Meldungen aus der Universität

Unvermeidliche Fremdheit. Zu Kompetenzen und Bildung

04.02.2019 Ein Mensch hat einen gewissen Wissens- und Persönlichkeitsstand. Sie oder er geht in eine Einrichtung wie eine Schule oder eine Universität und kommt dann verändert wieder heraus. Was sollte zwischen diesen beiden Punkten geschehen? Ist es die Formung der Persönlichkeit, mit umfassenden Wissen, ethisch vertretbaren Werten und kognitiver Flexibilität – also das, was gemeinhin BILDUNG genannt wird? Oder sollten Universitäten und Schulen eher konkrete und anwendbare Praxisfähigkeiten, kurz KOMPETENZ, vermitteln? Der Konflikt zwischen diesen beiden möglichen Zielsetzungen beschäftigt Erziehungswissenschaft und Universitäten seit Jahren.

Die Ringvorlesung „(Un)bedingte Bildung – bildungstheoretische Fragen an die kompetenzorientierte Universität“ im Wintersemester 2018/19 setzte sich mit bildungstheoretischen Fragen auseinander. Die Veranstaltung wurde von Verena Eickhoff, Referentin für diversitätsorientierte Lehre an der Leuphana, organisiert. Bei der Abschlussveranstaltung diskutierte Cornelie Dietrich, Professorin für allgemeine Erziehungswissenschaften mit Timo Ehmke, Professor für empirische Bildungsforschung. Im rückblickenden Interview geben sie weitere Einblicke.

Worum ging es in der Ringvorlesung?

Eickhoff Es ging darum, angesichts des starken Übergewichts des Kompetenzbegriffs den Bildungsbegriff und die Perspektive der Bildungstheorie wieder stärker ins Gespräch zu bringen.

In der Diskussion um Bildung wird häufig Wilhelm von Humboldt angeführt. Er lässt sich allerdings für ganz viele verschiedene Richtungen in Anspruch nehmen. Macht ihn das als Vorbild ungeeignet?

Dietrich Humboldt lässt sich tatsächlich sowohl mit Kompetenzorientierung als auch mit umfassender Bildung in Verbindung bringen. Allerdings muss man  auch immer mitbedenken, dass er bereits vor 200 Jahren gelebt hat. Die heutige Erziehungswissenschaft hat ein sehr viel kritischeres Verhältnis zu Humboldt als die meisten populären Bildungspolitiker*innen sehen. Es gibt in der Bildungspolitik viele, die immer wieder auf das Vorbild Humboldt zurückgreifen und dabei so zwei, drei Kernzitate,  meistens jenes über ganzheitliche Bildung und Kräftebildung präsentieren. Aber das ist kein angemessener Umgang. Als systematisches Vorbild dient er mir nicht mehr. Aber als lesenswerter Theoretiker seiner Zeit, historisch-kritisch betrachtet, durchaus.

Ehmke Legt man den Unterschied zwischen Bildung und Kompetenz zugrunde, ist Humboldt assoziativ sehr nah an dem Bildungsbegriff. Zu dem Kompetenzbegriff, mit Operationalisierung und Überprüfbarkeit von Lernergebnissen, gibt es kein wirkliches Pendant beim Humboldt.

Dietrich Man macht es sich aber zu einfach, wenn man Humboldt immer formelhaft für das große Ganze, den ganzen Menschen einsetzt, und unterstellt, dafür wären keinerlei messbaren Qualifikationen notwendig. Humboldt hat das Gymnasium samt Abitur ganz wesentlich vorbereitet; Er hat eine Schultheorie entworfen, wo erstmals so etwas wie allgemein gültige und überprüfbare Abschlüsse denkbar wurden und vor allem hat er für eine umfassende Beteiligung aller an Bildung plädiert.

Universitäten in Europa scheinen sich in den letzten Jahren auf Kompetenzen und Praxisfähigkeiten festgelegt zu haben. Gibt es noch Raum für den sprichwörtlichen „Blick über den Tellerrand“?

Ehmke Kompetenzorientierte Bildung heißt vor allem: Definition, Operationalisierung und gegebenenfalls auch Überprüfbarkeit. Werde ich in einem Fragebogen nach meinen Fähigkeiten gefragt, kann ich mich besser darstellen als ich tatsächlich bin. Werden meine Fähigkeiten aber getestet, kann ich das nicht. Daher begnügt sich Kompetenz-orientiertes Vorgehen häufig mit dem, was man justiziabel überprüfen kann.

Dietrich Mit dem Messbaren.

Ehmke Nun … mit Wissen.

Dietrich Aber eben nur deklarativem Wissen, also mit dem, was man in Testsituationen zeigen kann.

Ehmke Nein, es ist nicht nur deklaratives Wissen. Man kann auch Performanz-Aufgaben machen. Das einzige, was sich nicht justiziabel überprüfen lässt, sind Einstellungen.

Umfragen suggerieren, dass die Menschen, die jetzt auf den Arbeitsmarkt gehen, besorgt sind, einen Job zu finden und eher zu sicheren Berufen, wie etwa in der öffentlichen Verwaltung, tendieren.

Dietrich Das ist oft auch  ein Argument für ein Lehramtsstudium.

Und das, obwohl die Kompetenz-Orientierung auch damit begründet wurde, dass sie  die Employability erhöht.

Ehmke Das hat nichts mit dem Kompetenz- oder Bildungsbegriff zu tun. Das ist einfach ein Ergebnis der Zeit. Die Welt wird als unsicher wahrgenommen und man hat ein stärkeres Bedürfnis nach Sicherheit oder wählt Bereiche, von denen man glaubt, dass es da eine langfristige Perspektive gibt.

Dietrich Die Welt wird unübersichtlicher, globaler und damit unsicherer. Die Fähigkeit, mit Unsicherheit zu leben und den Wohlstand, in dem wir leben, nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen, ist eine Bildungsfrage insofern als Bildung die Fähigkeit ist, mit der unvermeidlichen Fremdheit umzugehen. Das kann man in Kompetenzbegriffen nicht abbilden. Im Übrigen kann einen Unsicherheit auch befallen, wenn man auf einer sicheren Verwaltungsstelle sitzt.

Wie sieht die Zukunft des Bildung-Kompetenz-Konflikts aus? 

Ehmke Ich glaube, die Entwicklung wird dahin gehen, dass Kompetenzbegriffe weiter ausdifferenziert und stärker operationalisiert werden. Ein Zukunftsszenario könnte sein, dass wir verstärkt virtual reality einsetzen sowie versuchen, Realität und Prüfungssituationen mehr an einander anzunähern.

Dietrich Aber gerade in Hochschulen, wo es nicht so standardisiertes Wissen gibt wie in der Schule ...

Ehmke Noch nicht gibt. Die Bildungsforschung arbeitet daran.

Dietrich Und das genau ist das Problem, wenn sich die Kompetenzorientierung als dominante Leitkategorie weiter durchsetzt: Die Scholarisierung von Hochschulen, die suggeriert, es käme nur auf das messbare, gesicherte Wissen an und dieses getrennt hält von der lebensnotwendigen Reflexion unseres Unwissens; abgesehen davon, dass damit ja auch die Schule in ihrem Bildungsauftrag extrem verkürzt wird, sollte aber zunächst die Universität die Aufgabe lebendig erhalten, neben Standardwissen auch die Fähigkeit zum Halten oder Aushalten eines offenen Fragehorizonts entwickeln. Wer denn sonst?

Eickhoff Welchen Vorteil hätte es denn, die Hochschule an die Schule anzunähern und immer stärker zu standardisieren? Widerspricht das nicht der Idee von Universität auch in der Abgrenzung zu Fachhochschulen?

Ehmke Wir wollen herausfinden, was die Leute eigentlich wissen und können. Also nicht nur, was behauptet wird, dass man den Leuten beibringt. Bei den Schulen dachte man in Deutschland auch lange, die deutschen Schüler*innen erreichen die besten Leistungen. Erst im Vergleich zeigte sich, was Schüler*innen wirklich können. Bei Sprachkompetenzen zum Beispiel kann man den überprüfbaren Referenzrahmen von A1 bis C2  auch nicht mehr wegdenken. Die Zeiten, wo jede Uni ihren eigenen Englischtest machte, sind vorbei. Das wird auch in andere Bereiche übertragen werden. Es wird einen Referenzrahmen für Mathematik, für BWL, für Jura geben. Wenn wir die Lehre professionalisieren wollen, müssen wir Überprüfung und Standardisierung reinbringen. Das wird sich nicht auflösen.

Eickhoff Das hieße aber, dass die Kompetenzen, die überprüfbar sind, viel mehr gelten als zum Beispiel Einstellungen, Persönlichkeit oder auch Selbstvertrauen- bestätigt die Forschung das? Spielen die über die gesamte Lebensspanne nicht eine größere Rolle, insbesondere angesichts sich ständig verändernder Anforderungen –  Dinge, die sich eben nicht so leicht überprüfen lassen oder nur zum Teil, wie etwa Selbstwirksamkeitsüberzeugungen?. Das, was sich so schwer überprüfen lässt - ist es nicht das, was nachher im Leben und Beruf den Erfolg ausmacht?

Ehmke Man prüft, ob eine bestimmte Sache prädiktiv ist. Wenn nicht, lässt man sie fallen. Das ist alles.

Dietrich Ein Aspekt  ist mir an der Kompetenz-Orientierung nicht ganz unsympathisch: Dass mit der Standardisierung nicht nur Qualität, sondern auch Gerechtigkeit gefördert werden soll Das ist ja auch eine  Kritik am Bildungsbegriff, solange er vage bleibt: Wenn man als Lernende*r nichts vorzeigen muss, werden damit die Bildungsbürger*innen privilegiert und die anderen weiterhin fern gehalten. Allerdings vermisse ich doch stark eine reflexive Forschung, die scheinbar gesetzte Begriffe wie Leistung, Kompetenz und natürlich auch Gerechtigkeit auf ihre theoretischen frames und ihre priveligierenden Wirkungen hin durchdringt. Das gelänge wohl nur im engeren Kontakt mit der Bildungstheorie.

Gibt es etwas, dass Sie an der aktuellen Situation der Hochschulbildung überrascht?

Ehmke Nein.

Dietrich Ja, natürlich. Gerade die Einrichtungen, die sich am stärksten der Kompetenzorientierung verschreiben, der Justiziabilität und Überprüfbarkeit, setzen gleichzeitig auf eine starke Rhetorik von freier Bildung und betonen extracurriculare Aktivitäten, so als könnte man beides voneinander trennen. Diese beiden einander widersprechenden Dinge werden ganz selten zusammen gedacht. Das irritiert mich schon.   

Vielen Dank!


Die Ringvorlesung „(Un)bedingte Bildung“ wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Projekts Leuphana auf dem Weg gefördert. Weitere Informationen zur Lehre an der Leuphana finden Sie hier.

Mit ihrer kritischen Gesamtausgabe der Schriften Klaus Mollenhauers in einem digitalen Forschungsportal betritt Prof. Dr. Cornelie Dietrich mit Mitarbeiter*innen einen editionswissenschaftlich neuen Weg in der Erziehungswissenschaft. Sie vertritt eine kulturwissenschaftliche Bildungsforschung mit den Schwerpunkten Schulethnografie, Kulturelle Bildung, Kindheitsforschung, Sprachliche Bildung. Ihre Forschung wurde mehrfach von der DGfE ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr: „Auf der Innenseite der Sprache: Mehrsprachigkeit in der Perspektive der pädagogischen Phänomenologie“.

Bevor Prof. Dr. Timo Ehmke an die Leuphana wechselte, forschte er am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaft und Mathematik unter anderem für das PISA-Konsortium. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten im Zukunftszentrum Lehrerbildung, in dem er als Mitglied des Leitungsteams fungiert, wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. Zuletzt erschien von ihm das Buch: „Professionelle Kompetenzen angehender Lehrkräfte im Bereich Deutsch als Zweitsprache“.


Das Interview führte Martin Gierczak.