Interview mit Dr. Phil. Steffi Hobuß

Liebe Frau Hobuß: Sie haben bereits im allerersten Jahr des neuen Studienmodells im Modul Wissenschaft macht Geschichte gelehrt, danach auch im Modul Wissenschaft nutzt Methoden und im Komplementärstudium. Was hat Sie dazu motiviert?
Zum einen haben mich die Koordinatorinnen und Koordinatoren persönlich angesprochen. Zum anderen wollte ich gerne die neue Modellstruktur des damaligen Moduls "Wissenschaft macht Geschichte" kennenlernen und selbst ausprobieren, den Erstsemester-Studierenden das Schreiben einer wissenschaftlichen Hausarbeit nahe zu bringen. Dies war damals explizites Ziel des Moduls. Darüber hinaus war ich gespannt zu erfahren, wie die Verzahnung zwischen Ringvorlesung und Seminaren aussehen würde.

Was ist für Sie der Mehrwert des College Studienmodells, insbesondere vom Leuphana Semester und Komplementärstudium?
Einen Mehrwert anzugeben finde ich schwierig. Grundsätzlich fand ich die Idee eines Studium Generale schon immer gut, weil ich es richtig finde, sich im Studium auch mit fachübergreifenden Fragen auseinander zu setzen. Das heißt aber nicht, dass es einfach ist, eine fachübergreifende und -unabhängige Propädeutik im Leuphana Semester anzubieten. Im Komplementärstudium gefällt mir vor allem die semesterübergreifende Studierendenzusammensetzung der Seminare.

Wonach unterscheidet sich Ihrer Ansicht nach die Lehre im Leuphana Semester / Komplementärstudium von der Lehre im Major oder Minor?
Vor allem durch die Heterogenität der Studierenden. Nicht nur wegen der unterschiedlichen Disziplinen – die wir zum Beispiel in den Kulturwissenschaften auch haben – sondern wegen der sehr unterschiedlichen Vorstellungen der Studierenden von Lehre, Seminarablauf, Prüfungsleistungen, Lektürepraxis und -bereitschaft oder auch der Reflexionsbereitschaft.

Sie gehören zu Denjenigen, die sowohl im Leuphana Semester als auch im Komplementärstudium lehren. Gibt es zwischen diesen beiden Bereichen Ihrer Meinung nach auch Unterschiede in der Art und Weise der Lehre?
Unterschiede entstehen vor allem durch die Zusammensetzung der Studierenden hinsichtlich ihres Studienabschnittes: Erstsemester oder gemischte Studierendengruppen. Im ersten Semester ist noch viel mehr Propädeutik nötig, andererseits ist aber auch eine größere Offenheit der Studierenden vorhanden, (neue) Dinge auszuprobieren. In semester-gemischten Studierendengruppen gibt es hingegen oft mehr Widerstand, sich auf bestimmte (andere) Verfahrensweisen einzulassen.

Gibt es für Sie einen persönlichen Mehrwert, den Sie aus der Lehre im Leuphana Semester / Komplementärstudium ziehen?
Ich begrüße die Gelegenheit, Themen anbieten zu können, die nicht immer im Major oder Minor Platz finden würden. Bestes Beispiel ist ein Seminar zu James Joyces "Finnegans Wake", das ich im letzten Sommersemester 2015 zusammen mit Andreas Jürgens durchgeführt habe.
Außerdem macht es mir Freude, Erstsemester-Studierende bei ihrem Start an der Universität zu begleiten: Einfache Dinge wie Fragen zu beantworten oder bei der Orientierung zu helfen, aber auch schwierigere Dinge wie etwa gegen studentische Widerstände deren selbständiges Arbeiten und Lernen einzufordern, indem man nicht alles haarklein vorgibt. Darüber hinaus schafft man so die Möglichkeit für die Studierenden, Teil eines Kollektivs zu sein, das einen ersten Eindruck von der Universität vermittelt.

Bietet das Leuphana Semester / Komplementärstudium Ihrer Meinung nach die Möglichkeit, neue Lehrformate auszuprobieren, die Sie so in der Lehre im Major oder Minor nicht durchführen können?
Nein, da habe ich in meinen Major und Minor auch alle Möglichkeiten.

Ist es für Sie eine besondere Herausforderung, Lehre für Erstsemester-Studierende anzubieten, die einen universitären Habitus beziehungsweise das wissenschaftliche Arbeiten noch nicht kennen?
Natürlich, das ist eine Herausforderung, aber ich habe Freude an der Hochschuldidaktik. Zudem bietet die Arbeit mit den Erstsemestern immer auch eine gewisse Gestaltungsmacht.
Viele Erstsemester-Studierenden sind noch unsicher und wünschen sich viel direkte Anleitung. Ich finde es wichtig, gleich von Anfang an den Unterschied zwischen Universität und Schule deutlich zu machen. Dabei nutze ich zum Beispiel das, was ich "produktive Verunsicherung" nenne. Unter anderem: Dass es nicht darum geht zu lernen, welche Theorie von mehreren "die Richtige" ist, sondern zu erkennen, inwiefern welche Theorie jeweils Unterschiedliches erkennen lässt.

Können Sie Ihre Forschung in die Lehre im Leuphana Semester oder Komplementärstudium einbringen?
Meine Forschung kann ich sowohl in meinen Major / Minor einbringen als auch im Leuphana Semester und Komplementärstudium.

Gibt es Dinge, die Sie am Leuphana Semester / Komplementärstudium gern ändern würden?
Das Leuphana Semester sollte meiner Meinung nach noch besser auf die Bedürfnisse der Hochschul-Anfängerinnen und -Anfänger eingehen, ein bestimmtes Fach zu studieren. Vielleicht wäre es hierfür sinnvoll, das Leuphana Semeser später im Studienverlauf zu platzieren.
Zum anderen sollte das Leuphana Semester weniger verschult gestaltet sein. Meines Erachtens gelingt es zur Zeit noch nicht befriedigend, den Unterschied zum schulischen Lernen deutlich zu machen, wenn wir einerseits ein selbständiges Arbeiten wünschen, andererseits extrem viele kleinteilige Aufgaben und Arbeiten vorgeben und vorstrukturieren (Gruppenarbeiten, Präsentationen usw.).
Es sollte deutlicher werden, was ein universitärer Habitus bedeutet, wie etwa Seminare als einen von Lehrenden und Lernenden gemeinsam gestalteten Erkenntniszusammenhang wahrzunehmen, für den beide Seiten Verantwortung übernehmen müssen.
Das Komplementärstudium funktioniert aus meiner Perspektive hingegen bereits sehr gut.

Das Interview führte Maike Renneberg, College.

Dr. phil. Steffi Hobuß ist seit 1996 an der Leuphana und im Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft der Fakultät Kulturwissenschaften beheimatet. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Sprach- und Kulturphilosophie, Ästhetik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sowie Interkulturelle Philosophie. Am College lehrt sie im Bereich der Philosophie.

Dr. Steffi Hobuß
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