Meldungen aus der Universität

Diversity works! Hochschulentwicklung angesichts migrationsbedingter Vielfalt

05.06.2018 Diversität an der Leuphana Universität bedeutet seit dem Frühjahr 2015 auch, dass sich die Universität als eine der ersten Hochschulen in Deutschland für Geflüchtete geöffnet hat. Aus einer studentischen Initiative entwickelte sich das Bündnis „Hochschule ohne Grenzen“.

Menschen mit Fluchterfahrungen, die in ihrem Herkunftsland ein Studium abbrechen mussten oder fluchtbedingt gar nicht erst antreten konnten, sollte ein schneller und unkomplizierter Zugang zu den Studienangeboten der Leuphana ermöglicht und so die oftmals langwierige Zeit bis zu einer regulären Bewerbung um einen Studienplatz überbrückt werden. Aus den ersten Angeboten – das „Interkulturelle Tandem“ am Sprachenzentrum, das Gasthörerprogramm („Open Lecture Hall“) und die Möglichkeit, im Rahmen des „Brückenstudiums“ erste Prüfungsleistungen ablegen zu können — ist in den vergangenen drei Jahren ein sehr gut nachgefragtes Angebot entstanden, das offiziell am International Office und dem Sprachenzentrum der Leuphana angesiedelt ist und über verschiedene Drittmittel getragen wird. Es lebt aber vor allem auch von der Vernetzung mit der Lüneburger Zivilgesellschaft und dem Engagement der beteiligten Studierenden, Lehrenden und Mitarbeiterinnen wie Mitarbeiter. 

Allein 2017 nahmen am Sprachenzentrum knapp 90 Geflüchtete am Programm „MitSprache ins Studium“ teil, das vom DAAD gefördert wird. Es umfasst neben Sprachkursen auch die Studienorientierung, wodurch die Integration ins Fachstudium gelingen soll. Gefordert ist dafür eine Zertifizierung auf Sprachniveau C1-Hochschule. Zum Vergleich werden von  denjenigen, die sich für englischsprachige Masterstudiengänge bewerben, Englischkenntnisse auf Niveau B2 verlangt. Doch selbst wenn das Deutschzertifikat erfolgreich abgelegt wurde, bestehen Hürden für den Hochschulzugang fort: Für eine Immatrikulation müssen zugleich häufig Englischkenntnisse nachgewiesen werden oder Studiengänge sind generell zulassungsbeschränkt. Um den Anteil internationaler Studierender zu erhöhen, werden daher an verschiedenen deutschen Universitäten neue Wege beschritten, sei es durch die Gewährung zusätzlicher Punkte bei der Studienbewerbung durch Motivationsschreiben, die Anerkennung ehrenamtlichen Engagements oder der Fluchterfahrung selbst.

Als besonderen Erfolg bewerten die Koordinatorinnen am Sprachenzentrum, dass sie durch gezielte Ansprache und Hilfe bei der Suche nach Kinderbetreuung auch in weiterer Hinsicht für Diversität sorgen konnten: an den Angeboten der Leuphana nehmen deutlich mehr geflüchtete Frauen teil als an vergleichbaren Kursen. Im Wintersemester 2017/18 waren im MitSprache-Programm 35% der Teilnehmenden Frauen, bundesweit liegt die Quote an Universitäten lediglich bei maximal 20%.

Eine solche Teilnehmerin ist die Ingenieurin Alaa Zetauny, die bereits in ihrem Herkunftsland Elektrotechnik mit Schwerpunkt Computer/IT studiert hat und gute Deutschkenntnisse für sehr wichtig hält. Ihre Herkunft habe für ihre Teilhabe auf dem Campus keine Rolle gespielt: „In der Uni ist es sehr offen, man hat keine Schwierigkeiten mit dem Kontakt. Ich habe hier meine Kurse und ich war genauso wie die Deutschen. Es gab keine Probleme, alle waren offen und wenn ich frage, dann antworten sie gerne. In meinem Stadtteil, wo ich wohne, sind manche ältere Menschen sehr nett und fragen, ob sie helfen können. Manche sind sehr vorsichtig und wollen keinen Kontakt, manchmal sind sie ein bisschen böse auf uns. Aber ich akzeptiere das. In meiner Heimat gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass jedes Fremde auch Angst macht.“ Unterschiede zwischen ihr und anderen Studierenden gebe es hingegen durchaus: „Ich bin schon ausgebildeter, ich habe viele Erfahrungen. Ich habe schon studiert, ich habe eine Flucht erlebt. Manche sehen etwas als nicht so wertvoll an wie ich. Durch unsere Flucht sehe ich, wie viele gute Sachen ich habe. Ich bin zufriedener und dankbarer.“

Internationalisierung „at home“

Sina Strauchmann, die an der Leuphana im zweiten Semester im Master Bildungswissenschaften studiert, ist seit einem halben Jahr als „Buddy“ aktiv. Auf Wunsch wird geflüchteten Teilnehmenden der verschiedenen Angebote ein*e reguläre*r Studierende*r an die Seite gestellt – ein „Buddy“ -, der oder die bei der Orientierung auf dem Campus oder im Unialltag unterstützen kann. Von Sina und vielen anderen Buddies wird die Teilnahme jedoch nicht als einseitige Unterstützung, sondern als gelebte Internationalität verstanden. Es ginge ihr um interkulturelle Erfahrungen und nicht: „Oh, da sind jetzt die Geflüchteten, die brauchen jetzt meine Hilfe.“ Sie sei eher durch Zufall zum Buddy-Programm gekommen und um einfach nette Leute kennenzulernen, erzählt Sina. Über gemeinsame Aktivitäten seien auch über das Buddy-Tandem hinaus Freundschaften entstanden: „Wir begegnen uns auf Augenhöhe“, unterstreicht die Studentin. Sie habe vor allem selbst viel gelernt durch die Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen und Erfahrungen. Durch die verschiedenen Angebote wird letztlich die Leuphana, aber auch die Stadtgesellschaft insgesamt bereichert, denn mit der Internationalisierung sei auch eine weitreichende Vernetzung und eine kulturelle Bereicherung durch verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen einhergegangen. Sina ist der Meinung: „Ein neues kulturelles Leben ist möglich. Eine internationale und interkulturelle Universität ist fruchtbarer als eine national ausgerichtete Universität.“

Austausch und Kommunikation betont auch ein syrischer Teilnehmer an der Open Lecture Hall, der auch auf dem Campus in einer WG wohnt. Viele Menschen würden sich ein Bild der Welt lediglich über das abendliche Fernsehen bilden. Gerade über den Nahen Osten und sein Herkunftsland hätten viele nur sehr oberflächliche Vorstellungen, die natürlich durch den aktuellen Krieg geprägt seien. Wenn sein Gegenüber interessiert sei, würde er im Gespräch gern ein anderes Bild vermitteln. Er gebe den Leuten einen anderen Blickwickel: „Manchmal habe ich sehr großes Interesse, es den Menschen zu erklären.“ Die häufigste Frage, die er beantworten müsse, sei jedoch nicht zur Lage in Syrien, sondern zu seiner Religion: „Ob ich als Muslim Bier trinke“, wollten die meisten zuerst wissen. Da er wegen des Krieges – er sei zunächst in die Türkei geflohen, da er keine Waffe habe tragen wollen – keinen Schulabschluss habe machen können, besucht er zurzeit die musikalischen Angebote auf dem Campus, um die Zeit zu überbrücken, bis er zur Schule gehen kann. 

Vielfalt als Lernchance

Seit dem Sommersemester 2018 wird erstmals ein Vorkursprogramm angeboten, derzeit in Mathematik, für Personen, die an einem Studium der Wirtschaftswissenschaften oder der Ingenieurswissenschaften interessiert sind. Daran nimmt auch Alaa Zetauny von „MitSprache“ teil. Es geht den verschiedenen Angeboten, die im Bündnis „Hochschule ohne Grenzen“ vernetzt sind, aber nicht nur darum, die Studierfähigkeit von Geflüchteten zu erhöhen, sondern auch darum, dass sich Hochschulen auf eine diversere Gesellschaft einstellen. 

An der Leuphana Universität Lüneburg wird dieses Ziel beispielsweise seit dem Wintersemester 2014/15 mit den Seminaren „Interkulturelles Tandem“ im Komplementärstudium sowie dem Projekt „Pluralität als Lernchance“ (PluraL) verfolgt, das vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert wird und an der Leuphana am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik verortet ist. Das PluraL-Projekt ist dem Gedanken des Service Learning verbunden: Lehramtsstudierende erwerben in zusätzlichen, freiwillig belegten Workshops und Seminaren theoretische Kenntnisse zu Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Bildungssprache, Mehrsprachigkeit, Diversität und Interkulturalität und setzen diese Kenntnisse in die Praxis um, indem sie Geflüchtete aller Altersstufen beim Deutschlernen unterstützen. Die Studierenden erwerben dabei Kompetenzen in der Deutschvermittlung sowie im konstruktiven Umgang mit Diversität im Schulbereich und in der Erwachsenenbildung und sie erhalten ein Zertifikat, welches ihnen Kompetenzen in den o.g. Bereichen bescheinigt. Dieses PluraL-Zertifikat qualifiziert Lehramtsstudierende zudem für die Arbeit in Sprachlernklassen an niedersächsischen Schulen, denn an entsprechenden Lehrkräften besteht ein sehr hoher Bedarf.

Trotz aller Erfolge bestehen strukturell bedingte Hürden fort: Formal haben die Teilnehmenden an den verschiedenen Programmen keinen Status als Studierende, daher besitzen sie weder Studienausweis noch Semesterticket, wodurch sich ihre Mobilität oftmals als schwierig gestaltet. Weitere Probleme entstehen bei der Studienfinanzierung oder der Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum. Trotz aller fortbestehenden Barrieren, die außerhalb der Handlungsspielräume der Programmverantwortlichen liegen, hält das „Bündnis Hochschule ohne Grenzen“ an einem Ziel fest – dass die Leuphana nicht nur vom Austausch profitiert, sondern in nicht allzu ferner Zukunft regulären Studierenden mit Fluchterfahrungen einen akademischen Abschluss verleihen kann.



Autor: Bündnis “Hochschule ohne Grenzen”