Was macht eigentlich Matthias Barth?

2007 hat Matthias Barth seine Dissertation zum Thema „Gestaltungskompetenz durch Neue Medien“ erfolgreich abgeschlossen und 2011 an der Fakultät Nachhaltigkeit die Venia Legendi für das Fach Nachhaltigkeitswissenschaft erhalten, Thema seiner Habilitationsschrift: „Learning for Change: An Educational Perspective on Sustainability“. Nach Abschluss seines Studiums der Umweltwissenschaften an der Universität Lüneburg war er von 2002 bis 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umweltkommunikation (INFU), bevor er als Postdoc-Stipendiat ans RMIT nach Melbourne wechselte. Seit 2014 ist er Professor für Sachunterricht und Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Leuphana.

1. Was machst Du gerade beruflich?

Seit November 2014 bin ich zurück an der Leuphana Universität Lüneburg, wo sozusagen alles begann, und leite das Institut für Integrative Studien in der Fakultät Nachhaltigkeit. Mit der Professur Sachunterricht und Bildung für nachhaltige Entwicklung schlage ich eine Brücke zwischen der Fakultät Nachhaltigkeit und den Bildungswissenschaften und verantworte die Ausbildung für den Sachunterricht, dem Unterrichtsfach in der Primarstufe, das unter der Perspektive Bildung für nachhaltige Entwicklung Schülerinnen und Schüler auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereitet. Als Studiendekan der Fakultät Nachhaltigkeit versuche ich zudem meine Forschungsexpertise zu Hochschulbildung und nachhaltige Entwicklung in die Weiterentwicklung unserer Studiengänge einfließen zu lassen.

2. Und was hast Du davor gemacht?

Von 2012 bis 2014 war ich an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe als Professor für die Didaktik der Umweltwissenschaften und leitete das Institut für Kompetenzentwicklung am Standort Höxter. Hier konnte ich meine Erfahrungen einbringen, die ich zuvor als Postdoc erst am INFU in Lüneburg und später als DAAD-Stipendiat am RMIT in Melbourne in unterschiedlichen Forschungsprojekten sammeln konnte.

3. Welche Herausforderungen waren mit Deiner Promotion verbunden?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Ich bezeichne mich ja selbst gern als ein Vertreter der Nachhaltigkeitswissenschaftler der 2. Generation. Denn als Absolvent des ersten Jahrgangs der Umweltwissenschaften in Lüneburg wurde ich inter- und transdisziplinär ausgebildet und bekam ein breites Spektrum an Rüstzeug mit auf den Weg, um Nachhaltigkeitsfragen fundiert nachgehen zu können. Für eine solche Ausbildung gab es damals aber noch gar keine logische Entsprechung in der Postgraduiertenausbildung. Ich promovierte also in der damaligen Fakultät Bildungswissenschaften. Ohne „erziehungswissenschaftlichen Stallgeruch“ galt es dabei schon zu beweisen, dass ich, ausgehend von der Breite der Ausbildung im Studium, auch in der Lage war, mich in die disziplinäre Logik und Tiefe der Erziehungswissenschaften einzuarbeiten. Auch wenn dies eher eine von außen herangetragene Diskussion war und in meinem direkten Betreuungsverhältnis keine große Rolle gespielt hat, so habe ich das Spannungsfeld von notwendiger interdisziplinärer Breite bei der Bearbeitung nachhaltigkeitsrelevanter Fragestellungen und einer Promotion inhärenter disziplinärer Tiefe in der Ausarbeitung als zentrale Herausforderung empfunden. In einem guten Sinne, denn dieses Spannungsfeld ist es ja, was unsere Arbeit herausfordernd und zugleich befriedigend macht – auch wenn ich dies während der vier Jahre wahrscheinlich nicht immer genau so gesehen habe.

4. Was ist für Dich heute eine der wichtigsten Herausforderungen, insbesondere wenn es um Fragen zur nachhaltigen Entwicklung geht?

Da spricht dann doch der bildungswissenschaftlich geprägte Nachhaltigkeitswissenschaftler aus mir. Die Herausforderung ist für mich, wie wir die Rolle der Bildung weiter stärken können, so dass einerseits Bildungsprozesse noch stärker auf ihre Beiträge zur Ausbildung von nachhaltigkeitsrelevanten Kompetenzen ausgerichtet werden können und dass aber andererseits auch die Nachhaltigkeitswissenschaften von den Erkenntnissen, Theorien und Methoden der Bildungswissenschaften stärker profitieren können.

5. Was hast Du Dir für die nähere Zukunft, sagen wir mal für die nächsten fünf Jahre vorgenommen?

Das Schöne an meiner jetzigen Stelle ist es, tatsächlich einen solchen Planungshorizont zu haben und in Ruhe einen Schwerpunkt aufbauen und entwickeln zu können. In meiner Antrittsvorlesung habe ich den Blick sogar weiter gerichtet und mich und das Publikum gefragt, was ich in den 30 Jahren, die ich in der Wissenschaft sicher noch vor mir habe, erreichen möchte. Eine Theorie des Lernens für Nachhaltigkeit war damals kurz gesagt meine Antwort. Und auch wenn dies vollmundig klingt, so war und ist es mir ernst damit und die nächsten 5 Jahre sehe ich als erste Schritte auf dem Weg dahin. Zusammen mit einem schnell wachsenden Team und in einigen spannenden laufenden Projekten möchte ich der Frage nachgehen, was es bedarf sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich Lernprozesse erfolgreich zu gestalten, die uns helfen, aktiv zu einer nachhaltige(re)n Entwicklung beizutragen.

6. Wo siehst Du Verbindungen zwischen Deiner jetzigen Tätigkeit und Deiner Verbindung zu Leuphana Universität Lüneburg / INFU?

Zur Leuphana sind die Verbindungen wohl offensichtlich, also sage ich vielleicht eher etwas zum INFU. Schon früher waren das INFU und mein jetziges Institut, das INFIS, sich in ihrer Arbeit eng verbunden. Mit meiner Rolle hoffe ich diese enge Zusammenarbeit weiter tragen zu können und sehe mit der expliziten Ausschreibung meiner Professur für mich auch die Aufgabe, hier die hervorragende Arbeit im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung, für die insbesondere das INFU steht, fortzuführen und weiter systematisch auszubauen. Dass mich dies wieder zu einer Reihe von gemeinsamen Anstrengungen geführt und sich der Kreis dadurch für mich schließt, freut mich umso mehr!

 

Das Interview führte Gerd Michelsen, Seniorprofessor für Nachhaltigkeitsforschung am UNESCO Chair Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung.