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11. Heinrich-Heine-Gastdozentin Helene Hegemann – Dystopische Gedankengänge kreuzen Kindheitsperspektive

24.06.2019 Im Rahmen ihrer Heinrich-Heine-Gastdozentur las die Autorin und Regisseurin Helene Hegemann an der Leuphana aus ihrem neusten Roman „Bungalow“. In diesem erzählt die Protagonistin Charlie retrospektiv vom schwierigen Aufwachsen zwischen Hochhaussiedlung, Klimakatastrophe und alkoholkranker Mutter. Das eigene Elend wird ihr aber erst dann vollständig bewusst, als in einen der Bungalows zu Füßen der Siedlung ein wohlhabendes Paar zieht – an dessen Leben Charlie zunehmend fasziniert teilzuhaben versucht.

„Das Erzähler-Ich reflektiert ihre eigene, kleine Vergangenheit aber auch unsere jetzige Gegenwart, die anscheinend zu einer schlimmen Katastrophe geführt hat. Die interessante Perspektive ist, dass sich dystopisch reflektierte Gedankengänge des Erzähl-Ichs mit Kinderstimmen und -erzählungen abwechseln“, beschreibt Hegemann die komplexe Erzählperspektive ihres Romans. 

Tilmann Lahme, Literaturhistoriker und Professor am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik, moderierte die Lesung. Er fragte Hegemann nach der Wirkung der Perspektive und den Motiven der Autorin im Schreibprozess: „Ich wollte ein Co-Abhängigkeitsdrama des Zusammenlebens mit einem psychisch kranken Menschen auf den Punkt bringen. In dieser Situation ist das umso brutaler, weil ein Kind einem Erwachsenen ausgeliefert ist. Dabei ist diese Erwartungshaltung genauso schlimm, wie das echte Schlimme zu erleben“, resümierte Hegemann  das zentrale Anliegen des Romans. 

Hegemann, die bereits mit 17 Jahren ihren ersten Roman „Axolotl Roadkill“ veröffentlichte, hat keine klassische Schriftsteller*innen-Ausbildung verfolgt, sondern früh erste Kurzgeschichten online veröffentlicht. „Es geht darum, dass man in einer Gruppe dazu gezwungen ist, Texte zu schreiben und sich Kritik zu stellen. Ich konnte in Blogs und Internetforen anonym und unabhängig von meiner Identität als junges Mädchen schreiben lernen.“

Im folgenden Workshop mit Studierenden erklärte Hegemann nicht nur weitere Hintergründe ihres Schreibens, sondern gab auch Einblicke in ihre Arbeit als Regisseurin und ihr gespaltenes Verhältnis zur deutschen Literaturkritik.


Die Heinrich-Heine-Gastdozentur wurde 2009 als Kooperation vom Literaturbüro Lüneburg und der Leuphana Universität Lüneburg eingerichtet und wird seither jährlich an eine*n ausgewählte*n Autor*in verliehen. Ziel der Heine-Dozentur ist die Vernetzung von Literatur, Wissenschaft und lokaler Öffentlichkeit. Zur Gastdozentur gehören eine öffentliche Lesung, ein Begleitseminar und ein Workshop für Studierende.



Autorin: Fee Kunze