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Wer kontrolliert das System? – Precht und Nassehi diskutieren Chancen und Risiken der Digitalisierung

23.04.2019 Gibt es noch Arbeitsplätze in der digitalen Zukunft? Können selbstfahrende Autos ethisch richtig programmiert werden? Der digitale Wandel wirft Fragen und Schwierigkeiten auf – Richard David Precht und Armin Nassehi diskutieren diese im Rahmen des Moduls „Wissenschaft lehrt Verstehen“ aus philosophischer und soziologischer Perspektive.

In seinem Buch vertritt Precht die These, dass mit der Digitalisierung auch ein gesellschaftlicher Umbruch ansteht: „Das zweite Maschinenzeitalter stellt einen radikalen Umbruch dar. Dieser ist nicht nur technisch-ökonomisch, sondern gesamtgesellschaftlich geprägt.“ Das Wissen um diesen Veränderungsprozess sei bereits da, ergänzt Nassehi. „Aber wie kann eine Gesellschaft, die weiß was zu tun ist, möglich machen, dass dies auch geschieht?“ Viele beschäftigt besonders der Wandel der Arbeitswelt, der mit der Digitalisierung einhergeht – Precht prognostiziert einen Verlust vieler Arbeitsplätze und damit Menschen, die nicht sofort umgeschult und neu beschäftigt werden können. „Ziel der Digitalisierung ist nicht, viele neue Arbeitsplätze zu schaffen.“, stellt Precht bedauernd fest. Das bedingungslose Grundeinkommen sei einmöglicher Lösungsweg –  wenn auch nur als Puffer für Umbrüche in der Arbeitswelt. Gleichzeitig nimmt das Grundeinkommen der Arbeitslosigkeit das Stigma des Defizitären und sorgt für Gleichstellung im digitalen Wandel.  

Nassehi wirft die Frage auf, wie man Unternehmen, NGOs und Bürger*innen zusammenbringen kann, um gemeinsam Anknüpfungspunkte, wie zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen erkennen und diskutieren zu können. In Deutschland sei es schwierig, sich mit großen Themen auseinanderzusetzen, da der Staat auf verschiedenste Kleinstnenner verteilt ist – hier müssen Institutionen zum Austausch anregen, um die Problematik gemeinsam lösen zu können. 

Regeln für den digitalen Raum

Mit einer zunehmenden Masse an gespeicherten Daten kommt die Frage auf, wem diese Daten gehören, wer sie kontrolliert und wem sie nutzen. Precht fasst dieses in der Frage zusammen, welche Regeln den digitalen öffentlichen Raum gestalten sollen. Öffentlichkeit sei nun mal immer auf Überschaubarkeit angewiesen, um zu funktionieren. Precht wirft zudem auf, dass es nötig ist, Pflichte und Verbote zu haben, um eine Gesellschaft zu strukturieren: „Eine Verbotskultur greift nicht auf persönlicher Ebene an, sie lässt einfach Optionen weg.“ Dieser Weg sei auch sinnvoll, um Nachhaltigkeitsproblematiken zu lösen: Zum Beispiel in dem man auf einen erzwungenen Veggie Day in der Kantine verzichtet, aber dafür politische Instrumente  nutzt, um Massentierhaltung zu verbieten. 

Mit der Digitalisierung und der daraus folgenden Automatisierung verschiedener Alltagsprozesse kommt eine ethische Problematik ins Spiel. Wie kann man selbstfahrende Autos für Unfallsituationen programmieren? Nassehi wirft ein, dass der Mensch im Gegensatz zum Algorithmus das große Privileg habe, Fehler zu machen – wir erwarten aktuell von Maschinen mehr als wir selbst leisten können. 

Abschließend stellen Precht und Nassehi Fragen nach einer Staatsform, die den zukünftigen Anforderungen der Digitalisierung gerecht wird. „Wer ist anspruchsberechtigt, wer Nutznießer in digitalen Transformationsprozessen? Darf ein Staat, der so viele Daten seiner Bewohner besitzt, trotzdem noch allein entscheiden? Precht resümiert: „Die Rolle des Staates wird immer schlanker und kleiner, so wie der Staat heute funktioniert wird er im Wandel der Digitalisierung nicht bleiben.“


Das Podiumsgespräch bildet den Abschluss der Vorlesungsreihe "Digitalisierung – Chancen und Risiken" des Studienmoduls "Wissenschaft lehrt Verstehen" am Leuphana College. Prof. Dr. Armin Nassehi hat den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie der Ludwigs-Maximilian-Universität München inne. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung rezensierte er Richard David Prechts aktuelles Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“. Precht, Honorarprofessor der Leuphana, zeichnet hier Zukunftsvisionen für eine digitale Gesellschaft auf.


Autorin: Fee Kunze