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Bundesverdienstkreuz für Prof. Dr. Eveline Goodman-Thau

20.05.2019 Prof. Dr. Dr. h.c. Eveline Goodman-Thau, seit fünf Jahren Gastprofessorin an der Leuphana Universität, wird am 22.5.2019 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Seit Jahrzehnten setzt sich die Philosophin und Rabbinerin für eine gegenwärtige, kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus ein – jenseits einer kompensatorisch beschworenen „Erinnerungskultur“. Prof. Dr. Ulrike Steierwald (Deutsche Literaturwissenschaft) sprach mit der Religionswissenschaftlerin für europäische Kultur- und Geistesgeschichte, die die Schoa konkret erfahren musste, über die bevorstehenden Europa-Wahlen und das 70jährige Bestehen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

Steierwald:  Die neueste Aufsatzsammlung „Vom Archiv zur Arche" (2018) ist ein eindrucksvolles Dokument für Eveline Goodman-Thaus mehr als dreißigjährige Auseinandersetzung mit der Schoa in deutscher Sprache. Die Texte machen ihr dialogisches Wirken im wiedervereinigten Deutschland deutlich, das nicht auf Universitäten beschränkt blieb. Mit der Ermordung der europäischen Juden im Nationalsozialismus wurden auch philosophische Traditionen in Europa vernichtet. Wenige Tage vor der Europa-Wahl: Gibt es angesichts der gegenwärtigen Krise dennoch Hoffnungen auf ein neues europäisches Geschichtsbewusstsein, auch und insbesondere in Deutschland?

Goodman-Thau: Mir geht es darum, dass man Geschichte als Zeugnis liest. Der Weg „Vom Archiv zur Arche“ bedeutet, dass das Leben jedes Einzelnen im Schnittpunkt zwischen der Geschichte und der eigenen Biografie stattfindet. Ich bin 1934 in Wien geboren und als kleines Kind mit meiner Familie nach Holland geflüchtet. Ich habe Verfolgung. Morddrohung und Vernichtungswillen erlebt und erzähle heute, in der Gegenwart, nie nur die eigene Geschichte, sondern ich erzähle, wie man durch sein Leben und Wirken als Mensch die Achse der Geschichte bricht. Viele Juden, die zu Staatsfeinden wurden, machen diesen Bruch heute noch deutlich. Sie waren Staatsbürger der europäischen Länder, deutsche, österreichische oder auch holländische, belgische, französische Staatsbürger, und sie wurden durch die deutsche Besatzung von einem Tag zum anderen zu „Juden“ umgestempelt. Juden, die in Europa geboren wurden – ich lebe seit 1956 in Jerusalem – verstehen sich als Juden, aber zugleich auch als Europäer.

Steierwald: Dennoch ist die Geschichte und Verantwortung Deutschlands, wie auch die Verbindung der Verfolgten und Ermordeten zur deutschen Sprache besonders zu betrachten, oder?

Goodman-Thau: Die Emanzipation der Juden war als Symbiose zwischen Deutschen und Juden nie gelungen, darüber schrieb schon Gershom Scholem. Aber darum geht es aktuell nicht. Meine kulturelle Identität wurde natürlich auch durch die Muttersprache Deutsch geprägt. Für mich ist daher Deutschland, Judentum und Europa nur zusammenzudenken. Obwohl ich als Kind hier nicht gelebt habe, lehre ich heute auch und insbesondere in der deutschen Sprache. Ich bin jetzt schon seit dreißig Jahren in Deutschland als Professorin tätig, obwohl ich bis 1981 keinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hatte. Aber als meine Kinder groß geworden waren, war es mir ein Anliegen, Texte, die in deutscher Sprache von Juden geschrieben wurden –  von Martin Buber, Franz Rosenzweig oder Heinrich Heine – mit einer neuen Generation in Deutschland gemeinsam zu lesen. Juden in der ganzen Welt lesen sie auf Englisch oder Französisch, lesen sie in vielen Sprachen. Ich hatte in den 1980er Jahren noch ein ganz ambivalentes Verhältnis zu diesem Land, aber es wurde mir klar, dass hier ein Ort ist, zu dem man auch wieder gehen muss. Und nicht, weil man Schuldgefühle aufwecken wollte, sondern weil mit und in der deutschen Sprache wieder Möglichkeiten der Verbindung und des Miteinander geöffnet werden können.

Steierwald.: Sprache – die ethische Dimension der Kulturen des Gesprächs – bilden eine Grundtonart in Eveline Goodman-Thaus Philosophie. Und so ermöglichte es ihr die Hoffnung auf das Gespräch, überhaupt wieder nach Deutschland zu reisen, hier zu lehren. Das Wiederaufnehmen eines Gesprächs – ist dies auch zwischen „Opfern“ und „Tätern“ möglich?

Goodman-Thau: „Täter" und "Opfer" sind problematische Begriffe. Über das Involviertsein von Menschen einer bestimmten Generation besteht kein Zweifel, und bekanntlich kam es erst in den 1960er Jahren zu öffentlichen Debatten. Aber heute geht es um Verantwortung. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist gerade 70 Jahre alt geworden. Jetzt und heute stellt sich die Frage: Übernehmen wir die Verantwortung für diesen Zivilisationsbruch und alles, was in der Zeit des Nationalsozialismus passiert ist oder war das nur ein „Betriebsunfall“? Und natürlich haben die heutigen Debatten, die im Bundestag über die "Zukunft Europas" geführt werden, unmittelbar damit zu tun.

Steierwald: Sind die aktuellen Fragen nach der „Zukunft Europas“ vor dem Hintergrund von „70 Jahren Grundgesetz“, also vor dem Hintergrund einer historischen Zäsur zu begreifen?

Goodman-Thau: Ja, es geht um Einschnitte und Schnittpunkte. Der erste Einschnitt war natürlich 1945, der zweite Schnittpunkt war 1989 und wir stehen jetzt an einem dritten Schnittpunkt, an dem wir uns fragen müssen, was für eine Rolle spielt Europa überhaupt in der Welt? Und was für eine Rolle spielen Deutschland und Frankreich in diesem Europa? Vor ein paar Monaten gab es beispielsweise die Begegnung zwischen Angela Merkel und Emmanuel Macron im Aachener Dom – dies war von hohem Symbolwert. Die Kathedralen, die Begräbnisstätten der Könige, das Reich – also das ist eine sehr imperiale Symbolik, und die war natürlich auch bei der Gründung der Europäischen Union wirksam:  Erstmal acht kleine Sternchen….  Aber man kann und muss Europa inzwischen anders sehen als zu einer Zeit, als noch niemand damit rechnete, dass die Mauer je fallen würde. Europa war auf 1989 – jenseits ökonomischer Interessen – gar nicht vorbereitet: They weren't ready for this! Nicht wahr? Und darum sollte man sich wirklich fragen, ob das überhaupt stimmig ist, dass sich die Staatsvertreter/innen Frankreichs und Deutschlands heute noch in Aachen treffen.

Steierwald:  Es geht also auch um eine andere Symbolik. Müsste da nicht insbesondere in Deutschland eine größere politische Sensibilität für symbolische Traditionslinien bestehen? Wäre ein solches historisches Bewusstsein – jenseits von sich selbst bespiegelnder „Erinnerungskultur“ – auch eine spezifische Dimension europäischer Kultur? Ist dem Denken in Imperien, Kapitalen und Kirchen vielleicht das Modell der "Arche" entgegenzusetzen?

Goodman-Thau: Ja, also ich will weg von dieser „Erinnerungskultur“, ich will weg von diesen leeren kollektiven Schuldbekenntnissen, denn es geht tatsächlich um Biografien und Zeugnisse innerhalb der Geschichte europäischer Kultur. Insofern sehe ich die Shoa wirklich auch als europäisches Problem. Man kann die Zeitgeschichte überhaupt nicht verstehen, wenn man die Shoa nicht auch in den Kulturwissenschaften als eine historische wie gegenwärtige Wirklichkeit immer wieder thematisiert. Da sind die Entwicklungen in den Kulturwissenschaften der letzten dreißig Jahre, gerade in Deutschland, wirklich sehr problematisch, nicht wahr? Die politisch imperiale Geschichte in ihren Auswirkungen auf die heutigen, die Welt umspannenden Konflikte, auch und insbesondere im Nahen Osten: Das ist europäische Geschichte! Und dass es das christliche Europa es nicht geschafft hat, die anderen zwei monotheistischen Schwesterreligionen als Kulturgrößen in Europa zu integrieren, das ist bis heute von verheerender Wirkung.

Steierwald: Also gilt für alle Gespräche wie die Lehrtätigkeit: Historisches und sprachliches Bewusstsein sind die Grundbedingungen für ein Fortbestehen europäischer wie verfassungsrechtlicher Werte, oder?

Goodman-Thau: Ja, im Klartext: Man muss die Traditionen, die Europa geprägt haben, wieder und wieder lesen. Ich komme gerade aus meinem Blumenberg-Seminar an der Leuphana Universität, die diese Notwendigkeit begriffen hat. Die Studierenden sind begeistert über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer „Beschreibung des Menschen“, die vor dem Hintergrund der dringlichen Frage nach einem „Ethos Europa“ neu zu lesen und zu denken sind.