Interview mit Dr. Yvonne Niekrenz

Liebe Frau Niekrenz: Sie lehrten im Wintersemester 2015/16 das erste Mal im Leuphana Semester und im Komplementärstudium. Was hat Sie dazu motiviert?
Richtig, sowohl im Leuphana Semester, als auch im Komplementärstudium lehre ich im Wintersemester. Im Komplementärstudium habe ich aber auch schon im Sommersemester 2015 lehren können – das ist relativ kurzfristig und auf Empfehlung aus meiner Fakultät zustande gekommen. Das hat mir dann so gut gefallen, dass ich es im Wintersemester wieder machen  wollte.
Über die Lehrmöglichkeit im Leuphana Semester habe ich dann zuerst aus einer Rundmail erfahren. Auch hier hat mir dann ein Kollege aus meiner Fakultät von seinen positiven Erfahrungen, insbesondere mit Frau Blohm, der Koordinatorin des Moduls Wissenschaft nutzt Methoden, berichtet – und daraus ist dann meine dortige Lehrtätigkeit entstanden.

Was ist für Sie der Mehrwert des College Studienmodells, insbesondere vom Leuphana Semester und Komplementärstudium?
Das Komplementärstudium ist für mich eine sehr schöne Möglichkeit, einmal aus der Fakultät herauszugehen, d.h. Studierende anderer Fakultäten und ihre Studienkulturen kennen zu lernen. Das ist ein Blick über den eigenen disziplinären Tellerrand.
Diese interdisziplinäre Zusammensetzung der Studierenden schlägt sich meiner Erfahrung nach auch auf die Arbeitsatmosphäre im Seminar nieder, die ich als sehr lebendig, neugierig und durch die unterschiedlichen Perspektiven und (Hintergrund-)Wissensstände der Studierenden auch als sehr bereichernd wahrgenommen habe.
Überrascht war ich davon, wie gut sich auch "fachfremde" Studierende im Rahmen der Prüfungsleistung mit dem Seminarthema auseinander gesetzt haben.
Im Leuphana Semester ist der Fokus ein anderer – für die Erstsemester-Studierenden spielen Methoden und Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens, wie etwa der Umgang mit Texten, naturgemäß eine besonders wichtige Rolle. Hier trage ich als Lehrende oder Lehrender also eine besondere Verantwortung, wenn es um die Entwicklung einer Studienkultur geht.
Die Fluktuation in der Seminargruppe war hier deutlich größer als im Komplementärstudium. Der "stabile Kern" der Gruppe war aber sehr engagiert dabei. Und die Evaluation am Ende hat gezeigt, dass die Bearbeitung des Themas den Studierenden wirklich etwas gebracht hat.

Wonach unterscheiden sich Ihrer Ansicht nach die Lehre im Leuphana Semester /  Komplementärstudium von der Lehre im Major oder Minor?
Der Unterschied liegt meines Erachtens auf der inhaltlichen Ebene. In interdisziplinären Veranstaltungen frage ich häufiger nach, ob und was bekannt ist.
In der Fachlehre setze ich hingehen auch einfach Dinge voraus und gebe dann nur Hinweise, an welches Konzept das Thema anknüpft.

Sie gehören zu einem Personenkreis, der sowohl im Leuphana Semester, als auch im Komplementärstudium lehrt. Gibt es hier Ihrer Meinung nach in der Lehre auch Unterschiede?
Ja. Im Komplementärstudium würde ich immer voraussetzen, dass die Techniken und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens bekannt sind – wie man Texte liest, wie man Fragen an Texte heranträgt, wie man zitiert usw. Das ist im Leuphana Semester natürlich so nicht möglich.

Welche Erwartungen hatten Sie an die Lehre im Leuphana Semester und Komplementärstudium und haben sich diese erfüllt?
Im Komplementärstudium habe ich erwartet, auf eine heterogene Gruppe sowie Studierende, die ein gewisses Interesse an der Veranstaltung mitbringen, zu treffen – das hat sich erfüllt. Zwei Dinge konnte ich vorher nicht einschätzen: Erstens, wie das Thema soziologischer Theorien in der tatsächlichen Umsetzung dann bei den Studierenden ankommt. Und zweitens, wie wird die Gestaltung der Lern- und Arbeitsatmosphäre, wenn Studierende zusammenkommen, die sich mitunter noch nie begegnet sind.
Aber mit beidem hat es keine Probleme gegeben. Die Studierenden haben sich sehr gut auf die Auseinandersetzung mit diesem sehr theoretischen Thema eingelassen und sich sehr lebendig in das Seminar eingebracht.
Im Leuphana Semester war ich natürlich darauf eingestellt, dass die Studierenden zurückhaltender sind und herausfinden wollen, wie das an einer Universität so läuft. Ich habe jedoch nicht damit gerechnet, dass der Teilnehmerschwund so groß sein würde. Ich dachte, dass man im ersten Semester noch so pflichtbesessen ist, dass man überall hingeht und auf gar keinen Fall irgendetwas verpassen möchte. Aber im Wintersemester Kurse am Abend anzubieten, ist vielleicht auch nicht ganz ideal [lacht].

Was ist für Sie der Mehrwert, den Sie aus der Lehre im Leuphana Semester / Komplementärstudium ziehen?
Ich halte es für eine gute Möglichkeit, eigene Routinen zu irritieren. Als Lehrende oder Lehrender bin ich mit meinen Themen vertraut und vermittele diese auf eine bestimmte Art und Weise. In interdisziplinären Gruppen kann es sein, dass das so nicht funktioniert, weil andere Fragen gestellt werden. Das verstehe ich dann als positive Anregung für mich, sowohl aus inhaltlicher, als auch aus didaktischer Sicht.

Bietet das Leuphana Semester / Komplementärstudium Ihrer Meinung nach die Möglichkeit, neue Lehrformate auszuprobieren, die Sie so in der Lehre im Major oder Minor nicht durchführen können?
Grundsätzlich nicht. Alle Bereich, egal ob Major, Minor, Leuphana Semester oder Komplementärstudium bieten dazu die Möglichkeit.
Lediglich die Zusammenarbeit mit einer Kollegin oder einem Kollegen aus einer anderen Fakultät - so dass sich Interdisziplinarität auch im Lehr-Tandem widerspiegelt - könnte vielleicht im Leuphana Semester oder Komplementärstudium organisatorisch leichter sein.

Ist es für Sie eine besondere Herausforderung, Lehre für Erstsemester-Studierende anzubieten, die einen universitären Habitus sowie das wissenschaftliche Arbeiten noch nicht kennen?
Das ist doch toll, wenn man die Chance hat, den Studierenden diese neue Welt ein Stück weit zu zeigen oder ihnen dabei zu helfen, sich diese zu erschließen. Natürlich ist das eine Herausforderung – aber die beidseitige Neugier auf das Neue ist auch eine schöne Abwechslung im universitären Alltag.

Können Sie Ihre Forschung im Leuphana Semester oder Komplementärstudium einbringen?
Zum Teil. Ich habe  in das Seminar im Komplementärstudium Forschungsergebnisse aus einem Lehrforschungsprojekt eingebracht, um den Studierenden zu zeigen, was man in solchen Projekten machen kann, aber auch als Anregung für mögliche Hausarbeitsthemen. Aber dass man Forschung damit vorantreibt, halte ich für schwierig.
Das ist im Major schon deutlich einfacher, da die Studierenden dort mehr fachliche Grundlagen mitbringen. Dort kann man die Studierenden zum Beispiel in die Auswertung von Interviewmaterial einbinden.

Was sind für Sie Herausforderungen, denen das Leuphana Semester / Komplementärstudium noch (besser) begegnen muss?
Die Anbindung meines Seminars im Modul Wissenschaft nutzt Methoden an die Vorlesung war eine Herausforderung. Herauszufinden, wie das korrespondiert, zu erreichen, dass auch die Studierenden Themen und Aspekte wiedererkennen. Sicherlich würde es da helfen, wenn die Lernziele der einzelnen Vorlesungsveranstaltungen noch klarer formuliert werden. Dann weiß man als Lehrende oder Lehrender genau, auf welchem Wissensstand der Studierenden man aufbauen kann. Das ist ein Aspekt, der von organisatorischer Seite geleistet werden könnte. Gleichzeitig muss man als Lehrende oder Lehrender das eigene Seminar aber gegebenenfalls noch besser methodisch-didaktisch durchdenken und vorbereiten. Worum geht es mir heute? Was sollten die Studierenden vertiefen, was sollten sie lernen, was sollten sie Neues kennenlernen? Was sollten sie vielleicht anwenden können?
Im Komplementärstudium wäre eine größere Flexibilität der Prüfungsleistungen wünschenswert, um diese optimal an das didaktische Konzept der Veranstaltung anzubinden.

Gibt es Dinge, die Sie gerne am Leuphana Semester bzw. Komplementärstudium ändern würden?
Nein, das kann ich so nicht sagen. Die Rahmenbedingungen sind sehr gut und bei organisatorischen Schwierigkeiten ist man mir immer sehr flexibel entgegen gekommen.

Das Interview führte Maike Renneberg, College.

Dr. Yvonne Niekrenz ist seit April 2015 an der Leuphana am Institut für Soziologie und Kulturorganisation an der Fakultät Kulturwissenschaften tätig und verwaltet die Professur für Kultur- und Mediensoziologie. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich Kultursoziologie, sie interessiert sich aber auch für Jugendsoziologie, Soziologie des Körpers und Gegenwartsdiagnosen sozialer Beziehungen, wie Vergemeinschaftungen oder Paarbeziehungen.