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10. Heinrich-Heine-Gastdozent Peter Stamm: Literatur als Garten in der Wildnis

20.06.2018 Im Rahmen der Heinrich-Heine-Gastdozentur las der Schweizer Autor Peter Stamm im Forum des Zentralgebäudes aus seinem neuesten Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“. Darin trifft der Protagonist Christoph in Stockholm auf eine 20 Jahre jüngere Frau, die mit ihrem Partner eine Wiederholung dessen zu leben scheint, was Christoph mit seiner Exfreundin 16 Jahre zuvor erlebt hat. Als thematisches „Zurückkommen auf Agnes“, seinen 1998 erschienenen Debütroman, bezeichnete Stamm sein aktuelles Werk.

„Die Suche nach einem Weg ist zentral für mein Schreiben“, erklärte Peter Stamm. „Das ist gerade der Reiz von Geschichten: In einer chaotischen Welt ist Literatur eine Art Garten in der Wildnis, mit Logik und Form.“ 
Wiebke Porombka, freie Literaturkritikerin und Jurymitglied des Preises der Leipziger Buchmesse, moderierte das an die Lesung anschließende Autorengespräch. Beim Lesen des Romans kamen ihr Assoziation zu Bildern des niederländischen Malers und Graphikers M.C. Escher: „Bei seinen Bildern bemerkt man erst auf den zweiten Blick eine Art Knick oder ein Rätsel“, beschrieb sie, „ohne dabei aufzeigen zu können, wo genau man in diese Richtung abgebogen ist. Bei ‚Die Sanfte Gleichgültigkeit der Welt’ ging es mir ähnlich, das Buch hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck.“ 

Die Literaturkritikerin wies darauf hin, dass durch die zwar zeitlich versetzten, aber doch gleich erlebten Ereignisse das Doppelgängermotiv zentral in Stamms Roman ist. In der Romantik galt das Doppelgängermotiv als Chiffre für einen Verlust an Individualität. Dies sieht Stamm in seinem Werk nur eingeschränkt: „Ich glaube nicht daran, dass es Doppelgänger gibt. Letztendlich kann ich meinen Figuren nicht in den Kopf gucken, aber ich glaube Christoph diese Doppelgängergeschichte nicht.“ Auch er als Autor selbst lerne immer wieder neues über seine Figuren, besonders beim Vorlesen. 
Nach dem Titel des Buches befragt, erklärte Stamm, dass die Suche nach einem passenden Titel nicht einfach war. Schließlich kam der Vorschlag von seinem Lektor in Anlehnung an ein Zitat von Albert Camus ‚Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt’. 
Die Frage Porombkas, ob der Roman auch die Angst vor dem Altwerden thematisiere, verneinte Stamm: „Es geht eher um die Frage: Wie erinnern wir uns an unser Leben? Waren Ereignisse wirklich so, wie wir sie in Erinnerung haben? Und spielt das überhaupt eine Rolle?“ 


Autorin: Morgaine Struve