Meldungen aus der Universität

Barrierefreie Kommunikation: Die Schwer-in-Ordnung-Gruppe

22.05.2019 Die Vertrauenspersonen der Schwerbehinderten und ihre Vertretungen an der Leuphana setzen sich nicht nur für Rollstuhlrampen oder Türtaster ein. Sie plädieren auch für eine Sprache, die alle verstehen und die keinen verletzt. Ein Wort würden sie deshalb gern streichen.

Eigentlich wollte Florian Möller sich nur neue Einlagen beim Orthopäden verschreiben lassen. Mit einer Herabsetzung seiner Person hatte er nicht gerechnet: „Braucht er eine Krankschreibung?“, fragte die Sprechstundenhilfe über den Kopf von Florian Möller hinweg. „Nein, ich denke nicht, dass der Patient überhaupt arbeitet“, antwortete der Mediziner. Möller schüttelt verständnislos den Kopf als er die Geschichte erzählt: „Leider treffe ich häufiger auf solche Vorurteile.“ Dabei arbeitet er seit vielen Jahren in der Universitätsbibliothek. Seine Einschränkungen beim Gehen, die ihn auch häufig im Rollstuhl sitzen lassen, sind bei seiner Arbeit kein Problem – im Gegenteil: „Mittlerweile werde ich oft um Rat gefragt, wenn es um Barrierefreiheit geht“, sagt der Bibliotheksangestellte. Beispielsweise werden die Regale heute so weit auseinander gestellt, dass auch Rollstuhlfahrende hindurch kommen. Die neue Theke im Bibliotheksfoyer ist so geplant, dass sie unterfahrbar ist. Bisher musste Möller seinen Rollstuhl oft seitlich stellen, um mit Biobliotheksnutzenden an der Ausleihe zu sprechen. Eine Strebe unter dem Tisch versperrte den Weg. Barrierefreie Kommunikation sieht anders aus. Und genau um die geht es den Vertrauenspersonen der Schwerbehinderten, zu denen auch Florian Möller gehört. 

Wo ist die Rollstuhlrampe?

Allein vier Mitarbeitende gibt es im Team. Für Vertrauensperson Barbara Hitz eine positive Besonderheit: „Gesetzlich vorgeschrieben für eine Uni unserer Größe sind nur zwei hauptamtliche Personen. Unser Präsidium sieht das glücklicherweise anders.“ Gerade ist das Team der Vertrauenspersonen in Gesprächen wegen einer verbesserten Beschilderung an der Uni. „Wir werden gefragt und gehört. Ich finde das gut“, sagt Barbara Hitz. Barrierefreiheit und barrierefreie Sprache gehen dabei Hand in Hand. „Was nützen Rollstuhlrampen, die man nicht findet?“, fragt die Vertrauensperson. Symbole sind für sie ein wichtiges Werkzeug barrierefreier Sprache, da sie auch international verständlich sind. „Leider ist die deutsche Sprache oft sehr einschränkend“, kritisiert Hitz. Sie ärgert der Begriff „schwerbehindert“: „Wir müssen ihn aber verwenden, da er so im Sozialgesetzbuch steht und bei vielen Vorlagen benutzt wird.“ In Anlehnung an eine junge Frau mit Trisomie 21, die sich einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis ausgestellt hat, würde Barbara Hitz das Team der Vertrauenspersonen gern „Schwer-in-Ordnung-Gruppe“ nennen. „Wir haben es ja alle gar nicht so schwer, wie es der Ausdruck in den Ausweisen vermuten lässt“, stimmt Florian Möller zu. Beide Vertrauenspersonen wünschen sich eine positive Aussage bei Bezeichnungen. „Mir gefällt der Begriff ‚Menschen mit anerkanntem Unterstützungsbedarf‘. Das ist spezifisch, aber nicht abwertend“, erklärt Hitz, die auch Beeinträchtigungen beim Gehen hat. 
Oft ginge es aber gar nicht um genaue Benennungen, sondern um Verständlichkeit in allen Bereichen. Die sogenannte leichte Sprache wird für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung verwendet: „Aber was heißt das schon? Verstehen Sie die Formulare Ihrer Steuererklärung?“ Barbara Hitz wünscht sich etwa weniger Fachbegriffe und statt fremdsprachlicher Wörter deutsche Ausdrücke: „Dann ist die Chance, dass alle es verstehen, am größten. Barrierefreie Sprache sollte nicht im Zuge von Gesetzen, Verordnungen ober Bestimmungen vorgegeben sein, sondern uns allen ein Bedürfnis sein, das gelebt werden muss.“
 


Kontakt

E-Mail


Autorin: Marietta Hülsmann