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Was bedeutet diskriminierungsfreie Sprache für mich? – Eine Umfrage

21.05.2019 Ist es überhaupt möglich zu sprechen, ohne jemanden auszugrenzen oder herabzusetzen? Wie wichtig ist diversitätssensible Sprache in einer bunten Gesellschaft? Wir haben auf dem Campus nachgefragt.

„Das Gendersternchen bildet die Geschlechtervielfalt ab. Nicht alle können und wollen sich dem binären Geschlechtersystem ,Mann/Frau‘ zuordnen. In der Schriftsprache lässt sich das mit dem Sternchen sehr gut umsetzen. Die Strahlen gehen in viele Richtungen und zeigen: Es gibt mehr als nur zwei Geschlechter. Mündlich ist das Sternchen natürlich etwas schlechter zu gebrauchen, dazu braucht es ein wenig Übung. Grundsätzlich bildet es auch nur einen Teil von Diversität ab. Im Sinne einer diskriminierungsfreien Sprache müssen wir noch mehr Formen finden und über unsere Sprache nachdenken. Sprache sollte niemanden ausschließen, sondern reflektiert benutzt werden.“

Dr. Kathrin van Riesen, Gleichstellungsbeauftragte

„Wir benutzen ausschließlich das Gender-Sternchen. Wir möchten zeigen, dass es mehr gibt als nur ein binäres Geschlechtersystem. Deshalb habe ich mir auch angewöhnt, beim Sprechen an der Sternchen-Stelle eine kleine Lücke zu lassen. Anfangs habe ich mich erwischt, hin und wieder doch nur die maskuline Form zu verwenden. Mittlerweile stolpere ich aber in Texten über das Maskulinum. Mir ist klar, dass wir mit dem Sternchen erstmal nur die Geschlechterdiversität beachten. Dennoch ist uns diskriminierungsfreie Sprache in jeder Hinsicht wichtig. Das ist nicht immer leicht und manchmal bin ich mir auch unsicher, wie ich beispielsweise über Menschen mit Beeinträchtigungen spreche, ohne bestimmte Beeinträchtigungen oder Krankheitsformen zu übergehen oder falsch zu benennen. In manchen Situationen frage ich einfach nach, aber bin ich der Ansicht, dass es nicht die Aufgabe betroffener Menschen ist, sich dauernd zu erklären. Nicht-Betroffene sind vielmehr in der Pflicht, sich selbst zu informieren.“

Lena Lukow, AStA-Sprecherin

„Sprache ist erst einmal das, was wir gebrauchen. Wenn wir Diversität leben, kann das auch in der Sprache ankommen. Aber ist es bereits divers, wenn wir Deutsch und Englisch sprechen? Ich finde nicht. Ich kann mich beispielsweise weder auf Arabisch noch auf Niederdeutsch für ein Studium einschreiben. Das Gender-Sternchen bildet auch nur sexuelle Diversität ab. Was ist mit migrantischer, kultureller, sprachlicher oder gesundheitlicher Diversität? Wie spreche ich über Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben oder Beeinträchtigungen? Statt sprachlicher Beeinflussung durch offizielle Setzungen wäre es wichtiger, Vielfalt als Normalität wahrzunehmen und dies sprachlich auszudrücken. Wir müssen Menschen zuschreibungsfrei begegnen und friedlich miteinander umgehen.“

Astrid Neumann, Professorin für Deutsch und ihre Didaktik

„Ich sehe dieses Thema stark durch die Brille der betriebswirtschaftlichen Forschung und Lehre. Wir brauchen eine Sprache, die Innovation und Kreativität anspricht, denn genau das kann Diversität leisten. Sie fördert Meinungsvielfalt und Toleranz. Das macht die Willensbildung in den Lehrveranstaltungen nicht einfacher, weil wir mehr diskutieren und überzeugen müssen. Aber ich glaube, auch das ist wichtig. Ich stelle mich nicht vor meine Studierenden und sage: ‚Das ist die Lösung und wer das nicht gut findet, bekommt eine schlechte Note‘. Als ich studiert habe, gab es viele Dogmatiker in den Wirtschaftswissenschaften. So kommen wir aber nicht zu mehr Innovation und Kreativität in der Universitätskultur.“

Patrick Velte, Professor für Accounting and Auditing

„Eine Sprache, die niemanden ausschließt, ist nicht einfach. Ich kann aber versuchen, Diskriminierungen zu vermeiden. Mir ist es vor allem wichtig, keine übergreifende Zuschreibungen zu verwenden – in Text wie Bild.
Die Darstellung des Islams mit kopftuch-tragenden Frauen geht für mich genauso wenig wie der Begriff „Menschen in Entwicklungsländern“ in einem Vortrag über Nachhaltigkeit.
Beides ist zu verallgemeinernd. Umgekehrt ist das generische Maskulinum in der Sprache ausgrenzend. Ich kann vielmehr von Studierenden oder Student*innen sprechen. Für mich ist im Hochschulkontext jedenfalls alles andere unangebracht.“

Karin Fischer, Koordinatorin Diversity-Tag



Aufgezeichnet von Marietta Hülsmann