Meldungen aus der Universität

Mission impossible? Interfakultäres Kolloquium zur „Third Mission“

16.07.2018 Zurzeit werden Universitäten von Politik und Medien nachdrücklich aufgefordert, sich stärker der Gesellschaft zu öffnen. Dies wird, neben Forschung und Lehre, als dritte Aufgabe der Universität, als „third mission“ bezeichnet. Doch welchen gesellschaftlichen Auftrag hat die moderne Universität? Ein Podiumsgespräch des Interfakultären Kolloquiums beschäftigte sich mit dieser Frage.

Der Umbruch der deutschen Universität tritt in eine zweite Phase ein. Kaum sind die Kontroversen um die Bologna-Reform der Studiengänge abgeklungen, steht schon der nächste Zankapfel ins Haus: Die Politik appelliert an die Universitäten, neben Forschung und Lehre nun auch verstärkt mit der Gesellschaft in einen Dialog zu treten, zum Beispiel durch die Integration von außeruniversitären Akteuren in Forschungsprojekte. Inwieweit verändert diese Third Mission die Wissenschaftlichkeit von Forschung? Oder hat sich universitäre Forschung nicht schon längst dem von Politik und Wirtschaft erzeugten Relevanzdruck gebeugt? Muss die Universität nun endgültig Abschied nehmen von ihrer traditionellen Ausrichtung an zweckfreier Erkenntnis? 

Was lässt sich aus der Third Mission machen?

Während Markus Reihlen, Vizepräsident der Leuphana für Entrepreneurship, den Transfer interessanter Ideen im Rahmen einer Wissensproduktion mit wissenschaftsexternen Akteuren als weitgehend unproblematisch ansah, konterte Ulf Wuggenig, Kunstsoziologe und Dekan der Fakultät für Kulturwissenschaften, mit dem Verweis, dass Wissenstransfer in erster Linie eine Aufgabe von Fachhochschulen sei. Für die Universität dagegen sei die Third Mission aus zwei Gründen eher kontraproduktiv. Zum einen spiele sie bei der Anerkennung innerhalb der Scientific Community keine Rolle. Diese sei aber gerade für junge Universitäten wichtig, um sich in der Forschungslandschaft zu behaupten. Zum anderen fördere die Third Mission durch die Einbindung von universitätsexternen Laien in Forschungsprojekte den Common Sense, der jedoch hätte für die Universität als einer der Kritik verpflichteten Institution eine geradezu selbstauflösende Wirkung. Im Spannungsfeld zwischen affirmativer Nähe und kritischer Distanz zu konkreten Auswirkungen der Forderung nach einer Third Mission komme es darauf an, darin waren sich die Diskutanten einig, was die Universität aus der Third Mission mache. In den Worten des Sozialpädagogen Philipp Sandermann: „Was heißt das überhaupt, Third Mission? Wenn damit Auftragsforschung unter Einbeziehung externer Akteure gemeint ist, dann muss klar sein, wer an welcher Stelle des Forschungsprojekts etwas macht.“ Wichtig sei, so Sandermann, dass die wissenschaftliche Expertise für den Forschungsprozess leitend sei. 

Ohnmacht und Gestaltung

Die Philosophin Steffi Hobuß, akademische Leiterin des College der Leuphana Universität, brachte die Kontroverse mit Adorno auf den Punkt. Mit dem Autonomiegedanken, der das Selbstverständnis von Universitäten bestimme, werde eine bürgerliche Freiheitsidee konserviert, die vom ohnmächtigen Nicht-Eingreifen bestimmt sei. Andererseits dürfe gesellschaftliches Eingreifen nicht heißen, dass sich die Universität in reiner Anwendung verliere, was sie wiederrum ohnmächtig werden lasse. In dieser Situation komme es darauf an, dass Universitäten sich einem Gestaltungsimperativ unterwerfen, um nicht in Ohnmacht zu erstarren. Für die Identifizierung und Konzeptualisierung von Gestaltungsräumen, sei das College, so Hobuß, mit seiner auf intellektueller Liberalität und gesellschaftlicher Problemnähe aufbauenden Bildungsidee der prädestinierte Ort.

Eine breite Wirkung entfaltete ein Zitat des Soziologen Werner Hoffmann, das der Moderator Karsten Stempel einwarf und zur Diskussion stellte: „Zu wahren ist heute nicht nur die Staatsfreiheit, sondern überhaupt die Interessenfreiheit von Forschung und Lehre, will diese nicht ihre innere Autonomie verspielen. – Dies scheint denkbar weit vom Ausgangsgedanken einer gesellschaftlichen Verantwortung der Universität […] wegzuführen. In Wahrheit ist die Interessenfreiheit von Wissenschaft selbst die erste gesellschaftliche Anforderung an sie. Denn Wissenschaft hat die Interessen, die sich auf sie richten, nicht etwa zu ignorieren, sondern vielmehr selbst zu untersuchen. […] Die primäre gesellschaftliche Aufgabe von Wissenschaft ist, Distanz zwischen sich und die Gesellschaft zu legen.“ Es gelte, leitete Stempel daraus ab, den dritten Auftrag nicht nur zu verstehen und zu kritisieren, sondern zu gestalten, sich ihm zu stellen und situativ zu entscheiden, ob ihm entsprochen werden sollte. 


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Autor: Dr. Andreas Jürgens