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Neue Lichtenberg-Professur für Provenienzstudien

06.01.2020 Lüneburg. Prof. Dr. Lynn Rother hat als Lichtenberg-Professorin für Provenienzstudien („Provenance Studies“) ihre Arbeit an der Leuphana Universität Lüneburg aufgenommen. Sie kommt vom Museum of Modern Art in New York, wo sie als Senior Provenance Specialist tätig war. Lichtenberg-Professuren der VolkswagenStiftung werden an herausragende Wissenschaftler vergeben, die in hoch innovativen zwischen den Disziplinen angesiedelten Gebieten forschen. Während einer ersten Förderphase von fünf Jahren wird Prof. Rother mithilfe computergestützter Methoden die Herkunft moderner europäischer Gemälde in US-amerikanischen Museen untersuchen. Dabei interessiert sie besonders, welche Rolle politische Konflikte und transatlantische Kunstmarkttransaktionen auf die Verbreitung von zeitgenössischer Kunst während des zwanzigsten Jahrhunderts gespielt haben.

Professorin Dr. Lynn Rother © Sebastian Bach, New York

„Der Leuphana ist es gelungen, mit Lynn Rother eine international hervorragend ausgewiesene Expertin zu gewinnen“, sagt Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler. „Die Verankerung der Provenienzforschung an der Lüneburger Universität ist für das Land Niedersachsen und weit darüber hinaus von großer Bedeutung. Es ist wichtig, dass fortschrittliche Methoden in Forschung und Lehre in diesem Bereich etabliert werden, um die Rahmenbedingungen für die Wahrnehmung unserer kulturpolitischen Verantwortung im Sinne der Washingtoner Prinzipien weiter zu stärken.“

Das erste Forschungsprogramm von Lynn Rother, „Modern Migrants: European Paintings in American Museums“, soll als Modell für ein neues Fachgebiet dienen: Es geht um Provenienzstudien, also die Analyse qualitativer und quantitativer Aspekte von objektbezogenen Herkunftsdaten. Indem diese Informationen über die Geschichten einzelner Objekte hinaus – als kulturelle und soziale Phänomene in Raum und Zeit – verstanden werden, gilt es zu klären, wann, warum und auf welchem Weg europäische Gemälde in US-amerikanische Museumssammlungen gelangt sind.

„In Zeiten sich rasant wandelnder Methoden in den digitalen Geisteswissenschaften, möchte ich den Einsatz von Data Science für das politisch und moralisch wichtige Gebiet der Provenienzforschung voranbringen“, sagt Prof. Rother. „US-amerikanische Museen nehmen bei der Online-Veröffentlichung von Provenienzinformationen eine Vorreiterrolle ein, aber kein universitäres Forschungsprogramm nutzt bisher die vorliegenden Herkunftsdaten für großangelegte Analysen.“

Lynn Rother will ihre Arbeit auch auf andere Bereiche der Provenienzforschung ausweiten: Bei besonders umfangreichen Sammlungen, sogenannten Large-Scale collections, die Druckgraphik, Zeichnungen, Antiquitäten, Kunstgewerbe, archäologische oder ethnologische Objekte umfassen, ist die Dokumentationsdichte meist sehr niedrig. Dadurch ist die Provenienzforschung zu Kulturgutverlusten in der NS- und Kolonialzeit eine große Herausforderung. Die Professorin ist überzeugt: „Ein konsequentes Datenmanagement von Anfang an kann Museen und Forschern enorm helfen. Das gilt nicht nur für das allgemeine Verständnis zu einer Sammlung. Es ermöglicht auch Objekte mit vergleichbaren Herkunftsgeschichten innerhalb und zwischen Museumssammlungen zu identifizieren, um Fragen und etwa Archivrecherchen zu bündeln.“

Hintergrund:
Lynn Rother besetzt die erste dauerhaft eingerichtete Universitätsprofessur (W2) zu Methoden der Provenienzforschung in Deutschland und die erste Lichtenberg-Professur für die Leuphana. Georg Christoph Lichtenberg hatte im 18. Jahrhundert die erste Professur für Experimentalphysik in Deutschland inne. Die nach ihm benannten Professuren vergibt die VolkswagenStiftung mit dem Ziel, herausragende Forscher zu gewinnen sowie innovative akademische Lehre und neue Forschungsrichtungen an deutschen Hochschulen zu etablieren.


Zur Person:
Lynn Rother studierte Kunstgeschichte, Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig und der Technischen Universität Dresden. Sie promovierte in Kunstgeschichte bei Prof. Dr. Bėnėdicte Savoy an der Technischen Universität Berlin. Ihre akademische Forschung wurde durch Stipendien des Getty Research Institute in Los Angeles und des Deutschen Historischen Instituts in Moskau ausgezeichnet. Ihre veröffentlichte Dissertation über Kunstwerke als Kreditsicherheiten während der NS-Zeit (Kunst durch Kredit – Die Berliner Museen und ihre Erwerbungen von der Dresdner Bank, de Gruyter, 2017) wurde mit dem Preis „Geisteswissenschaften international“ geehrt, der von der Fritz Thyssen Stiftung, der VG Wort, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Auswärtigen Amt vergeben wird.

Prof. Rother verfügt über mehr als 10 Jahre Erfahrung in der Provenienzforschung. Bevor sie die Provenienzforschung am Museum of Modern Art in New York geleitet hat, forschte sie als Wissenschaftlerin bei den Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Neben der NS-Provenienzforschung im Justiziariat, dem Kunstgewerbemuseum und dem Kupferstichkabinett arbeitete sie auch an von der Europäischen Kommission kofinanzierten digitalen Initiativen am Institut für Museumsforschung. An der Leuphana ist sie Mitglied des Instituts für Philosophie und Kunstwissenschaften sowie assoziiertes Mitglied des Instituts für Soziologie und Kulturorganisation an der Fakultät für Kulturwissenschaften.