Neu an der Leuphana: Prof. Ph.D. Karen Benezra - Marx neu denken

01.11.2021 Die Juniorprofessorin für Kunst - Theorie - Kritik verbindet in ihrer Forschung politische Philosophie, Kunsttheorie und Lateinamerikastudien. Demnächst wird sie einen Sammelband über Kapitalismus und Subjektivität in der kritischen Theorie und Kultur Lateinamerikas veröffentlichen.

Karen Benezra ©Leuphana, Marie Meyer
Der Marxismus sei lebendig, weil er auch unvollständig ist, sagt Karen Benezra, Juniorprofessorin für Kunst - Theorie - Kritik.

Karl Marx wusste relativ wenig über Lateinamerika. Dennoch werden seine Schriften dort viel gelesen und haben zu höchst kreativen Denkansätzen über die politische Ökonomie geführt. Man denke an Che Guevara und die kubanische Revolution, aber vielleicht weniger an José Aricó oder René Zavaleta Mercado. Im kommenden März erscheint bei SUNY Press der Sammelband Accumulation and Subjectivity: Rethinking Marx in Latin America. Herausgeberin Prof. Dr. Karen Benezra, Juniorprofessorin für Kunst - Theorie - Kritik, will mit diesem Werk Marx und die marxistische Theorie in Lateinamerika wiederentdecken: „Lateinamerikanische soziale und politische Denker*innen haben die Marx‘schen Konzepte und Kategorien im Lichte ihrer eigenen historischen und politischen Kontexte neu interpretiert. Der Band versucht, diese Art von intellektuellen Genealogien zu beleuchten. Aber er ist kein Museum; er versucht auch, diese Arbeit selbst zu leisten, indem er zum Beispiel fragt, wie Konzepte wie die primitive Akkumulation an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze neu überdacht werden.“ Der Marxismus sei lebendig, weil er auch unvollständig ist. Durch die Kombination von Überlegungen zur politischen Philosophie, Geistesgeschichte, Erzählung, Recht und Film von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart entsteht ein verändertes Narrativ, das sich auch auf andere historische Kontexte übertragen lässt. „Wir können auf Theorien aus Lateinamerika zurückgreifen, die bisher übersehen wurden und Instrumente zum Verständnis des heutigen Kapitalismus finden“, erklärt Karen Benezra.

Ein weiteres Forschungsgebiet der Spezialistin für das Lateinamerika des 20. Jahrhunderts ist die zeitgenössische Kunst, genauer gesagt das Konzept der Dematerialisierung. Die Forscherin untersucht die miteinander verflochtenen experimentellen Praktiken und kritischen Diskurse von Kunst und Industriedesign in Argentinien, Mexiko und Chile in den 1960er und 1970er Jahren: Die konzeptionelle und semiotische Wende der 1960er Jahre stellt einen Einschnitt in der Geschichte der bildenden Kunst und des Industriedesigns dar. „Künstler und Theoretiker versuchten, die moderne Kunst und die architektonische Form neu zu definieren. Aber die vorherrschende Geschichte dieses Wandels, vor allem in der Kunst nach den 60er Jahren, ist eine parochiale“, erklärt die Wissenschaftlerin. Und weiter: „Die Geschichte der Konzeptkunst“, erklärt Benezra, „wird von einer Handvoll New Yorker Künstler erzählt, die diesem Moment in eine Geschichte avantgardistischer Experimente schreiben, deren Erbe sie ebenfalls für sich beanspruchen.“ Im Gegensatz dazu geht es ihr um die Verbindung zwischen Kunst, Ästhetik und Ideologie - und um die Erforschung von Kunst und Politik als Kessel des Denkens. Ihr erstes Buch, „Dematerialization: Art and Design in Latin America“ untersucht, wie die so genannte Dematerialisierung von Kunst und Design als Konzept dank der radikalen sozialen Veränderungen entstanden ist, die durch die beschleunigte kapitalistische Entwicklung der vorangegangenen Jahrzehnte hervorgerufen wurden. Benezra legt dar, wie Künstlertheoretiker wie der Argentinier Oscar Masotta einen neuartigen materialistischen Ansatz für die Kunst entwickelten und damit Kritikern und Theoretikern die Tür öffneten, dies auch heute zu tun.

Karen Benezra promovierte an der renommierten Cornell University/USA und war zuletzt Assistant Professor an der Columbia University. Die ausgeschriebene Professur an der Leuphana hat sie besonders interessiert: „Das Institut ist einzigartig“, sagt die Wissenschaftlerin: „Kunstgeschichte aus dem globalen Süden ist gerade sehr angesagt, aber hier an der Leuphana will man sich mit dieser Welt auf der gedanklichen Ebene auseinandersetzen“, erklärt Karen Benezra.

2014 war sie Mitherausgeberin von „The Act: Psychoanalysis and/in its effects“, eine Sonderausgabe der Zeitschrift, die sich mit der Psychoanalyse und den Auswirkungen des Unbewussten auf die Kultur beschäftigte. Karen Benezra arbeitet derzeit an zwei weiteren Büchern: eines über die Beziehung zwischen Eigentum und Kollektivität im sozialen und politischen Denken Lateinamerikas in der Mitte des 20. Jahrhunderts und ein weiteres über die Beziehung zwischen Kunst und Hegemonie in Chile während der langen Periode der Volksfrontpolitik des Landes in den Werken von Wandmalern, Grafikern und Intellektuellen.

Karen Benezra promovierte in Hispanistik mit dem Nebenfach Vergleichende Literaturwissenschaft an der renommierten Cornell University. Sie ist die Autorin von „Dematerialization: Art and Design in Latin America“ (University of California Press, 2020) und Herausgeberin von „Accumulation and Subjectivity: Rethinking Marx in Latin America“, das Anfang 2022 bei der State University of New York Press erscheinen wird. Karen Benezra ist seit 2012 Herausgeberin der Zeitschrift ARTMargins. Vor ihrer Zeit an der Leuphana war sie Assistant Professor an der Columbia University. Im Jahr 2021 übernahm sie die Juniorprofessur für Kunst - Theorie - Kritik am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft der Leuphana Universität Lüneburg.

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