Interview mit Prof. Dr. Anne Barron

Liebe Frau Barron: Sie haben einige Semester im Modul Wissenschaft nutzt Methoden gelehrt, seit vorletztem Wintersemester lehren Sie im Modul Wissenschaft trägt Verantwortung. Was hat Sie dazu motiviert?
Mein Seminar im Modul Wissenschaft nutzt Methoden entsprach vor allem meinem persönlichen Interesse. Ich arbeite fast ausschließlich empirisch und habe die Möglichkeit begrüßt, Studierende mit der Bandbreite der empirischen Methoden - von der Beobachtung bis zum Experiment - vertraut zu machen.
Dass ich jetzt im Modul Wissenschaft trägt Verantwortung ein Seminar anbiete, hat vor allem zwei Gründe: Zum Einen hat es mich gereizt, in einem neuen Modul zu arbeiten, zum Anderen hat mich das Methodenmodul aufgrund inhaltlicher Akzentverschiebungen innerhalb des Seminars (mehr Wissenschaftstheorie und weniger forschendes Lernen) nicht mehr so sehr interessiert. Das Verantwortungsmodul bietet die Möglichkeit, dass Studierende in Gruppen an Projekten empirisch arbeiten. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Studierenden in kürzester Zeit Fragestellungen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz erarbeiten können.

Was ist für Sie der Mehrwert des College Studienmodells, insbesondere vom Leuphana Semester?
Mir gefällt der Schwerpunkt des empirischen, forschenden Arbeitens, die Selbstverständlichkeit von Gruppenarbeit und die Interdisziplinarität. Ich genieße auch die Offenheit und Neugier der Studierenden. Der Austausch zwischen Studierenden aus unterschiedlichsten Studiengängen ist für alle erfrischend. In homogenen Studiengängen fehlt manchmal dieser Perspektivwechsel.

Wonach unterscheidet sich Ihrer Ansicht nach die Lehre im Leuphana Semester von der Lehre im Major oder Minor?
Die Lehre im Leuphana Semester ist projektorientierter und interdisziplinärer. Sie bietet eine einzigartige Chance, einen Blick über den fachlichen Tellerrand zu richten.

Und gibt es Ihrer Meinung nach auch Unterschiede zwischen der Lehre in den beiden verschiedenen Modulen des Leuphana Semester?
Als ich im Methodenmodul unterrichtet habe, ging es im Wesentlichen darum, in der Vorlesung vorgestellte Methoden hautnah aus der Perspektive eines Fachs kennenzulernen. Inzwischen konzentrieren sich die Seminare im Methodenmodul jedoch zum großen Teil auf die Wissenschaftstheorie. Der Fokus liegt dabei auf der Lektüre einschlägiger Texte.
Das Unterrichten im Verantwortungsmodul ist im Wesentlichen projektorientiert. Forschendes Lernen wird dort großgeschrieben. In den Seminaren werden Projekte im Bereich Nachhaltigkeit aus der Perspektive eines Faches durchgeführt. Das Methodenmodul ist natürlich auch hierfür sehr relevant – es unterstützt die Projekte, die im Nachhaltigkeitsmodul durchgeführt werden.

Und wo sehen Sie jeweils Gemeinsamkeiten?
Beide Module bieten eine Grundlage für eine kritische Herangehensweise an komplexe Fragestellungen. Sie ergänzen sich gegenseitig.

Bietet das Leuphana Semester Ihrer Meinung nach die Möglichkeit, neue Lehrformate auszuprobieren, die Sie so in der Lehre im Major oder Minor nicht durchführen können und haben Sie davon schon einmal Gebrauch gemacht?
Ja, schon. Nach einer sehr positiven Erfahrung mit der Konferenzwoche im Verantwortungsmodul letztes Jahr habe ich zum Beispiel selbst mit zwei Veranstaltungen im Lehramt eine kleine Studierenden-Tagung organisiert. Die Einführung neuer Prüfungsformate (in diesem Fall: die Erarbeitung und Präsentation wissenschaftlicher Poster) wurde von den Studierenden ausgesprochen positiv aufgenommen. Darüber hinaus lernt man im Leuphana Semester andere didaktische Formate kennen, zum Beispiel die Fishbowl-Technique oder das Cafè International.

Ist es für Sie eine besondere Herausforderung, Lehre für Erstsemester-Studierende anzubieten, die einen universitären Habitus beziehungsweise das wissenschaftliche Arbeiten noch nicht kennen?
Ja, das ist es. Eine gute Unterstützung durch die Lehrenden ist natürlich gerade im ersten Semester sehr wichtig, etwa bei der Umsetzung eigener wissenschaftlicher Fragestellungen. Die Studierenden wollen häufig am Anfang viel mehr erreichen, als sich tatsächlich umsetzen lässt. Ich muss oft bremsen und ihnen helfen, die Fragestellung einzugrenzen. Auch hinsichtlich der Herangehensweise ist Hilfestellung nötig, damit Forschungsfrage und Forschungsdesign zusammenpassen. Aber: Die Fragestellungen der Studierenden sind häufig sehr interessant und originell. Die Studierenden im Leuphana Semester haben gute Ideen. Es macht natürlich Spaß, die Beantwortung solcher Fragestellungen zu unterstützen. Darin liegt der besondere Reiz.

Können Sie Ihre Forschung in die Lehre im Leuphana Semester einbringen?
Ja, zum Teil. Im Methodenmodul habe ich zum Beispiel mit Studierenden eine semi-kontrollierte Beobachtungsmethode ausprobiert. Die Ergebnisse flossen in die Weiterentwicklung des Schemas ein. Darüber hinaus finde ich es sehr spannend, die Ansätze und Methoden der Sprachwissenschaft im Bereich der Nachhaltigkeit anzuwenden. Die Arbeit eröffnet mir auch neue Forschungsinteressen.

Was sind für Sie Herausforderungen, denen das Leuphana Semester noch (besser) begegnen muss?
Da fällt mir vor allem ein Punkt ein: Die Kommunikation mit den Studierenden. Momentan gelingt es nicht immer, die Bedeutung des Leuphana Semester für das spätere Studium zu unterstreichen. Die Studierenden finden die Module zwar interessant, erkennen aber mitunter nicht, dass sie mit denselben Inhalten - vielleicht in einem anderen Zusammenhang - auch später in ihrem Studium wieder konfrontiert werden. Ich beziehe mich in höheren Semestern oft auf Inhalte des Methodenmoduls, stelle dann jedoch fest, dass die Studierenden die Inhalte häufig längst vergessen haben, weil sie sie wahrscheinlich als nicht relevant für den eigenen Studiengang ansahen. Eine Möglichkeit wäre vielleicht, das Leuphana Semester zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen – zum Beispiel im 3. Semester. Dann würden die Studierenden vielleicht eher den Wert solcher Module schätzen. Das würde auch Interdisziplinarität und Perspektivwechsel fördern, denn nach ein paar Semestern können die Studierende die Perspektiven aus dem eigenen Fach einbringen und Ansätze besser vergleichen. Die Module des Leuphana Semesters würden so selbst ein Stückchen nachhaltiger.

Gibt es Dinge, die Sie am Leuphana Semester gerne ändern würden?
Ich finde das Leuphana Semester insgesamt ein sehr gelungenes Konzept. Mitunter denke ich allerdings – gerade im Verantwortungsmodul -, dass weniger mehr wäre. Meiner Meinung nach ist das für Studierende und Lehrende zunächst sehr schwer zu durchschauen. Es waren im Wintersemester 2015/16 drei unterschiedliche Teile der Prüfungsleistung und etliche Studienleistungen zu erbringen. Das ist für manche Studierende verwirrend und viele haben das Gefühl, sich nicht auf ihre Projekte konzentrieren zu können. Eine Vereinfachung der Strukturen würde die Qualität der Projekte erhöhen und die Organisation vereinfachen.
Damit zusammen hängt noch ein weiterer Punkt: Eine Vereinfachung auf der Ebene hätte auch zur Folge, dass den Lehrenden mehr Zeit am Anfang des Moduls für eine Einführung in die Thematik des Seminars zur Verfügung stünde. Erst nach der Hälfte der Veranstaltungen würde es dann an die Projekte gehen. Im Moment ist gerade der Anfang des Semesters für alle Beteiligten stressig – wegen des großen Organisationsaufwands sollen die Studierende schnell ihre Projekte festlegen. Es würde jedoch viele später auftauchende Probleme lösen, wenn etwas mehr Zeit für die einführenden Sitzungen eingeräumt werden könnte.

Das Interview führte Maike Renneberg, College.

Prof. Dr. Anne Barron ist seit 2011 im Institute for English Studies (IES) der Leuphana beschäftigt. Sie interessiert sich schwerpunktmäßig für den Gebrauch von Sprache im interkulturellen Vergleich (interkulturelle Pragmatik), für Lernersprache (insbesondere Lernersprachenpragmatik), für die (interkulturelle) Diskursanalyse und Textlinguistik sowie für Varietäten des Englischen mit Schwerpunkt auf dem irischen Englischen.

Prof. Dr. Anne Barron
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