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Neu an der Leuphana: Professor Dr. Armin Beverungen – „Menschen werden wie Roboter behandelt“

18.11.2019 Fast unmerklich organisieren Algorithmen immer mehr Bereiche von Gesellschaft, Arbeit und Wirtschaft. Wie sie das tun, versteht aber kaum jemand.

Früher engagierten sich Menschen in großen, öffentlichen Organisationen. Heute konkurrieren Kirchen, Gewerkschaften oder Naturschutzorganisationen mit Facebook-Gruppen. „Fridays for Future, der Protest in Hong Kong oder Black Lives Matter – all diese Bewegungen organisieren sich in Sozialen Medien“, erklärt Armin Beverungen. In digitalen Kulturen organisierten sich Menschen oft schneller, mit weniger Ressourcen und von unten nach oben. „Dennoch schaffen Großunternehmen ihren Einfluss zu wahren, insbesondere über Plattformen“, sagt der Juniorprofessor für Organisation in digitalen Kulturen. Trotz dieser großen Veränderungen sind die unterliegenden Prinzipien der Digitalisierung nicht transparent. „Algorithmen bleiben eine Black Box, weil sie oft undurchsichtig konzipiert und gehalten werden“, erklärt Armin Beverungen. 

Der Soziologe studierte an der Lancaster University Organisation Studies, an der University of Cambridge Soziologie und promovierte an der University of Leicester. „Organisationen von Familie bis Staat spielen in der Soziologie eine große Rolle. Allerdings hatte ich, als ich noch in England lehrte und forschte, den Eindruck, dass die Organisation des Internets in den Organisationswissenschaften nicht gut verstanden wird.“ Deshalb arbeitete Beverungen vermehrt zur Digitalisierung und zu digitalen Kulturen. Er war bereits zwischen 2013 und 2017 Juniordirektor des Digital Culture Research Lab im Centre for Digital Cultures der Leuphana. „Die Leuphana ist ein sehr spannender Ort für die Forschung zur Digitalisierung und digitalen Kulturen“, erklärt der Wissenschaftler. 

Zuletzt forschte er zur Zukunft der Arbeit am Centre for Advanced Internet Studies in Bochum. Beverungen interessieren die Abläufe im Lager eines großen Online-Versandhändlers. „Dort sind die Regale nicht thematisch bepackt, sondern allein platzsparend.“ Die ,chaotic storage‘ führe dazu, dass nur der Algorithmus wisse, wo die Waren liegen. Der Computer schickt dann die Lager-Mitarbeiter*innen zum Einsammeln der Waren. „Der Mensch entscheidet nicht mehr, er führt nur aus und wird zum Roboter“, sagt Beverungen. Der Wissenschaftler versuchte zu ergründen, wie die Algorithmen, die Arbeit im Warenlager organisieren und welche Aspekte der Arbeitsprozesse überhaupt noch verhandelbar sind. Doch viele Fragen blieben für den Forscher unbeantwortet. Auch für die Menschen, die tagtäglich mit den digitalen Geräten umgehen, bleiben viele Prinzipien verschleiert. Aber nicht nur der Niedriglohn-Sektor sei von dieser digitalen Einflussnahme betroffen. „Bei Managern ist es kein Handcomputer wie in Warenlagern, sondern eine Decision Management Software. Der Mensch trifft Entscheidungen dann nicht mehr ohne den Algorithmus“, berichtet Beverungen. 

Die Zukunft der Arbeit hat aber viele Gesichter. Früher wäre es kaum vorstellbar gewesen, ohne Autos ein Taxiunternehmen aufzubauen oder ohne Zimmer ein Hotel. „Heute prägen und verändern Apps unsere Städte, ohne dass die Software-Unternehmen in den Orten etwas Materielles besitzen. Vielmehr steuert ein Algorithmus, was bereits da ist“, erklärt der Forscher. Arbeit und Ökonomie verändern sich. Beverungen fordert deshalb, die Funktionsweise von Algorithmen transparent zu machen und kritischer auf die zunehmende Digitalisierung zu blicken: „Technik wird oft als Lösung für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme gesehen. Dabei trägt die zunehmende Computerisierung auch zu bestehenden Problemen bei, wie zum Bespiel dem Klimawandel, und zwar durch einen enormen Energieverbrauch.“


Autorin: Marietta Hülsmann