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Brücken errichten: Eröffnung des European Centre for Advanced Studies

04.04.2019 Das European Centre for Advanced Studies (ECAS) vernetzt als unabhängige Forschungseinrichtung Schottland und Niedersachsen. Als Kooperationsunternehmen wird es von der University of Glasgow und der Leuphana Universität getragen. Bei der feierlichen Eröffnung brachten Vertreter*innen beider Hochschulen, des Landes Niedersachsen sowie der Landeshochschulkonferenz ihre Unterstützung zum Ausdruck.

Leuphana-Präsident Sascha Spoun betonte in seiner Begrüßungsrede das Attribut „european“ im Namen der neuen Einrichtung. Anton Muscatelli, Principal der University of Glasgow, äußerte sich ähnlich: Auch Glasgow sei immer schon eine europäische Universität gewesen. Wissenschaft sei eine Sache freier und beweglicher Ideen. „Man kann die Probleme der Welt nicht an einem Ort lösen“, pointierte er, „und wenn die Politik Mauern baut, müssen die Universitäten Brücken errichten.“ Gegen Isolationismus und nationale Alleingänge stellte sich auch Sabine Johannsen, Niedersächsische Staatssekretärin für Wissenschaft und Kultur. Das ECAS sei eine treffende Antwort auf die internationalen Herausforderungen der Gegenwart. „Sie haben die äußerste Unterstützung von der Landesregierung“, erklärte sie. Vice-Principal der University of Glasgow, James Conroy, sieht in dem neuem Forschungszentrum die Möglichkeit, gegen die Brexit-Kräfte anzugehen. Deutschland und Schottland teilten neben dem Commitment zur Europäischen Union auch viele andere Werte. Zum Beispiel habe in beiden Ländern die Aufklärung eine wichtige Rolle gespielt, in Schottland etwa vertreten durch David Hume oder Adam Smith. Scharfzüngig fügte er hinzu: „Und wann haben Sie zuletzt von einer englischen Aufklärung gehört?“. Jörg Philipp Terhechte, Vizepräsident der Leuphana und zukünftiger Leiter des ECAS, sieht die Aufgabe von Hochschulen und Forschungsinstituten darin, in Zeiten von Fake News und Alternative Facts eine Festung der Wahrheit zu sein. Ähnlich argumentierte auch Wolfgang-Uwe Friedrich, Vorsitzender der Landeshochschulkonferenz Niedersachsen. Es gelte, den Elfenbeinturm zu verteidigen – also für zweckfreie Forschung sowie für Wissenschaft auch in Freiheit und Einsamkeit einzustehen. Er ist zuversichtlich, dass es dem ECAS gelingt, dies mit dem Dienst an der Gesellschaft auszubalancieren.

Citizens of Everywhere

Während die Gründung des ECAS eine Antwort auf Herausforderungen der Gegenwart darstellt, wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion die Frage ausdifferenziert. „Hat Europa ein Werte-Problem?“, eröffnete Jörg Terhechte die Diskussion. Christian Welzel, Professor für politische Kulturforschung, widersprach. Menschen des globalen Westens identifizieren sich immer mehr mit sogenannten „emanzipativen“ Werten, wie etwa Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, Toleranz, Minderheitenschutz und Freiheit von religiösen und sexuellen Lebenswandel. Diejenigen, die für diese Werte stehen, sind eine große Gruppe. Allerdings seien es leider häufig genau diejenigen, die nicht wählen gingen. Dadurch kommt es zu Wahlsiegen wie dem von Donald Trump, dem der Brexiteers oder von rechten Parteien. Der „Zirkus“ im britischen Parlament untergrabe zudem das Vertrauen in öffentliche Einrichtungen. James Conroy pflichtete dem bei. Seit Jahren werden Institutionen, darunter auch Universitäten, immer kritischer beäugt. Öffentliche Institutionen hätten bislang darin versagt, den Globalisierungsverlierer*innen [„left-behinds“] sowie denen, die am meisten von der Finanzkrise betroffen waren, wirksam zu helfen. Die EU-Regulierungen, gegen die Befürworter*innen des Brexits intensiv polemisiert haben, beträfen häufig den Schutz von Arbeitnehmerinnen- und Konsumentinnen-Rechten. Mit der Wahl für den Brexit haben sie gegen ihre ureigensten Interessen gehandelt. Sascha Spoun gab daraufhin zu bedenken, dass Menschen nun mal nicht immer rational handelten, sondern manchmal auch einfach aus emotionaler Betroffenheit. Gründe optimistisch zu sein gäbe es trotzdem, schloss Anton Muscatelli. Die Zusammenarbeit von Universitäten auf europäischer Ebene habe dazu geführt, dass die jetzigen Studierenden „citizens of everywhere“, allerorts Bürger*innen, sind.


In der Forschungseinrichtung ECAS wollen beide Universitäten gemeinsame Interessen in Forschung und Lehre auf den Gebieten Digitale Kultur und Medien, Wirtschaftsinformatik, Recht, Management, Nachhaltigkeit und Psychologie verfolgen. Konkret geht es um gemeinsame Forschungs- und Studienprogramme sowie um den Austausch von Wissenschaftlern und Studierenden.

Das ECAS wird in die Villa Heyn (Altenbrückertorstraße) einziehen.
Prof. Dr. James Conroy und Prof. Dr. Jörg Terhechte
Das Team des ECAS.
Christian Welzel, Vizepräsident Jörg Terhechte, Head of College Anne Anderson, Principal Anton Muscatelli, Präsident Sascha Spoun, Vice-Principal James Conroy (v.l.n.r.)

Autor: Martin Gierczak