Meldungen aus der Universität

Zukunft gestalten. Christa Cremer-Renz im Porträt

15.07.2019 Professorin Christa Cremer-Renz war Präsidentin der Fachhochschule Nordostniedersachsen. Nach der Fusion der Fachhochschule mit der Universität Lüneburg wurde sie Übergangspräsidentin der neuen Modelluniversität Lüneburg und begleitete den Start des Fusionsprozesses. Neben ihren zahlreichen Ehrenämtern ist Christa Cremer-Renz als externe Gutachterin in Berufungsverfahren sowie seit 2006 bis heute als Stiftungsratsmitglied der Hochschule Osnabrück tätig. Für ihr Lebenswerk wurde sie im Juli 2019 mit dem Verdienstkreuz des niedersächsischen Verdienstordens am Bande ausgezeichnet.

Christa Cremer-Renz erscheint pünktlich zu dem Fototermin in der Bibliothek. Sie ist derlei gewöhnt, der Termin läuft schnell. Anschließend geht es zurück, die Verleihung des Verdienstkreuzes nähert sich. Sie geht zügig; man muss schnell sein, um mit ihr Schritt zu halten. Beim Verlassen des Bibliotheksfoyers zeigt sie auf ein Graffito („I like the dreams of the future better than the history of the past“) und sagt: „Das gefällt mir.“

Ein harter Start

Rückblickend sieht es aus, als sei der Weg von Cremer-Renz immer geradlinig verlaufen: Sie studierte Erziehungswissenschaft, promovierte unmittelbar an das Studium und schloss in nur zwei Jahren mit einer Arbeit über die Transparenz wissenschaftlicher Prozesse ab. Anschließend arbeitete sie außerhalb der Universität im sozialen Bereich und wurde schließlich 1982 auf eine Professur an der Fachhochschule Nordostniedersachsen berufen. Vorausblickend sah es keineswegs so linear aus. „Ich habe erst eine Berufsausbildung gemacht“, erzählt Cremer-Renz, „und bin gelernte Friseurin.“ Ihre Familie besaß seit Generationen einen Friseurladen. „Ich wusste selbst nicht, was ich beruflich werden wollte. Meine Eltern haben vorgegeben, wo es langgeht, ich sollte, als ältestes Kind, das Geschäft übernehmen. Ich kam von der Realschule und hatte mittlere Reife. Ich legte die Gesellenprüfung ab und wurde Stadtmeisterin von Essen. Die Lehrer sagten daraufhin meinen Eltern, dass ich das Abitur nachholen soll, um nach einem Studium Lehrerin an einer Berufschule zu werden. Ich kam auf ein Jungengymnasium, in Wattenscheid. An der gesamten Schule waren nur wenige Mädchen. Man brauchte in dieser Zeit Berufsschullehrer für das Handwerk. Die Deutsche Stiftung des Friseurhandwerks bot mir an, mein Studium zu finanzieren, wenn ich Berufsschullehrerin werde. Ich willigte ein und kam an die Universität zu Köln. Das war ein ziemlich harter Start. In meiner Familie hat niemand studiert und die Universität hatte zur damaligen Zeit kein Konzept, den Erstsemestern eine Orientierung zu bieten. Ich wechselte zur Universität Dortmund, woraufhin mir die Stiftung die Finanzierung entzog. In der Folgezeit habe ich durch Jobs als studentische Hilfskraft das Studium finanziert. Nach dem fünften Semester habe ich das Studienfach gewechselt, von Lehramt zu Erziehungswissenschaft. Nach der Diplomprüfung hat mich ein Dozent angesprochen, ob ich nicht eine Assistentenstelle einnehmen wollte, um zu promovieren.“

Probleme lösen

Ein Problem anzutreffen, sich damit intensiv auseinander zu setzen und es zu lösen ist die für Cremer-Renz‘ typische Vorgehensweise. „Nach meiner Dissertation ging ich an das Institut für Arbeiterbildung in Recklinghausen. Das war die Zeit der Kohle- und Stahlkrise im Ruhrgebiet, ganze Städte verarmten. Unsere Aufgabe am Institut war herauszufinden, wie man, im Ruhrgebiet in Zeiten krasser Arbeitslosigkeit, durch Arbeiterbildung Menschen so unterstützen kann, dass sie nicht politisch in rechtsradikale Positionen abgleiten. Wir versuchten damals über Stadtteilarbeit kinderreiche Familien in der Bewältigung des Alltags zu unterstützen. Wir machten Elternbesuche, halfen den Kindern bei den Hausaufgaben, zeigten den Eltern Möglichkeiten der Lebensbewältigung auf. Die Themen haben sich aus dem Alltag aufgedrängt. Wir gingen zu arbeitslosen Menschen und erörterten mit denen neue Perspektiven.“
Ihre weiteren Aktivitäten umfassten politische Arbeit gegen die Stationierung von Kurzstreckenraketen („Pershing-Raketen“) in der BRD sowie, zusammen mit der damaligen Wissenschaftsministerin Helga Schuchardt, die Einführung von Frauenbüros an niedersächsischen Hochschulen. Gerechtigkeit ist ein Leitwert für Cremer-Renz, darüber fand sie zum Engagement für den Antifaschismus. „Als ich nach Lüneburg kam, wollte ich wissen ‚Wo bin ich hier eigentlich gelandet? Was für eine Stadt ist das hier?‘“, sagt sie bezüglich Lüneburgs Rolle im Nationalsozialismus. „Es gab sehr wenig an Informationen. Als hätte es die Zeit zwischen 1933 und 1945 in Lüneburg überhaupt nicht gegeben. Daraufhin habe ich mich hier erstmal mit der Gegend beschäftigt und ich habe in einem Projekt beider Hochschulen mit Bürger*innen , Hochschullehrer*innen und Studierenden zusammengearbeitet." Das Ergebnis  des Projektes war die Publikation des Buches „Heimat, Heide, Hakenkreuz".
Ob sie sich in und aufgrund ihrer vielen Tätigkeiten als Führungsperson sieht? Cremer-Renz winkt ab: „Ich bin nie ein Mensch gewesen, der sagt ‚Ich führe!‘. Eher jemand, der sich aktiv einbringt und bereit ist Probleme zu lösen. Und immer in Gruppen, sehr vernetzt, zusammen mit anderen. Für die wirklich großen Aufgaben reicht alleine die Kraft gar nicht. Ich habe gelernt in Gruppen zu arbeiten: Mit Lehrenden, mit Studierenden, mit Bürger*innen, mit Menschen, die was verändern wollten.“

Fusion der Hochschulen als Sicherung des Wissenschaftsstandortes

In Lüneburg gab es bis 2005 zwei Hochschulen. Die eine war die Universität Lüneburg, mit Sitz in der ehemaligen Kaserne in der Scharnhorststraße. Die andere war die Fachhochschule Nordostniedersachsen (FH NON). Sie hatte drei Standorte: Buxtehude, Suderburg, Lüneburg (Volgershall und Rotes Feld) und Ausbildungsprofilen in zum Beispiel Sozialpädagogik, Architektur, Bauingenieurwesen und Wirtschaftsinformatik. Cremer-Renz wurde Dekanin für Sozialwesen, Vizerektorin und schließlich 1996 Präsidentin der FH NON. Während ihrer Amtszeit erreichte die Fachhochschule ihre größte Blüte. Die neuen Studiengänge Automatisierungstechnik, Wirtschaftspsychologie und Wirtschaftsrecht wurden eingeführt. Die beiden letztgenannten wurden damals zum ersten Mal überhaupt an einer deutschen Fachhochschule angeboten. Absolvent*innen der Wirtschaftspsychologie in Lüneburg hatten eine Einstellungsquote von heute kaum mehr vorstellbaren 100%. In Studiengängen wie Wasserbau- und Wasserwirtschaft fand sich ein hoher Anteil außereuropäischer Studierender (insbesondere aus Indien und China), was zur Internationalisierung der FH beitrug. Die gesamte Studierendenzahl näherte sich der 5000er-Marke. Nicht zuletzt sorgte Cremer-Renz, ungewöhnlich sowohl für die Zeit wie auch für eine Hochschule, für eine überdurchschnittlich hohe Besetzung von Professuren mit Frauen.

Im Herbst 2003 nachdem eine neue Landesregierung die Arbeit aufgenommen hat, verkündete Wissenschaftsminister Lutz Stratmann in Lüneburg der erstaunten Öffentlichkeit, dass die Fachhochschule und die Universität Lüneburg fusionieren müssten. Hintergrund war ein Sparpaket für alle Wissenschaftsstandorte („Hochschuloptimierungskonzept-HOK"). Beide Hochschulen erhielten durch das niedersächsische Parlament einstimmig den Auftrag, den Wissenschaftsstandort zu erhalten und ihn durch Fusion beider Einrichtungen langfristig zu stärken.
Im Jahr 2004 erarbeiten die Jurist*innen vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Fachhochschule und der Universität das sogenannte „Fusionsgesetz“. Dies hatte vor allem die Funktion, Regelungen für viele Fragen und Aspekte eines geregelten Prozesses der Zusammenarbeit zu gewährleisten. Das Ziel war eindeutig: Es sollte keine Gesamthochschule werden sondern eine „Modell-Universität im Kontext der Bologna-Reform“. Daran zu arbeiten, war der politische Auftrag für die gesamte Hochschulgemeinschaft. In der Folgezeit musste mit Widerstand, Ängsten und Besorgnissen bei Studierenden und Beschäftigten umgegangen werden. Gleichzeitig begann der Prozess der Suche nach einer neuen Hochschulleitung. „Das ist eins meiner größten und schwierigsten Projekte gewesen“, kommentiert Cremer-Renz.

Jefferson

Warum ihr das Zitat in der Bibliothek gefällt? „Die Frage der Zukunftsgestaltung interessiert mich. Je komplizierter die Konflikte, desto interessierter werde ich. Deswegen interessierte mich das mit der Fusion. Wir mussten Antworten finden, für die noch niemand Antworten gefunden hat. Unterschiedliche Hochschulkulturen, unterschiedliche Strukturen, unterschiedliche Leitbilder und Auffassungen wozu Wissenschaft nützlich ist. Das Inter- und Transdisziplinäre gehörte ja immer zur Fachhochschule. 'Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung' kann nicht nur in disziplinären Strukturen geschehen. Ich war immer der Meinung, Wissenschaft muss die gesellschaftlichen Konflikte erkennen und, vor allen Dingen, lösen helfen.“


Ernennung zur Präsidentin der Fachhochschule Nordostniedersachsen (FH NON). Rechts: Vorgänger Prof. Dr. Jochen Weihe
Mit den Vizepräsident*innen der Fachhochschule
Mit der Frauenbeauftragten Anne Dudeck (links)
Mit Präsident Prof. Dr. Sascha Spoun, anlässlich der Verleihung des Verdienstordens
Mit Präsident Prof. Dr. Sascha Spoun; Festakt anlässlich der Verleihung des Verdienstordens

Autor: Martin Gierczak