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Wirklich ein Gegensatz? Ethiker Nils Ole Oermann zu Wirtschaft und Gesundheit in der Pandemie

19.05.2020 Geschlossene Läden, Kurzarbeit auf der einen Seite, Bettenkapazität und Infektionsgefahr auf der anderen: Lässt sich ein gesellschaftlich verantwortlicher Kompromiss schließen? Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Dr. Nils Ole Oermann im Interview.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen kleinen Laden, etwa ein alternatives Café. Sie haben es vor einer Weile aufgemacht, es läuft gut, sie können gerade so davon leben. Dann kommt die Quarantäne, Ihr Laden geht pleite, jetzt sind Sie arbeitslos und verschuldet. Ist das gerecht?
Gegenfrage: Sie sind Bewohner einer Küstenregion, und in der Hurricanesaison werden Sie obdachlos, und die Regierung bringt Sie in einer Turnhalle unter. Ist das gerecht?
Touché. Lassen Sie es mich andersherum versuchen: In der Pandemie sterben Menschen. Egal, was sonst noch ist (von Langeweile bis zu Insolvenzen) – nichts ist so schlimm wie der Tod. Wie kann es sein, dass überhaupt ernsthaft darüber diskutiert wird, Wirtschaft über Gesundheit zu stellen?
Ich halte diese Frage für problematisch.
Warum?
Weil sie keinen Sachverhalt beschreibt und eine Wertung vornimmt („Wie kann man…. ?“), die ich so nicht teile.
Medial werden doch in der momentanen Pandemie Wirtschaft und Gesundheit als Gegensätze präsentiert?
Meinen Sie? Durch wen genau wann und wem gegenüber denn? Ich denke, mit der Ausgangsthese Wirtschaft versus Gesundheit kommen wir nicht weiter. Denn niemand kann ein ökonomisches Interesse an dem haben, was sich aktuell entfaltet, sondern muss ein Interesse an gesunden Menschen haben.
Aber vielleicht zeigt die Diskussion um Ladenöffnungen ja, dass wirtschaftliche Existenz und gesundheitliche Unversehrtheit einfach nicht in Einklang zu bringen sind – und man nur hoffen kann, dass sie sich irgendwie ausbalancieren lassen?
Naja, „hoffen“ … als Wissenschaftler bin ich im Bereich Hoffnung eher nicht der Experte. Ich wäre vielmehr beim Eröffnen derart polarer Gegensätze wie „Gesundheit versus Wirtschaft“ oder „Wirtschaft versus Gesellschaft“ vorsichtig. Und wahrscheinlich würden die meisten Virologen mir beipflichten, dass einem Covid19-Virus solche Konstruktionen und vermeintlichen Gegensätze ähnlich gleichgültig sind wie unsere Diskussionen um Föderalismus oder die Richtigkeit von 800 Quadratmeter Öffnungsregeln.
Was lief im Pandemiemanagement in Deutschland bislang schief?
Angesichts der Todes- und Infiziertenzahlen legt sich im internationalen Vergleich eher der Eindruck nahe, dass Einiges richtig lief. Aber vielleicht hatten wir nach den Bildern aus Italien in Deutschland vielleicht auch einfach nur Glück, dass sich der Großteil der Bevölkerung anfangs sehr vernünftig verhalten hat und freiwillig den Rückzug antrat. Wie lange sich solche Maßnahmen in einem föderalen Rechtsstaat staatlich verordnet aufrecht erhalten lassen, das ist eine andere Frage.
Und was lief gut?
Gleiche Antwort: Ich denke, wir haben bislang vor allem viel Glück gehabt. Zudem waren die Menschen diszipliniert. Wie sich dies entwickeln wird, weiß nach meiner Einschätzung derzeit niemand genau. Und genau hier kann Wissenschaft einen wichtigen Beitrag leisten: Sich solcher Unsicherheiten bewusst zu werden und gleichzeitig konstruktiv mit ihnen umzugehen.
Inwieweit beschäftigen Sie sich als Wirtschaftsethiker mit der aktuellen Pandemie?
Das Fach Ethik beschäftigt sich mit der Kantschen Frage „Was soll ich tun?“ und Ökonomie mit Fragen von Verteilung und Knappheit. Einschlägiger könnte das Fach Wirtschafts-Ethik derzeit kaum sein. Und das versuche ich dadurch abzubilden, dass ich Entscheidungs- und Amtsträger bei der Frage „Was soll ich tun?“ aktiv auch in Pandemiezeiten berate.
Vielen Dank für das Interview!

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Univ.-Prof. Dr. Dr. Nils Ole Oermann lehrt seit 2009 Ethik mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik als Direktor des Instituts für Ethik und Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung an der Leuphana sowie seit 2018 an der University of Oxford. Zuvor war er Persönlicher Referent des Bundespräsidenten und langjähriger Berater im Bundesministerium der Finanzen. Zuletzt erschien von ihm und Hans-Jürgen Wolff „Wirtschaftskriege“ (Herder: 2019).