Meldungen aus der Universität

Wirtschaftswissenschaftliche Impulse zu Gender und Diversität – Salongespräch Nachhaltiges Wirtschaften

02.03.2018 Welchen Beitrag können die Wirtschaftswissenschaften zu Gender- und Diversitätsaspekten leisten? Welche Impulse können aus der Wissenschaft für die Praxis gegeben werden? Das Salongespräch des Netzwerkes Geschlechter- und Diversitätsforschung zeigte Verbindungslinien auf.

Viktoria Kickinger, Barbara Hartung, Beate Friedrich (v.l.n.r.)

Diversitätsforschung im wirtschaftlichen Bereich sollte nicht instrumentalisiert, sondern als fester Wert verankert werden, betonte Vizepräsidentin Beate Söntgen in ihrem Grußwort. Mit diesem Salongespräch gebe das Leuphana-Netzwerk Geschlechter- und Diversitäsforschung wichtige Impulse hierfür. Anschließend gaben die externen Gäste – Dr.in Viktoria Kickinger, Gründerin von Directors Academy und Director's Channel; Prof.in Dr. Ulrike Knobloch, Universität Vechta, Professur Ökonomie und Gender und Dr.in Barbara Hartung, Ministerialrätin Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur – jeweils ein Eröffnungsstatement. 

Hartung betonte wie wichtig es sei, das kritische Potenzial, welches der Geschlechterforschung innewohnt, zu nutzen und zu erhalten. In diesem kritischen Potenzial sieht sie die Chance zu hinterfragen wie gewirtschaftet wird und wer in Prozessen die Macht hat – fast immer ließen sich hier Leerstellen finden, die ein Ansatzpunkt für Veränderungen sein können. Kickinger hob insbesondere das Wertesystem der skandinavischen Länder hervor, in denen Care-Arbeit als selbstverständlich und das Erwerbsarbeitsleben nicht behindernd angesehen werde. Vielmehr sei eine Vereinbarkeit aufgrund größerer Flexibilisierung für alle Geschlechter möglich und Frauen in Führungspositionen häufiger vertreten als in Deutschland.
Knobloch, die lange Zeit in der Schweiz gelebt und gearbeitet hat, spannte einen Bogen von der Gründungszeit des deutschsprachigen Netzwerkes „Vorsorgendes Wirtschaften“ in den 1990er Jahren bis zu ihrer aktuellen Professur für Ökonomie und Gender im Fach Wirtschaftsethik, die in diesem Punkt die Aussagen Kickingers bestätigend, an den Einstellungen und Werten innerhalb der Ökonomie ansetze, um das nach wie vor vorherrschende Bild des „Homo Oeconomicus“ zu verändern. Für sie gibt es jedoch nicht DIE Ökonomie, vielmehr seien spezifische Anknüpfungspunkte für die BWL, die VWL, die Wirtschaftspolitik, die ökologische Ökonomie etc. erforderlich. Gender Pay Gap und Frauenquote seien dabei die in der Öffentlichkeit am bekanntesten, es gehe aber vielmehr auch um Fragen von bezahlter und unbezahlter Arbeit und unser Wachstumsparadigma. Sie wies auf die erschütternde Seltenheit von Gender- und Diversitätsthemen in ökonomischen Feldern hin – auch im universitären Betrieb. Ihre Professur in Vechta stelle eine glückliche Ausnahme dar, die es ermögliche Fragestellungen abseits des wirtschaftlichen Mainstreams zu stellen. 
Die kompakten Keynotes regten zu zahlreichen Kommentaren und Fragen aus dem heterogenen Publikum aus Netzwerkmitgliedern und Gästen aus Wissenschaft und Praxis an. Es entstand ein Gespräch dazu, inwiefern Unternehmen kontrolliert werden müssen, um festzustellen ob Richtlinien eingehalten werden und Veränderungen auch wirklich durchgeführt werden können. Hier warf eine Zuschauerin ein, dass Kontrolle ganz essentiell für die Verankerung neuer Ziele sei, da Unternehmen sonst alleine nichts ändern – Andere sahen langfristig angelegte Werteveränderungen, die durch Impulse aus Gesellschaft und Wissenschaft gegeben werden, als zielführend an.

Moderatorin Dr.in Beate Friedrich wollte von den beiden internen Panel-Teilnehmer_innen der Leuphana – Prof. Dr. Patrick Velte, Professur für Accounting und Auditing und Dr.in Brit-Maren Block, Institut für Produkt- und Prozessinnovation – wissen, wo sie spezielle Impulse der Wirtschaftswissenschaften zu Gender-und Diversitäts-Themen sehen. Beide betonten zunächst eine positive Berücksichtigung dieser Aspekte an der Leuphana, insbesondere in der Betriebswirtschaftslehre im Vergleich zu anderen Universitäten, und sehen zudem diversitätsfreundliche Lehrkonstruktionen, die auch Studierende, die erschwerte soziale Zugangsbedingungen haben, fördern. Velte nannte Regulierungen, wie zum Beispiel Diversity-Reporting, die Firmen zum Nachdenken anregen, als wichtigen Impuls für Diversitätsthemen. Er hob in Übereinstimmung mit weiteren Panel-Teilnehmenden das Gender-Diversity-Zertifikatsstudium an der Leuphana hervor, das bislang Bachelor-Studierenden (und zukünftig auch vertiefend im Master) die Auseinandersetzung mit kritischen Theorien und innovativen Denkansätzen bietet. Kickinger ging soweit, dass sie dieses Angebot als verpflichtende Veranstaltung für Studierende der Wirtschaftswissenschaften empfahl. Tanja Mölders, Professorin für Raum und Gender von der Leibnitz Universität Hannover aus dem Publikum erläuterte, warum in manchen Fächern die Geschlechterforschung so schwierig zu integrieren sei: zum einen übe Geschlechterforschung Kritik an den Grundfesten der Disziplin, in der Ökonomie frage sie beispielsweise danach „was ist Arbeit?“ Dies führe erst einmal zu Irritationen und möglicherweise Ablehnung. Der Aspekt Lebensqualität, der damit in den Blick rücke, könne jedoch dazu beitragen, aus der feministischen Forschung zu lernen und Ansätze zu übernehmen. Ein positives Beispiel biete die ursprünglich angelegte „frauengerechte Planung“, die auf feministische Forderungen der 70er Jahre zurück geht, und heute als „Stadt der kurzen Wege“ ein Qualitätsmerkmal guter Planung darstellt. 

Abschließend nannte das Panel hauptsächlich Anknüpfungspunkte in Bildung und Lehre um Gender- und Diversitätsthemen weiter zu vertiefen. Ein Beispiel hierfür sei eine Lehre des gesamten Spektrums der Ökonomie, zum Beispiel ein Einbezug von Pluraler Ökonomik, eine realitätsnähere und an gesellschaftliche Kontexte angepasste Ökonomie, in Lehrpläne. Zudem nannte Kickinger eine stärkere Integration von generellen Gender- und Diversitätsthemen in der Lehre, um weitere Gruppen zu erreichen und so einen diversen wirtschaftlichen Nachwuchs zu erhalten. 



Autorin: Fee Kunze