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Gut sprechen oder schlecht sprechen? Oder sprechen wir lieber über Mediationskompetenz?

27.05.2019 Wir drücken uns nicht nur mit Wörtern und Sätzen aus. Um einander zu verstehen, braucht es mehr als einen Vokabelschatz, findet Dr. Nuria Miralles Andress vom Sprachenzentrum.

Frau Dr. Miralles Andress, reicht ein gutes Wörterbuch bereits, um miteinander ins Gespräch zu kommen?

Bei einem Gespräch ist es nicht ausreichend, die Wörter des anderen korrekt zu entschlüsseln. Andere Aspekte wie zum Beispiel Gesten, Bilder oder Sinn für Humor, sind wichtige Teile des Gesprächs, das heißt Sprache und Kultur spielen zusammen.  Auf dieser Idee basiert die Konzeption der Veranstaltungen des Sprachenzentrums. Die Mediationskompetenz ist noch relativ neu in der Fremdsprachendidaktik und meint die Fähigkeit, den anderen in dessen kulturellen Hintergrund  zu verstehen, zu deuten, zu mitteln. Sie bringt zwei Kulturen in einen Dialog und geht einen Schritt weiter als die Interkulturelle Kompetenz im Sprachenerwerb. 

Wie sieht die didaktische Umsetzung im Sprachunterricht aus?

Es gibt mehrere Aspekte, die berücksichtig werden. Früher wurde meistens versucht in der Lehre nur in der Zielsprache zu sprechen. Heute mischen wir die Sprachen und nutzen die fremdsprachigen Vorkenntnisse und den Sprachvergleich für die Vermittlung davon, wie die Sprachen „funktionieren“. Die Studierenden lernen intensiver, denn sie können auf ihr gesamtes Wissen zurückgreifen, lernen durch die Reflexion der Sprachen und stoppen nicht bei fehlenden Vokabeln. Machen sie Fehler, wird gemeinsam über eine Lösung gesprochen. Das fördert wiederum die Kommunikation. Für Lernende ist es nicht das Wichtigste, die wörtliche Übersetzung eines Ausdrucks zu kennen. Sie müssen genauso verstehen, in welchem Kontext das Gesagte steht. Dadurch kann auch die Kultur besser erlebt werden. Durch diese Arbeit bekommen wir einen neuen Blick und das Bewusstsein, dass es um viel mehr geht, als ums Pauken von Grammatik und Vokabeln.  Und durch die Förderung der Mediationskompetenz wird geübt, im Dialog zwischen zwei Kulturen zu kommunizieren. Spanisch drückt die Vergangenheit anderes aus als Deutsch, was für Deutschsprecher*innen nicht nur ein grammatisches Problem verursacht, sondern eine Denkänderung verlangt. 

Deutschland ist ein Land mit vielen Sprachen und Dialekten. Dennoch gilt das Hochdeutsche immer noch als Maß für gutes Deutsch.

Ich finde das schade. Plattdeutsch könnte beispielsweise aussterben, wenn die Kinder in der Schule nur Hochdeutsch lernen. Gerade  Dialekte sind identitätsstiftend. Denken Sie nur an Kölsch und den Karneval! Auf Hochdeutsch wäre es eine andere Veranstaltung. Kinder lernen in der Schule etwas von richtiger und falscher Aussprache. Uns interessiert nicht nur die  Aussprachequalität nach der Norm, sondern genauso die Fähigkeit zur Kommunikation – und zwar von der rezeptiven und der mediativen Perspektive. 

Werden Menschen auch manchmal aufgrund ihrer Aussprache bewertet?

Das passiert leider sehr oft. Es ist immer noch ein großer Unterschied, ob Menschen Deutsch etwa mit einem englischen oder türkischen Akzent sprechen. Ich erinnere mich aber auch noch an die Zeit nach der Maueröffnung. Viele Ostdeutsche wurden in der alten Bundesrepublik wegen ihres Akzentes belächelt. Bei sprachlicher Diskriminierung denke ich aber nicht nur an Deutsch. Leider kenne ich viele Menschen, die sich nicht trauen, vor Gruppen Englisch zu sprechen, da sie immer Angst haben wieder Kritik von vermeintlich besser Sprechenden zu erfahren oder mich fragen, ob sie Spanisch/Argentinien statt Spanisch/Spanien sprechen dürfen. Das sollte meiner Meinung nach nicht so sein. 

Sie tun am Sprachenzentrum viel, damit Menschen sich besser verstehen. 

Menschen aus aller Welt zu einem Miteinander im sprachlichen und kulturellen Dialog zu befähigen, ist auch ein Friedensauftrag. Wir bieten seit Jahren Seminare im Komplementärstudium (FLS-SZ) aber auch Sprachtandems und interkulturelle Tandems an, die über die Mehrsprachigkeit (GeR) funktionieren. Bei dem Tandem lernen die Teilnehmenden nicht nur eine andere Sprache und Kultur kennen und reflektieren darüber. Oft entstehen langjährige Freundschaften. Außerdem bietet das Sprachenzentrum unter anderem ein Zertifikat für interkulturelle Kompetenz und Sprachen an. Studierende können damit ihr Kompetenzprofil für die akademische und berufliche Entwicklung im internationalen Bereich abbilden. Es geht nicht darum, eine Sprache perfekt zu sprechen, sondern um die Fähigkeit sich einander adäquat zu verstehen und in einen echten Dialog zu treten. 

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Marietta Hülsmann.