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Systemrelevant? Zu Kultur und Pandemie

27.04.2020 Diskussionen im politischen Feld kreisen zurzeit um den Begriff der „Systemrelevanz.“ Medien und Politiker*innen sind da ziemlich eindeutig: Nur was das Prädikat „systemrelevant“ trägt, zählt. Schlechte Zeiten also für alle, deren Arbeit pauschal nicht dazugehört.

Dabei wird die Zugehörigkeit zur „systemrelevanten“ Gruppe weder spezifiziert noch gibt es eine eindeutige Definition von „Systemrelevanz“. Dies passt zur Beschreibung von Krise als Unsicherheitszustand; keiner weiß exakt, was als nächstes passiert und ob die heute festgelegten Maßnahmen morgen noch die richtigen sind. Zuordnungen zu systemrelevanten Gruppen und Unsicherheitszustände stehen dabei im Widerspruch zueinander und so kann die Zuweisung einer Tätigkeit als „systemrelevant“ sehr willkürlich und von Gruppeninteressen geleitet werden. Eine kritische Sozialwissenschaft muss weiter nachfragen, ob Systemrelevanz sich auf Systemerhaltung beschränkt, zurück zum Status quo ante. Sollte Politik darauf beschränkt sein oder sollte sie die Funktion übernehmen das offensichtlich unzureichende soziales System zu transformieren? Die Kultursoziologen Volker Kirchberg und Tom Schmidt erklären im Interview die jetzige Situation und weisen Wege für die Zukunft auf.

Interview

Kulturberufe werden selten als systemrelevant bezeichnet.
Schmidt Nein, das würde ich so pauschal nicht sagen. Wir müssen allerdings die Frage stellen, mit welchen Begründungen die einen Berufe und Tätigkeiten als systemrelevant zu bewerten und die anderen nicht. Derzeit wird das bei Kulturberufen verneint, aber dabei merken wir doch gerade an den aktuellen Lockerungs-Diskussionen, wie sehr uns die Kultur als Reflektionsmöglichkeit fehlt, um darüber nachzudenken, wie wir nach dieser Krise weiterleben wollen. Und das macht sie enorm systemrelevant über den Tag hinaus.
Kirchberg Sehe ich auch so. Das alltägliche Vorurteil des Verständnisses der Kultur als „Sahnehäubchen gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse" wird aber zurzeit so stark von der Politik bestätigt, dass man Angst um eine spätere Legitimierung der Kulturfinanzierung unter Austeritätsbedingungen haben muss.
Gelobt werden dagegen Krankenpfleger*innen, Verkäufer*innen und Putzkräfte in Krankenhäusern.
Schmidt Die aber nichts von ihrem Status als systemrelevante Menschen haben, sondern, im Gegenteil, es ihnen derzeit oft noch schwerer gemacht wird, ihre Tätigkeit auszuüben. So arbeiten in diesen Berufen, in denen über Jahre hinweg an allem Möglichen gespart wurde, in einer überwältigen Mehrheit Frauen, von denen viele auch Mütter sind. Verkäufer*innen kriegen aber beispielsweise derzeit keine Notbetreuung für ihre Kinder, da sie auf anderen politischen Ebenen wiederum nicht als systemrelevant eingestuft wurden – eine unglaubliche Doppelbelastung, die durch symbolischen Applaus allein nicht gelöst werden kann.
Kirchberg Dem entspricht ein eisernes Schweigen zumindest der meisten Medien und Politiker*innen gegenüber den ebenfalls häufig unterbezahlten Kulturschaffenden, die nicht als Held*innen des Alltags gefeiert werden, weil sie nicht als „systemrelevant" gelten. Das ist eine falsche Einschätzung. Dabei würde es schon helfen, wenn man sich vorstellt, wie die Pandemie gesellschaftlich verlaufen wäre, wenn es keine Kultur, also keine Serien, keine Filme, keine Musik, keine Bücher und Zeitschriften gäbe. Trotzdem wird jetzt die Öffnung von Einkaufszentren und Baumärkten als zunächst relevanter als die von Kulturstätten angesehen. Was macht eine Shoppingmall aber sicherer als ein Museum?
Auf der Ebene individueller Betroffenheit gibt es also Widerstreite.
Kirchberg Nicht nur dort, auch auf der Ebene der gesellschaftlichen Teilsysteme von Wirtschaft, Gesundheit und eben Kultur. Wir haben nicht nur aktuell einen Kampf zwischen Wirtschaftsinteressen und Gesundheitsprävention (dargelegt durch die sehr klaren Aussagen vieler Virolog*innen gegen eine Lockerung des Lockdowns und den gegensätzlichen Reaktionen vieler Landespolitiker*innen), sondern auch ein Kampf dieser beiden Systeme mit dem Kultursystem. Die Politik neigt zu einer Betonung von Wirtschafts- gegenüber gesundheitlichen Interessen und kümmert sich, wenn überhaupt, erst um kulturelle Interessen, wenn diese wirtschaftlich wieder als postindustrielles Beiwerk an Bedeutung gewinnen dürfen, beziehungsweise wenn man ihrer Funktion als systemerhaltend im Sinne einer gesellschaftlich sedierenden Wirkung bedarf (wie Adorno es in seinen Traktaten zur Kulturindustrie beschrieben hat). Aufklärende und visionäre Kulturentwürfe gehören nicht zu dieser Politik; diese beschränkt ihre Aufmerksamkeit auf den Konsum von Netflix-Filmen, Balkonkonzerten und den digitalen Kachelbildern von vereinzelt in ihren Wohnungen spielenden Musikern.   
Was wäre denn in Ihrer Sicht tatsächlich „systemrelevant“?
Kirchberg Tatsächlich systemrelevant wäre die Einordnung der Corona-Krise im Rahmen der umfassenden Transformation im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen! Die nächste noch größere Krise, die Klimakrise, steht uns nämlich bevor, auch wenn sie im Moment von den Schlagzeilen verdrängt wird.
Schmidt Die Corona-Krise könnte der Vermeidung der globalen Klimakrise einen Schub geben, zum Beispiel als Green New Deal; sie könnte aber bei einer anderen politischen Weichenstellung diese drängenden Aufgaben noch weiter nach hinten schieben. Die gesellschaftlichen und kulturellen Chancen eines notwendigen Nachhaltigkeitsschubs treten aktuell leider eher zurück.   
Kirchberg Exakt. Wir reden im Moment nur von den Chancen der Digitalisierung in Lehre und Forschung und vergessen dabei die Gefahren dieser Digitalisierung als Beschleuniger der sozialen Spaltung zwischen den digital literates bzw. der "Home Office"-Elite und den vielen Menschen, die ihren Beruf weder digital noch zuhause ausüben können oder wollen.
Könnten Sie Beispiele für Chancen eines durch die Krise induzierten Nachhaltigkeitsschubs nennen?
Kirchberg Gerne, mir fallen spontan drei ein: Dass man in dieser Corona-Zeit das ganz offensichtlich dysfunktionale Narrativ „Kein Wohlstand ohne Wachstum“ hinterfragt; dass man die Disparitäten zwischen sozialen Bevölkerungsgruppen in und zwischen den Städten, zwischen Industrieländern und den sogenannten sich entwickelnden Ländern offenlegt; und dass man die Beziehungen zwischen globalem Klimawandel, extremer Ressourcenausbeutung und zoonotischen Pandemie-Ursachen nicht nur ökologisch und ökonomisch, sondern auch kulturell analysiert und konkrete Schritte zur Vermeidung ableitet.
Klingt ein bisschen utopisch. Gerade ist ja eigentlich keine Zeit für Utopien …
Schmidt Finden Sie? Wir haben seit längerem in vielen Städten innovative Stadtentwicklungsprojekte, die aus einer real-utopischen Zielrichtung heraus nachhaltige Alternativen zur Wachstumsideologie ausprobieren und weiterentwickeln. Diese „Möglichkeitsräume“ sind gerade jetzt wahnsinnig wichtige kreative Orte, die uns zeigen, wie wir von dem schädlichen „Weiter so“ wegkommen können. Die Frage ist, ob sie von der Politik als systemrelevant für die Lösungsmöglichkeit für Probleme in der Corona-Zeit gesehen oder stattdessen vernachlässigt werden und sich dann die Existenzfrage bei vielen dieser realen Utopien stellt. Auch hier gibt es schon eine Ökonomie der Utopien, die es vielleicht aus gesellschaftlicher Sicht eher zu erhalten gilt als die vielen Shopping Malls.

Kirchberg Vielleicht ist die Corona-Krise ein „heilsamer“ Schock, gerade für Kulturprojekte und Kulturpolitik. Es gilt jetzt eine Festlegung zu treffen: versteht sich der Staat nun als Leviathan der Rückkehr zum Status quo ante, oder gelingt mit umfassender staatlicher Unterstützung die Weiterentwicklung und Umsetzung der dringend benötigten neuen Ideen einer nachhaltigen Gesellschaftsgestaltung?    
Vielen Dank!

Mehr Infos

Tom Schmidt ist Forschungsstudent im Institut für Soziologie und Kulturorganisation (ISKO) und Masterstudent der Nachhaltigkeitswissenschaften. 2017 wurde er mit dem Wissenschaftspreis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet.

Volker Kirchberg ist Professor für die Soziologie der Künste am ISKO, Koordinator des Bachelorfaches „Kulturorganisation und Kulturvermittlung,“ des Masterfaches „Arts Organization“ und Prodekan Forschung der Fakultät Kulturwissenschaften der Leuphana Universität. Seine größeren Forschungsprojekte in den letzten Jahren sind das interdisziplinäre Projekt „Stadt als Möglichkeitsraum “ zur Bedeutung von Kultur und Künsten für eine nachhaltige Stadtentwicklung und das internationale und interdisziplinäre Projekt „Critical Art(ist)s and Urban Development“, eine Forschungskooperation mit der Hebräischen Universität Jerusalem. In Kürze erscheinen zwei neue Publikationen zu als nicht systemrelevant geltenden Kulturschaffenden (zusammen mit Alenka Berber-Kersovan).

 

In bildlosen Zeiten: Ausschnitte aus dem Leuphana-Leitbild.

„Unter humanistischer Handlungsorientierung verstehen wir das Erkennen von Chancen sowie Mut und Fähigkeit, selbstständig gemeinwohlorientiert zu handeln.“
Unter humanistischer Handlungsorientierung verstehen wir das Erkennen von Chancen sowie Mut und Fähigkeit, selbstständig gemeinwohlorientiert zu handeln. ©Leuphana
„Die Grundidee in der langen Tradition des Humanismus besteht wohl darin, dass der Mensch die Freiheit hat, seinen Charakter selbst zu bilden.“
Die Grundidee in der langen Tradition des Humanismus besteht wohl darin, dass der Mensch die Freiheit hat, seinen Charakter selbst zu bilden. ©Leuphana
„Nachhaltigkeit bedeutet für uns eine ganzheitliche und kontinuierliche Herausforderung.“
Nachhaltigkeit bedeutet für uns eine ganzheitliche und kontinuierliche Herausforderung. ©Leuphana