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Eine Landkarte der Zukunft. Prof. Dr. Armin Grunwald im Interview

17.09.2018 Der Physiker und Philosoph Prof. Dr. Armin Grunwald leitet unter anderem das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe sowie das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Zu seinen vielfältigen und interdisziplinären Forschungsinteressen gehört künstliche Photosynthese. Im September war er Keynote-Speaker beim Workshop zur Entwicklung des Leuphana Semesters 2018.

Photosynthese ist eine geniale Erfindung der Natur. Lässt sich so etwas überhaupt technisch nachbauen?

Man würde es gerne können. Die Natur ist zwar genial – aber nach menschlichen Maßstäben nicht sehr effizient. Falls man in der Lage wäre, sie technisch nachzubauen, könnte man es auch effizienzsteigernd weiterentwickeln und hätte dann vielleicht eine gute neue Energiequelle. Aber dies künstlich nachzubilden ist technisch sehr anspruchsvoll und wird noch Jahrzehnte dauern.

Damit wären vermutlich Risiken verbunden, wie mit jeder anderen Energiequelle auch. Was macht verantwortliche Forschung aus?

Leider gibt es da keine einfache Antwort. Was Verantwortung konkret bedeutet, ist immer ein Gegenstand von Aushandlungsprozessen. Es ist sozial konstruiert, wie man die Verantwortung verteilt. Eine Minimalanforderung an Verantwortung wäre, Forschung nach den DFG-Standards guter wissenschaftlicher Praxis zu betreiben, also etwa Transparenz in Bezug auf Methoden und Primärdaten zu gewährleisten. Für viele Fragen reichen diese Standards jedoch nicht aus, vor allem wenn es um den Umgang mit möglichen gesellschaftlichen Folgen der Forschung geht. Dann lässt sich die Verantwortung für eine bestimmte Forschung nur interdisziplinär bestimmen. Im vorliegenden Beispiel müsste man etwa Biologen mit Bioethikern zusammenbringen und diskutieren lassen.

Kann man überhaupt auf wissenschaftlich fundierte Weise Technikfolgen abschätzen oder ist es lediglich kluges Raten?

Beides. Man kann die Zukunft nicht in dem Sinne erforschen, wie man eine Chemikalie im Labor erforscht, denn das zu Erforschende, die Zukunft, gibt es nicht. Es gibt keine Daten aus der Zukunft. Dieses triviale Faktum machen sich selbst manche Zukunftsforscher nicht bewusst. Es gibt kein einziges Datum aus der Zukunft, nichts. Die wesentliche Frage ist nun, ob es zulässig ist, das, was wir aus der Vergangenheit wissen, also über Trends oder Statistiken, der Zukunft überzustülpen. Manchmal geht es, manchmal geht es nicht. Als Technikfolgenabschätzer kümmere ich mich um mögliche Zukünfte. Ich sage nicht „hier geht’s lang“, sondern „es gibt die Möglichkeiten a, b und c und die sind mit einem unterschiedlichen Grad an Plausibilität möglich“. Auf diese Weise gewinnt man so etwas wie eine Landkarte der Zukunft. Da sind viele Wege eingezeichnet, manche davon sind disruptiv, brechen einfach ab, andere eher kontinuierlich. Welcher gegangen wird, wissen wir nicht. Aber wenn man die Landkarte hat, dann hat man schon mal ein besseres Bild.

Was wäre eine disruptive Entwicklung der Gesellschaft – zum Beispiel hinsichtlich der Digitalisierung?

Wir beobachten auf dem Arbeitsmarkt, dass bestimmte Tätigkeiten zusehends von Algorithmen und Robotern übernommen werden. Die Frage ist, wie weit das geht. Es gibt eine These, dass der Arbeitsmarkt  in den nächsten zehn, 20 Jahren zusammenbrechen  wird. Es liegen uns Studien vor, die zeigen, dass in den USA 47% der Arbeitsplätze bis 2030 wegfallen werden. Dann wäre die Gesellschaft am Ende. Man könnte nun einwenden, dass auch neue Arbeitsplätze entstehen,  solche, die von der Automatisierung profitieren, etwa im Controlling, in der Software-Entwicklung oder bei gänzlich neuen Geschäftsmodellen. Wir wissen also nicht, wo das in der Summe hinführt. Aber schon alleine weil eine solche Disruption möglich ist, ist es ein Gebot der Vernunft, sich für diesen Fall Gedanken zu machen.

Die EU plant ein Verbot von Strohhalmen. Was halten Sie davon - auch im Kontext davon, dass Sie geschrieben haben „Ökologisch korrekter Konsum kann die Umwelt nicht mehr retten, das reicht nicht mehr“?

Die momentane Plastikdiskussion ist ernüchternd. In den frühen achtziger Jahren gab es den Slogan „Jute statt Plastik“. Das war recht schnell vorbei, Plastik wurde wieder schick, alles wurde verpackt und sogar mehrfach verpackt. Und dann wundert man sich darüber, dass es ein Problem damit gibt. Das ist leider keine gute Lerngeschichte. So weit wie wir gesellschaftlich jetzt sind, so weit waren wir schon einmal vor 30, 40 Jahren. Bei Strohhalmen im Besonderen weiß nicht, welchen Anteil die haben am Plastikproblem. Aber, in der Tat, das Konsumverhalten hat Plastik in hohem Maße wieder akzeptiert und zwar in viel höherem Maße als man noch vor 30 Jahren gedacht hätte.

Verbraucherinnen und Verbraucher unterscheiden nach vielen Kriterien. Ökologische mögen manchmal dabei sein, aber sie sind nicht dominant. Und man kann das auch von niemandem erwarten. Dass der Trend, einfach immer mehr Plastik zu verwenden, sich einfach so Bahn greifen konnte, ist auch ein Ergebnis verfehlter Anreizsysteme und verfehlter Ordnungspolitik. Dann sind auch schon Dinge in der Kontextsteuerung schief gelaufen. Man kann auch den Konsumenten, die am Schluss einer solchen Kette sitzen und dann Plastik in Form von Verpackungsmaterial, Strohhalmen und dergleichen kaufen und nutzen, keinen Vorwurf machen. Das simple Verbot ist natürliche eine unschöne Form von Regulierung. Da würde ich mir etwas Intelligenteres wünschen.

Was wäre eine bessere Lösung?

Meine ideale Welt in Sachen Konsum wäre die, dass ich im Supermarkt einfach das kaufen kann, woran ich Spaß habe und wozu das Geld reicht und die Sicherheit hätte, dass alles was ich kaufe, automatisch nachhaltig ist. Dafür gesorgt hätten Produzenten und zwar im Rahmen von Anreizsystemen und Steuergesetzgebung und Regulierungen, die politisch gesetzt worden sind.

Welche Rolle spielen Universitäten bei Wandlung, Nachhaltigkeit oder Innovationen?

Universitäten sind die zentrale Quelle von Innovation. Es gibt viele Ideen, wie etwas funktionieren könnte, die zuerst an der Universität geboren werden. Und eigentlich nur dort geboren werden können, weil es da das Privileg des Forschens gibt - ohne gleich auf die Marktverwertbarkeit zu schauen. Viele Entdeckungen entstehen sozusagen „spielerisch“ im Labor, die dann später wichtige Innovationslinie eröffnen helfen. Zudem nur an der Universität der Raum dafür besteht, Ideen auch kritisch zu reflektieren.

Wie finden Sie die Leuphana?

Ich kann nur sagen – und das tue ich nicht, weil ich hier Gast bin – dass die Leuphana für mich etwas Besonderes ist. Eine Universität, die sich dem Profil der Nachhaltigkeit verschrieben hat und dies so weit nach vorne stellt, das ist für mich ein Alleinstellungsmerkmal. Das ist letztlich auch der Grund, warum ich immer wieder gerne hierher komme.

Vielen Dank für das Gespräch!



Das Interview führte Martin Gierczak.