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Digitalisierung in Unternehmen nachhaltig gestalten. Hannah Trittin im Interview

04.11.2019 Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind eng mit einander verwoben sind und stellen eine große Chance für Organisationen und die Region dar. Bei der Veranstaltung „regional.digital.kompetent“ am 14. November werden Forschungsimpulse dazu diskutiert und best practices aus der Praxis vorgestellt. Eine der Keynotes hält Hannah Trittin-Ulbrich, Juniorprofessorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsethik.

Gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit? Sind es nicht vielmehr zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben?

Es besteht auf jeden Fall ein Zusammenhang. Für die Nachhaltigkeit ist die zunehmende Verfügbarkeit von Daten erstmal toll. Theoretisch weiß man sehr viel besser, was eigentlich los ist. Die Digitalisierung ermöglicht es unternehmerischen Nachhaltigkeitsinitiativen, besser zu verfolgen welchen Impact sie haben. Je mehr Daten wir darüber haben, desto besser kann man es messen. Es ermöglicht viel mehr Transparenz, Vergleichbarkeit, man kann leichter herausfinden, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht.

Bitte nennen Sie noch ein weiteres Beispiel.

Um eines aus meiner eigenen Arbeit herauszugreifen: Unternehmen können digitale Technologien nutzen um viel direkter mit ihren Kunden zu kommunizieren. Die Nachhaltigkeits- oder Corporate Social Responsibility (CSR) Kommunikation, wie ich sie nenne, wird durch Weblogs, Social Media oder andere internetbasierte Technologien viel dynamischer und direkter. Man kann direkt erfahren, wie die Kunden ein Produkt bewerten und ob sie ggf. eine nachhaltigere Variante wünschen. Das birgt grundsätzlich viele Chancen bei der Erschließung neuer Märkte oder Kundensegmente, sofern gut kommuniziert wird.

Also hat die Digitalisierung hinsichtlich der Nachhaltigkeit nur Vorteile.

Nein, das kann man so nicht sagen. Es gibt durchaus viele unternehmerische Vorteile von Digitalisierung. Aber mit dem Mehr an Daten und an Transparenz steigt auch das gesellschaftliche und individuelle Gefahrenpotential. Beispiel Überwachung: Mitarbeiter lassen sich viel leichter steuern, man weiß, wo sie sind und was sie tun. Die Digitalisierung hat also auch eine Kehrseite. Um wirklich nachhaltig über Digitalisierung zu sprechen, muss man beide Seiten betrachten.

Was können Veranstaltungen wie das „regional.digital.kompetent“-Event beitragen?

„Nachhaltigkeit“ und „Digitalisierung“ sind unnötig sperrige Begriffe, sie können überfordernd klingen. Bei Events wie diesem ist es wichtig, Erfahrungen auszutauschen: Wer macht was? Was können wir von den anderen lernen und die von uns? Welche praktischen Anwendungen gibt es? Die Begriffe schwirren ja durch den Pressediskurs herum - was machen wir jetzt damit?

Haben es regionale, kleine Unternehmen schwerer nachhaltig zu arbeiten?

Man muss zwischen formalen und informalen Nachhaltigkeitsprojekten unterscheiden. Wenn ich von Nachhaltigkeit spreche, dann meine ich sowohl die ökologischen als auch die sozialen Dimensionen des Wirtschaftens. Kleinere Unternehmen haben in der Nachhaltigkeit andere Potentiale. Die haben einen viel direkteren Kontakt zu ihrer Gemeinde und können viel mehr vor Ort etwas lösen. Man hört immer davon, dass große internationale Unternehmen Hilfsorganisationen in Afrika unterstützten. Das wird als dann Nachhaltigkeitsinitiative verkauft. Aber die Frage ist: Müssen regionale Unternehmen jetzt auch Hilfsprojekte in Afrika unterstützen? Nein, sie können auch ein regionales Projekt unterstützen. Tun sie ja auch oft. Es gibt schon die regionale Nachhaltigkeit für regionale Unternehmen, die sieht nur anders aus. Und die würden sie nicht immer als Nachhaltigkeitsinitiative labeln und „verkaufen“. Das ändert aber nichts daran, dass sie es ist.  

Gibt es Verbindungslinien zwischen ihrer aktuellen Forschung und der Veranstaltung?

Ich beschäftige mich in meiner Forschung mit dem Einsatz digitaler Techniken in der Kommunikation zwischen Unternehmen und deren Anspruchsgruppen. Dabei untersuche ich neue Technologien wie Gamification, also der Einsatz von Spielelementen in der Nachhaltigkeitskommunikation, und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten, den Dialog zu suchen mit den Anspruchsgruppen. Wie kann man vorgehen, um Mitarbeiter zu aktivieren oder um mit Kunden zu sprechen? Da gibt es viele kleine Momente im Zusammenspiel von Nachhaltigkeit und Digitalisierung, die regional angewendet werden können. Auf der anderen Seite beschäftige ich mich auch mit der „dark side of digitalisation“, also den Schattenseiten der zunehmenden Digitalisierung. Das ist wichtig, auch nach dem ganzen Hype um Digitalisierung, auch im Wirtschaftsbereich. Betont werden immer die Geschäftspotentiale, da muss man auch die Frage nach Mensch und Gesellschaft dahinter stellen – was macht es mit dem Menschen und welche Folgen hat die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft für die Gesellschaft? Wenn durch die Digitalisierung von Arbeitsprozessen Arbeitsplätze wegfallen, dann ist das auch eine regionale Fragestellung.

Vielen Dank!


Die Veranstaltung „regional.digital.kompetent“ zielt darauf ab, gemeinsam mit Expert*innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu diskutieren, wie sich die Chancen der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung der Region realisieren lassen.  Der Abend wird veranstaltet von den am Kooperations-Service, Centre for Sustainability Management (CSM) und Institut für Wirtschaftsinformatik der Leuphana angesiedelten und von der EU und Niedersachsen geförderten Projekten „Nachhaltigkeitsinnovationen im regionalen Mittelstand“ und „Digital Knowledge Transfer Model“ sowie der deutschlandweiten Kompetenzplattform für Nachhaltigkeit und Digitalisierung im Mittelstand nachhaltig.digital. Als Gäste sind unter anderem eingeladen: Stefan Muhle, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, sowie Monika Scherf, Landesbeauftragte für regionale Landesentwicklung.
Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Hannah Trittin ist seit März 2018 Juniorprofessorin für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsethik am Institut für Management und Organisation. Ihre Forschungsinteressen beinhalten die Rolle von Kommunikation im Kontext von Corporate Social Responsibility (CSR), der Einsatz von sozialen Medien im organisationalen Kontext, sowie die gesellschaftliche Verantwortung von Internet-Firmen. Ihre Arbeiten wurden unter anderem in der Zeitschrift "Journal of Business Ethics und Corporate Communication: An International Journal" publiziert.


Das Interview führte Martin Gierczak.