Was macht eigentlich Martin Storksdieck?

Martin Storksdieck hat 2005 am damaligen Fachbereich Umweltwissenschaften an der Universität Lüneburg seine Dissertation zum Thema „Field Trips in Environmental Education“ geschrieben und mit der Disputation erfolgreich abgeschlossen. Er hat an der Albrecht-Ludwig-Universität Freiburg i. Br. Biologie und an der Harvard Universität Politik- und Verwaltungswissenschaften studiert, arbeitete danach in Freiburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Europabüro des International Council for Environmental Initiatives, und anschließend als pädagogischer Mitarbeiter im dortigen Planetarium. Von dort hat es ihn 1998 in die USA verschlagen.

1. Was machst Du gerade beruflich?

Ich wurde im Juni 2014 zum Direktor eines sich im Aufbau befindenden Forschungszentrums an der Oregon State University berufen. Das Center for Research on Lifelong STEM Learning (d.h. Forschungszentrum für Lebenslanges MINT Lernen) liegt in der Schnittstelle zwischen natur- und ingenieurswissenschaftlicher Forschung und Öffentlichkeit. Es ist sowohl eine universitäre Einrichtung für anwendungsbezogene Lehr-Lern-Forschung und Evaluation, als auch eine Service-Einrichtung, die das Ziel verfolgt, Forschungsergebnisse der Universität sichtbar zu machen.  Aktuelle Schwerpunkte liegen im Bereich Wissenschaftskommunikation und informelle Bildung, Unterstützung von universitärer Lehre, und Forschungsproduktivität (“science of team science"). Im Herbst 2015 erhielt ich auch die Ernennung zum “tenured full professor” (Vollprofessur) für Bildungsforschung.

2. Und was hast Du davor gemacht?

Von 2009 bis 2014 habe ich den Bereich Naturwissenschaftliche Bildung (Board on Science Education) an der US-Amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften geleitet. Während dieser Zeit war ich verantwortlich für eine Reihe von nationalen Initiativen zur Bildungsreform, unter anderem zum Thema naturwissenschaftliche Bildungsstandards für Schulen, Verbesserung der universitären Lehre und Erweiterung der außerschulischen Bildung. Parallel leitete ich den Runden Tisch Klimabildung an der Nationalen Akademie der Wissenschaften. In diesem Forum kamen Regierungsvertreter mit Repräsentanten der Forschung, gesellschaftlicher Gruppen und der Wirtschaft zusammen, um strategischwichtige Themen zu diskutieren. Der Runde Tisch organisierte fünf Tagungen und veröffentlichte entsprechende Tagungsbände zu einem breiten Themenspektrum im Bereich Klimabildung und Klimakommunikation. Vorher habe ich an einem unabhängigen Forschungsinstitut für außerschulisches Lernen als Anwendungsforscher und Evaluator gearbeitet, zunächst als Senior Researcher und später als Direktor für Projektentwicklung.

3. Welche Herausforderungen waren mit Deiner Promotion verbunden?

Ausreichende Motivation war für mich die größte Herausforderung. Zwar hatte ich die meisten Daten bereits erhoben bevor ich in die USA umsiedelte, aber ich arbeitete an der Dissertation weitestgehend ohne Einbindung in eine Arbeitsgruppe. Auf Dauer ist es schwierig, eine anspruchsvolle Studie ohne regelmäßigen inhaltlichen Austausch mit Gleichgesinnten durchzuziehen, und in Boston gab es überaschenderweise wenige, die sich mit außerschulischer Umweltbildung beschäftigten. Nach zwei Jahren Einzelkämpferdasein nahm ich eine Vollzeitstelle an einem unabhängigen Forschungsinstitut an; das half zwar mit der Motivation, aber nun wurde es einfach zeitlich schwierig, die Dissertation zu beenden. Das zog sich dann alles noch etwas hin. Heute wäre das alles wesentlich leichter, mit kostenloser Videokonferenztechnik wie SKYPE, ZOOM, Google Hangout usw.

4. Was ist für Dich heute eine der wichtigsten Herausforderungen, insbesondere wenn es um Fragen zur nachhaltigen Entwicklung geht?

Ich habe mich über die Jahre sehr mit Fragen des kollektiven und individuellen Umweltverhaltens beschäftigt, und es erstaunt mich immer wieder, wie sehr diese zum Teil recht fruchtlose Debatte darunter leidet, dass nur wenige in der Lage sind, verschiedenste Aspekte zu integrieren. Von der Politikwissenschaft zur Psychologie, von Bildungs- und Erziehungswissenschaften zur Lernforschung, Kommunikationswissenschaften zu Wirtschaftswissenschaften: Repräsentanten dieser Disziplinen gehen das Thema oftmals zu eng und fachgebunden an. Das ist natürlich verständlich, aber auch auf Dauer unproduktiv, weil wir meiner Ansicht nach nicht genug Fortschritt in dieser Thematik machen. Ich bin so etwas wie eine akademische eierlegende Wollmilchsau, und das hat mit erlaubt, jenseits von akademischen Disziplinen zu denken und zu handeln. Ich sehe eine stärkere inter- oder transdisziplinäre Sichtweise als notwendig an und hoffe, dass wir auf Dauer das traditionale akademische Expertenwesen etwas in Frage stellen.

5. Was hast Du Dir für die nähere Zukunft, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre vorgenommen?

Ich werde mich darauf konzentrieren, das Forschungszentrum aufzubauen. Das Ziel für die nächsten 5 Jahre ist, dass Zentrum so weit auszubauen und auf eine solide Basis zu stellen, dass es mich da nicht mehr braucht. Es ist ja gewissermaßen ein „start-up“, mit dem die Universität hohe Erwartungen verbindet, allerdings – wie so oft in den USA – leider ohne entsprechende finanzielle Ausstattung. Wir sind auf externe Forschungsgelder angewiesen, und diese einzutreiben verlangt viel Arbeit, Kreativität und Kontaktpflege – das macht die Aufgabe natürlich auch spannend. Es hilft mir und meinem Team dabei, dass ich in den USA und auch bereits in meiner neuen Wahlheimat Oregon gute Verbindungen in verschiedenen beruflichen Netzen habe. Leider bedeutet diese Arbeit auch, dass ich viel reisen muss. Dabei entgeht mir natürlich nicht, dass ich im Nahmen von Forschung und Entwicklung einen grausam hohen ökologischen Fußabdruck produziere. Wir arbeiten viel mit virtuellen Treffen, aber ich bin trotzdem noch ein- bis zweimal im Monat im Flieger unterwegs und jedes Mal sind das dann tausende von Kilometern.

6. Wo siehst Du Verbindungen zwischen Deiner jetzigen Tätigkeit und Deiner Verbindung zu Leuphana Universität Lüneburg / INFU?

Meine Dissertation an der Universität Lüneburg basierte auf einem Klimabildungsprojekt am Freiburger Planetarium und war entscheidender Einstieg in eine höchst spannende berufliche Laufbahn als Forscher, Politikberater und Hochschullehrer. Ich kann mir durchaus vorstellen, mit den Lüneburger KollegInnen das eine oder andere Projekt gemeinsam zu realisieren. Wir sind im Bereich außerschulische Umweltbildung und Umweltkommunikation aktiv und suchen zur Zeit internationale Partner, die daran interessiert sind, an der Schnittstelle zwischen Motivation, Interesse, Identität, „engagement“, Qualität der Bildung und Bildungserfolg zu forschen.

 

Das Interview führte Gerd Michelsen, Seniorprofessor für Nachhaltigkeitsforschung am UNESCO Chair Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung.