Interview mit Prof. Dr. Eckhard Bollow, Prof. Dr. Helmut Faasch und Prof. Dr. Andreas Möller

Lieber Herr Bollow, lieber Herr Faasch, lieber Herr Möller: Sie lehren alle drei bereits seit mehreren Jahren im Komplementärstudium sowie im Leuphana Semester. Was hat Sie dazu motiviert?
Eckhard Bollow:
Es ist durchaus reizvoll, Aspekte des eigenen Fachs für Fachfremde aufzubereiten und anzubieten. Gerade unser Fach, die Informationsverarbeitung, hat eine Relevanz, die sich auf (fast) alle Lebenswirklichkeitsbereiche unserer heutigen Gesellschaft erstreckt. Da kann es nicht schaden, Wissen darüber auch an Nicht-IT-Leute weiterzugeben.
Helmut Faasch:
Ich glaube, dass man das ernsthaft nur aus  eigener, innerer  Motivation heraus machen kann.
Eckhard Bollow: Also nichts Extrinsisches [lacht]. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, da extrinsisch etwas zu machen.
Andreas Möller: Und sicherlich spielt es auch eine Rolle, dass es hier kein eigenständiges Angebot im Bereich der Informatik gibt. Dadurch versteht man uns häufig als eine Art "Zuliefererwissenschaft", die für einen anderen Bereich zum Beispiel eine Datenbank aufsetzen soll. Das Komplementärstudium bietet uns hingegen die Möglichkeit, wirkliche IT-Gesichtspunkte einzubringen und das auch als Startpunkt anzusehen. Es bietet also größere Freiheiten, weil es keinen festen Lehrplan gibt, sondern lediglich Rahmenbedingungen, an die man sich halten muss.

Was ist Ihrer Meinung nach der Mehrwert beziehungsweise das Ziel vom College Studienmodell, insbesondere vom Leuphana Semester und Komplementärstudium?
Helmut Faasch: Die Mischung der Studierenden untereinander, dass heißt von vorne herein interdisziplinär konfrontiert zu werden – jedenfalls insofern die Studierenden denn auch  Veranstaltungen wählen, die wirklich komplementär zu ihrem Studienfach sind.
Andreas Möller: Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel aus der Informatik geben: Wir unterscheiden dort die angewandte von der praktischen Informatik. Die angewandte Informatik setzt sich mit lebensweltlichen Problemen auseinander, wie etwa dem Aufsetzen einer Datenbank. Die praktische Informatik isoliert sich hingegen von diesem Anwendungskontext und beschäftigt sich nur noch mit den eigenen Problemen. Lösungen definieren sich damit nur noch in diesem Rahmen und nicht mehr in einem tatsächlichen Nutzungskontext. Somit beschäftigen Dozentinnen und Dozenten und Studierende sich also quasi nur noch mit sich selbst. Im Gegensatz dazu müssen die Studierenden im Komplementärbereich eben immer in übergreifenden Kontexten denken und mit diesen umgehen können.
Eckhard Bollow: Der Mehrwert für die Studierenden ist auf jeden Fall, dass die Neuronen da mal in Schwung gebracht werden, um anders, vernetzter zu denken. Vernetztes Denken ist in der heutigen Gesellschaft immer mehr gefordert – da ist der Gedanke des Komplementärstudiums gut, die Studierenden dahingehend zu motivieren, auch einmal links und rechts ihrer Fachdisziplin "über den Tellerrand" zu gucken.

Wonach unterscheidet sich Ihrer Ansicht nach die Lehre im Leuphana Semester / Komplementärstudium von der Lehre im Major oder Minor?
Eckhard Bollow: Auf alle Fälle durch die Freiräume. Hinsichtlich Themen und Themengestaltung, -sowohl für Lehrende als auch für Studierende.
Andreas Möller: Ich glaube, dass auch das Verhältnis von Dozentinnen und Dozenten zu Studierenden ein anderes ist. Im Major oder Minor wissen die Studierenden ganz genau, was und wer sie in einem bestimmten Seminar erwartet. Im Komplementärstudium kann es hingegen sein, dass dort auch einmal Jemand vor ihnen steht, den sie nicht erwartet haben oder der etwas anderes lehrt, als erwartet. Für manche Studierende kann das dann ein Problem sein.
Helmut Faasch: Die Freiheitsgrade, von denen wir gesprochen haben, eröffnen im Komplementärstudium außerdem die Möglichkeit, mehr zu überraschen und kreativer zu sein. Auch kann ich mich mehr auf Wünsche und Erwartungen je nach Interessenslage der Studierenden einstellen und dadurch flexibel agieren.
Andreas Möller: Und es eröffnet die Möglichkeit, Themen, die sich als unvorteilhaft erweisen, flexibel und schnell ändern zu können und so ein bestimmtes Seminar im folgenden Semester beispielsweise nicht mehr anzubieten.

Sie gehören zu einem Personenkreis, der sowohl im Leuphana Semester, als auch im Komplementärstudium gelehrt hat. Gibt es hier Ihrer Meinung nach in der Lehre, ggf. auch zwischen den Modulen des Leuphana Semesters, auch Unterschiede?
Helmut Faasch: Ja, absolut. Das Leuphana Semester ist deutlich enger in seinen Rahmenbedingungen als das Komplementärstudium. Ich habe das besonders im Modul Wissenschaft trägt Verantwortung wahrgenommen: Dort sind im Laufe der Jahre immer mehr Elemente und Formalitäten, die  die Studierenden und mich einengen, hinzugekommen.  Dadurch wurde es für mich persönlich deutlich weniger interessant, dort zu lehren. Aus demselben Grund habe ich in den vergangenen 9 Jahren auch nur einmal eine Veranstaltung im Modul Wissenschaft macht Geschichte angeboten.
Andreas Möller: Im Modul Wissenschaft nutzt Methoden habe ich damit kaum Probleme gehabt, da gab es weniger Rahmenbedingungen. Aber im damaligen Modul Wissenschaft macht Geschichte ist mir das auch aufgefallen. Positiv war, dass unsere Seminare dort sehr gut besucht waren. Es war für uns aber sehr schwierig, von außen so viel zur Organisation vorgeschrieben zu bekommen, ohne dass die Verantwortlichen wussten, was wir in unserem Seminar eigentlich genau machen.
Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass die Wertschätzung der Studierenden gegenüber dem Leuphana Semester nicht besonders hoch ist.
Eckhard Bollow: Ein gravierender Unterschied besteht darin, dass die Studierenden im Leuphana Semester durchweg Erstsemester sind. Der kurze Abstand zur Schule macht sich dort bemerkbar: Die Studierenden sind das selbständige Arbeiten häufig noch nicht so gewohnt. Dadurch ist der Arbeitsaufwand für Methoden des wissenschaftlichen Vorgehens hier höher.
Im Komplementärstudium können die Studierenden Aspekte und Impulse ihrer eigenen Studienfächer einbringen, da sie in der Regel bereits eigene fachliche Kenntnisse und Erfahrungen erworben haben.

Bietet das Leuphana Semester beziehungsweise Komplementärstudium Ihrer Meinung nach die Möglichkeit, neue Lehrformate auszuprobieren, die Sie so in der Lehre im Major oder Minor nicht durchführen können?
Andreas Möller: Häufig machen wir Veranstaltungen zu zweit. Richtiges Team-Teaching ist das nicht, aber trotzdem wertvoll. Wir können uns gegenseitig beobachten und so leichter herausfinden, was man beim nächsten Mal noch besser machen kann.
Helmut Faasch: Zum anderen glaube ich, dass es auch für die Studierenden interessanter ist, unterschiedliche Lehrendenperspektiven zu hören oder mitzubekommen, dass auch wir uns mal nicht einig sind und diskutieren. Der seminaristische Charakter wird also massiv dadurch unterstützt, dass mehrere Lehrende gleichzeitig anwesend sind.

Ist es für Sie eine besondere Herausforderung, Lehre für Erstsemester-Studierende anzubieten, die einen universitären Habitus sowie das wissenschaftliche Arbeiten noch nicht kennen?
Helmut Faasch:  Ich halte es grundsätzlich für eine reizvolle Aufgabe, den Denkprozess bei den Studierenden weg vom schulischen hin zum wissenschaftlichen zu verändern: Dass es nicht mehr darum geht zu fragen, "Was sollen wir tun?", sondern "Was wollen wir tun?", bzw. "Worin liegen relevante Fragestellungen?".
Eckhard Bollow: Ja. Die Anzahl der Studierenden, die immer mehr genau vorgeschrieben haben wollen, was sie wann wie genau tun sollen, gerne auch kleinschrittig, nimmt zu.

Empfinden Sie im Gegensatz dazu die Arbeit mit einer sehr heterogenen Studierendenschaft wie im Komplementärstudium auch als eine Herausforderung?
Andreas Möller: Ich glaube, dieses Problem stellt sich bei uns nicht so sehr, weil wir im Grunde genommen keine Studentinnen und Studenten unserer eigenen Disziplin mehr bekommen. Somit sind die Angebote, die wir im Komplementärstudium unterbreiten, für alle eigentlich relativ neu.
Helmut Faasch: Herausfordernd ist es dann, wenn man Studierende in der Gruppe hat, die sich in dem angebotenen Thema völlig zu Hause fühlen. Solche Studierenden glauben manchmal, über einen viel größeren Erfahrungshorizont als die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu verfügen. Diskussionen können da mitunter schon sehr schwierig werden. Wir versuchen dieser Gefahr zu begegnen, indem wir explizit in der Veranstaltungsbeschreibung vermerken, für wen dieses Seminar nicht geeignet ist.

Können Sie Ihre Forschung in die Lehre im Leuphana Semester oder Komplementärstudium einbringen?
Andreas Möller: Das halte ich für schwierig, weil man im Komplementärbereich fast nichts voraussetzen kann. Und die Vorstellung, die Studierenden, die möglicherweise aus ganz unterschiedlichen Semestern kommen, durch intensive Literaturarbeit erst einmal auf einen gemeinsamen Stand zu bringen, halte ich für illusorisch.

Was sind für Sie Herausforderungen, denen das Leuphana Semester / Komplementärstudium noch (besser) begegnen muss?
Helmut Faasch: Aus meiner Sicht sollte man die vielen umständlichen Rahmenbedingungen im Modul Wissenschaft trägt Verantwortung wieder deutlich senken. Und es sollte auch deutlich werden, dass Verantwortung in der Wissenschaft mehr ist als das, was sich um den Begriff Nachhaltigkeit rankt. So wird es vielleicht leichter, mehr Leute aus dem internen  Kreis der Kolleginnen und Kollegen zum Mitmachen zu bewegen.
Zudem sollte darauf geachtet werden, dass diese Enge der Formalismen und Rahmenbedingungen nicht auf das Komplementärstudium übertragen wird. Im neuen System finde ich insbesondere die Einschränkung der Prüfungsformen in den einzelnen Modulen völlig unverständlich und überflüssig.
Eckhard Bollow: Die Studierenden im Leuphana Semester an das wissenschaftliche Arbeiten heranzuführen, ist nicht ganz einfach. Und die vielen Formalien wie mehrteilige Prüfungsleistungen, Fragebögen oder die Teilnahme an der Konferenzwoche erschweren es, Lehrende zu einer Teilnahme an diesen Modulen zu bewegen, da der Arbeitsaufwand den vom Major und Minor stark übersteigt.
Nicht zuletzt müsste man wieder dahin kommen, dass die Studierenden Veranstaltungen im Komplementärstudium tatsächlich komplementär zu ihrem Major und Minor belegen. Ansonsten konterkariert das die Idee eines Komplementärstudiums. Am einfachsten wäre es dafür natürlich, die Wahlmöglichkeiten bei myStudy entsprechend einzuschränken. Oder - wie wir es bereits tun - die Lehrenden weisen darauf hin, für welche Studierenden eine entsprechende Veranstaltung tatsächlich komplementär geeignet ist und für wen nicht.

Gibt es Dinge, die Sie gerne ändern würden oder anders gefragt: Wie würde das ideale Leuphana Semester / Komplementärstudium für Sie aussehen?
Eckhard Bollow: Ideal wäre meiner Ansicht nach: Die Studierenden sind intrinsisch motiviert, freuen sich darüber, dass sie durch das Komplementärstudium die Möglichkeit haben, mal in andere Themenbereichen reingucken zu können. Zeigen, dass sie formal in der Lage sind, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, auch aufgrund ihrer eigenen Perspektive, der eigenen Disziplin und erhalten anschließend die formale Qualifikation "Bestanden". Und erhalten anstatt einer Note ein ausführliches Feedback ihrer Lehrenden. Aber insbesondere die Abschaffung von Noten ist in unserem System zur Zeit wohl noch nicht umsetzbar.

Das Interview führte Maike Renneberg, College.

Prof. Dr. Eckhard Bollow, Prof. Dr. Helmut Faasch und Prof. Dr. Andreas Möller gehören der Fakultät Nachhaltigkeit an und sind dort am Institut für Umweltkommunikation tätig.

Seit 1992 ist Eckhard Bollow an der Leuphana Universität Lüneburg und hat die Professur für Softwaretechnik und IT-Projektmanagement inne. Er arbeitete zuvor auch bei der Deutschen Lufthansa AG und studierte neben Informatik und BWL auch einige Semester Geschichte, Philosophie und Komparatistik. Zu seinen Forschungsinteressen zählen vor allem Intelligente Systeme, Neuronale Netze und Wissensverarbeitung.

Helmut Faasch ist seit 1995 Professor für Rechnernetze und Datenbanken. Zuvor war er nicht nur selbständig, sondern hat ebenfalls mehrere Jahre für die Deutsche Lufthansa AG gearbeitet. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Objektorientierte Softwareentwicklung, Digitale Repräsentationsformen und Wissensrepräsentationen.

Andreas Möller hat seit 2005 die Professur für Neue Medien und Nachhaltige Entwicklung inne. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind insbesondere Betriebliche Stoffstromanalysen, Digitale Medien in der Umweltkommunikation und Informationsgesellschaft sowie nachhaltige Entwicklung.
Gemeinsam versuchen die drei Kollegen immer wieder neue gesellschaftliche Entwicklungen im IT-Bereich, wie etwa das "Internet of Things", zu antizipieren und in ihre Lehre zu integrieren.

Prof. Dr.-Ing. Eckhard C. Bollow
Universitätsallee 1, C11.103
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1332
bollow@uni.leuphana.de

Prof. Dr. Helmut Faasch
Universitätsallee 1, C11.102
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1331
faasch@uni.leuphana.de

Prof. Dr. Andreas Möller
Universitätsallee 1, C11.133
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2901
amoeller@uni.leuphana.de