Meldungen aus der Universität

Neuer Beauftragter für Studierende mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen

25.06.2019 Widersprechen sich Leistungsanspruch einer Universität und Studieren mit Beeinträchtigungen? Prof. Dr. Martin Lenz-Johanns verneint die Frage klar: „Ein erfolgreiches Studium ist auch mit Beeinträchtigung möglich.“ Wie dies gelingen kann, erklärt er im Interview.

Häufig bedeuten Prüfungen eine große Hürde für Studierende mit Beeinträchtigungen. Wie können Sie dort helfen?

Ich sehe mich in der Rolle des Vermittlers zwischen Studierenden, Prüfenden und dem sehr erfahrenen Unterstützungsnetzwerk für Menschen mit Beeinträchtigungen an der Leuphana. Die Prüfungsordnung selbst ist nicht verhandelbar – weder für mich noch für die Lehrenden. Wenn ein*e Studierende*r bestimmte Scheine nicht erwirbt, ist ein Abschluss nicht zu erreichen. Der Prüfungsrahmen hingegen ist flexibler. Nicht alle Studierenden müssen in einem Modul die Prüfung in gleicher Form ablegen. 

Wie kann das praktisch aussehen?

Wir müssen erst einmal herausfinden, wo die Teilbeeinträchtigung liegt. Bei uns ist das Hören am häufigsten beeinträchtigt. Die Schwierigkeit: Wir sehen nicht, ob jemand schlecht hört. Zudem legen die Betroffene selten offen, dass sie etwas nicht hören. Scham spielt eine große Rolle. Dabei könnten wir Hörproblemen leicht begegnen, etwa durch eine andere Sitzordnung.

Es gibt weit mehr unsichtbare Erkrankungen als die Schwerhörigkeit. Wie können Sie betroffenen Studierenden etwa mit psychischen Beeinträchtigungen helfen?

Indem wir erst einmal Diskretion garantieren. Viele Studierende mit Depressionen, Angststörungen oder ähnlichen Beeinträchtigungen möchten ihre Erkrankung nicht öffentlich machen. Setzte ich sie einer Klausur beispielsweise in einen Extra-Raum, um ihnen mehr Ruhe zu gewähren, schade ich ihnen möglicherweise viel mehr als wenn sie gemeinsam mit allen schreiben. In letzterem Fall bleibt ihre Krankheit wenigstens unerkannt. Ich glaube auch, dass sich viele Studierende mit unsichtbaren Beeinträchtigungen aus Scham gar nicht erst Hilfe suchen. Wir stehen da vor einem Dilemma. 

Aber sie sagen, dass ein erfolgreiches Studium mit Beeinträchtigung möglich ist. 

Ja, und das sollte bei entsprechendem Leistungspotential gleichermaßen für körperliche wie für psychische Beeinträchtigungen gelten. Tatsächlich sind sichtbare Beeinträchtigungen kaum ein Studien-Hindernis. Hier können wir den Betroffenen gut helfen etwa durch verbesserte Erreichbarkeit der Prüfungsräume. Die entsprechenden Rahmenbedingungen für Menschen mit unsichtbaren Erkrankungen zu schaffen, ist leider deutlich schwieriger. Deshalb plädiere ich für eine weitere Sensibilisierung – unter Studierenden wie Lehrenden. 

Wo liegen aber auch Fallstricke?

Ich weiß, dass sehr viele Lehrende großes Verständnis für Studierende mit Beeinträchtigungen haben. Aber die Prüfer*innen stehen auch selbst unter Druck. Extra-Termine sind gerade für Lehrbeauftragte kaum machbar. Hier möchte ich vermitteln und kann auf der guten Arbeit meines Vorgängers aufbauen. Er hat einen tollen Job gemacht. Aber es gibt auch Problematiken außerhalb des Prüfungsrahmens. Wo Studierende stark miteinander konkurrieren, müssen wir etwa Menschen aus dem Autismus-Spektrum oder mit Angsterkrankungen schützen. Sie gehen sonst unter. Zudem fühlen sich sehr leistungsorientierte Studierende manchmal in ihrem schnellen Vorankommen durch Inklusion gebremst. Oft stehen diese Studierenden aber selbst unter Druck, da sie sich Sorge um ihre berufliche Zukunft machen. Ich möchte mich deshalb gern für Binnendifferenzierung stark machen. Aber ich weiß leider auch, wie schwierig die Umsetzung ist. 

Warum sind Sie selbst für das Studieren mit Beeinträchtigungen sensibilisiert?

Ich habe in Marburg Kunstgeschichte studiert und bin dort mit inklusiver Museumspädagogik in Berührung gekommen. Wir haben mit Blinden eine Skulpturen-Ausstellung besucht. Aber die Blinden haben uns Studierenden etwas beigebracht, nicht umgekehrt. Gemeinsam haben wir die Plastiken angefasst und die Blinden haben Dinge beschrieben, die wir mit unseren geschulten Augen nicht gesehen haben. Da hat es bei mir Klick gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Marietta Hülsmann.