht abstrahieren und damit vergessen würde – das Konkrete, Details u.ä. Als hauptsächliche Leitlinie für die historische Erinnerungskultur ist dieser Grundsatz jedoch denkbar ungeeignet. Wir halten uns an den Satz von Santayana. Ob er wirklich zutrifft, ist freilich ungewiss. Man kann ja durchaus immer pessimistischer werden, wenn man das Zeitgeschehen verfolgt, aber man muss es zumindest versuchen.“

Dass er authentische Aussagen von Menschen, die ein Ereignis selbst miterlebt haben, ernst nimmt, ist nicht selbstverständlich. „Ich finde das aus wissenschaftlicher Perspektive durchaus wichtig, obwohl manche Historiker dagegen von einer ‚Störung der Geschichtsschreibung durch Zeitzeugen‘ sprechen. Diese Position teile ich nicht, da ich mich als Sozialwissenschaftler in der Tradition von Bourdieu an der Notwendigkeit der Synthese von Objektivismus und Subjektivismus orientiere. Ich fand sehr lehrreich, was die ihr Leben lang von ihren Erfahrungen im Kindesalter geprägten Frauen zu erzählen wussten. Und das Berichtete greift auch in geschichtswissenschaftliche Debatten ein. Dies gilt etwa für die Frage, ob an der Ostfront neben dem Einsatz direkter physischer Gewalt gezielt auch mit einer besonders perfiden Form von biologischer Kriegsführung gearbeitet worden ist – ein kontrovers eingeschätzter Sachverhalt. Die Frauen aus Ozarichi waren nach ihrer Erinnerung jedoch einer spezifischen Form von Biopolitik ausgesetzt. Sie erzählten, dass sie auch als biologisches Schutzschild gegen die anrückende Rote Armee missbraucht wurden. Diese „subjektive“ Perspektive ist gegenüber einer „objektiven“, archivbasierten gleichfalls ernst zu nehmen. Die Frage nach der intentionalen Verseuchung der weißrussischen Lager mit Fleckfieber, um nicht nur die Deportieren, sondern auch die in megalothymer Überheblichkeit zunächst maßlos unterschätzte, jedoch in Wirklichkeit unaufhaltsam vorrückende Rote Armee auf diese Weise zu treffen, ist auch eine wichtige Forschungsfrage in der Militärgeschichte.
Wuggenig weist darauf hin, dass zurzeit Santayanas Aphorismus auch umgekehrt, affirmativ, benutzt wird. So trat der ehemalige Berater des US-Präsidenten, Steve Bannon, im Februar 2017 mit der Äußerung hervor, Geschichte werde sich wiederholen („History repeats itself“). Er meinte das nicht deskriptiv, sondern mit unverkennbar normativem Beiklang.  

Die Verantwortung von Universität und Stadt

Wuggenig sieht die Universität in einer besonderen Verantwortung. Die mit der Stadt Lüneburg und ihren militärischen Verbänden verbundene Geschichte, ihre Aufzeichnung und Tradierung kann – durchaus unter kritischer Berücksichtigung des lokalen sozialen und kulturellen Gedächtnisses verlässlich nur von der Universität übernommen werden, was auch dem zivilgesellschaftlich orientierten Selbstverständnis der Leuphana entspricht. Dies umfasst nicht zuletzt den Impuls der Universität gegenüber der Stadt, sich ihrer Geschichte zu stellen und sich mit ihr auseinander zu setzen. Ein Impuls der in den Ausstellungen, Diskussionen und Aktionen des vergangenen Sommersemsters begonnen hat und den die Leuphana und der Arbeitskreis Gedenkkultur weiterhin versuchen werden, gemeinsam mit der Stadt Lüneburg zur gemeinsamen Aufarbeitung der Stadtgeschichte zu nutzen. 


Kontakt

Apl. Prof. Dr. phil. Ulf Wuggenig
Universitätsallee 1, C5.033
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1613
Fax +49.4131.677-2602
ulf.wuggenig@leuphana.de


Autor: Martin Gierczak, Redaktion: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.