Interview mit Prof. Dr. Ursula Weisenfeld

Liebe Frau Weisenfeld: Sie haben direkt mit Beginn des  neuen Studienmodells im fächerübergreifenden Methodenmodul des Leuphana Semester gelehrt. Was hat Sie dazu motiviert?
Motiviert hat mich zu allererst der persönliche Kontakt zu Frau Blohm, die dieses Modul seit Jahren sehr gut koordiniert und dafür begeistern kann. Aber sie hatte es natürlich auch nicht so schwer, mich dafür zu begeistern, weil ich Inter- und Transdisziplinarität grundsätzlich gut finde und damit auch die Idee, dass Studierende schon im 1. Semester "über den Tellerrand" hinausgucken.
Neulich hatte ich zum Beispiel eine studentische Gruppe hier, die zum Thema "Kautschuk aus Löwenzahn" etwas in der Konferenzwoche präsentiert hat. Diese Gruppe war disziplinär sehr durchmischt, Studierende der BWL, aus den Umweltwissenschaften und aus den Kulturwissenschaften. Und die haben gesagt: "Das ist super. Wir merken, dass wir dadurch ganz unterschiedliche Perspektiven einbringen können".

Was ist für Sie der Mehrwert vom College Studienmodell, insbesondere vom Leuphana Semester?
Die Studierenden werden dazu aufgefordert, sich mit Menschen auseinander zu setzen, die einen anderen Background haben, die zum Beispiel in der Schule einen anderen Schwerpunkt hatten oder bereits eine Ausbildung absolviert haben. Das hilft dabei, die Vielfalt, die wir auch in der Gesellschaft haben, abzubilden. Und durch die Auseinandersetzung mit den vielfältigen lerninhaltlichen Interessen bauen die Studierenden auch ihren Bereich der sozialen Kompetenzen aus.

Wonach unterscheidet sich Ihrer Ansicht nach die Lehre im Leuphana Semester von der Lehre in der Fakultät?
In jedem Fach hat man einen Kanon an Wissen, den man transportieren will oder soll. Weiterhin gibt es bestimmte Vorstellungen darüber, was man am Ende eines Studiums gelernt haben muss. Und wenn man bestimmte Dinge nicht kann, ist man für den Arbeitsmarkt nicht geeignet. Eine gewisse Disziplinarität ist also sehr wichtig, um den Anforderungen, die man am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft findet, begegnen zu können.
Das hat man im Leuphana Semester nicht. Dort wird versucht, verschiedene Perspektiven anhand gesellschaftlicher Probleme aufzuzeigen. Gesellschaftliche Probleme werden sicherlich auch im eigenen Fach adressiert, aber im Leuphana Semester ist man noch freier und hat eine höhere Flexibilität. Es ist ein großer Vorteil, dass man dort aktuellen Problemen durch geschickte Konzepte eine Einbettung geben kann.

Und wo sehen Sie Gemeinsamkeiten in der Lehre?
Eine Gemeinsamkeit ist natürlich, dass wissenschaftliches Arbeiten und kritisches Denken betont wird. Das ist etwas, was eine Universität unbedingt mitgeben muss. Nur so können die vielen Verzerrungen und Handicaps, die das menschliche Hirn nun mal hat [lacht] und die vielen Probleme in der Gesellschaft, die auf Vorurteilen, verzerrten Wahrnehmungen oder ähnlichem basieren, reduziert werden. Dass heißt, es sind nicht die fachlichen Ziele, die man in einer Veranstaltung hat, sondern die Herangehensweisen, in denen die Gemeinsamkeiten liegen.

Welchen persönlichen Mehrwert ziehen Sie aus der Lehre im Leuphana Semester?
Genauso, wie ich verschiedene Perspektiven bei Studierenden beobachte und das sie daraus lernen, finde ich es natürlich auch für die Lehrenden extrem spannend, einem unterschiedlichen Publikum ausgesetzt zu sein. Denn zunehmend ist es so, dass bei der Fülle von Wissen sehr unterschiedliche Wissensstände bei den verschiedenen Studierenden bestehen und das durch diese unterschiedlichen Wissensstände eine reichere Diskussion entsteht, aus der natürlich auch Lehrende lernen. Und das ist natürlich super. Bei einer gemischten Gruppe ist das natürlich noch stärker als bei Gruppen, die vielleicht nur einem bestimmten Major angehören.

Ist es auch eine Herausforderung, diesen unterschiedlichsten Fragen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zu begegnen?
Wenn man als Lehrende oder Lehrender die Auffassung hat, dass man alle Fragen beantworten können muss, dann Ja. Wenn man der Meinung ist, dass man nicht alles wissen kann, dass man sich keine Blöße gibt, wenn man sagt "Das können wir jetzt mal gemeinsam diskutieren" oder "Vielleicht gibt es Jemanden, der das weiß" oder "Vielleicht sollten wir das für nächste Mal eruieren und erforschen", dann Nein [lacht].

Und ist es eine Herausforderung, dass die Erstsemester-Studierenden im Leuphana Semester einen universitären Habitus noch nicht kennen?
Das haben wir auch nicht in den höheren Semestern, dass dann alle diesem klassischen wissenschaftlichen Denken verfallen sind. Manche saugen das auf, manche lernen es nie. Also ich habe keine Angst davor und finde es auch manchmal erfrischend, wenn Leute noch etwas unbefangen an bestimmte Dinge herangehen.

Bietet das Leuphana Semester Ihrer Meinung nach die Möglichkeit, neue Lehrformate auszuprobieren, die Sie so in der Lehre im Major oder Minor nicht durchführen können?
Das ist für mich unabhängig davon. Ich versuche das auch in anderen Semestern und in anderen Teilen des Studiums auszuprobieren, das ist nicht auf das Leuphana Semester beschränkt.

Können Sie Ihre Forschungsinteressen in die Lehre im Leuphana Semester einbringen?
Ja, ich habe mehrere Jahre lang, als es noch die Ringvorlesung mit den entsprechenden Seminaren dazu gab, in Seminaren zum Thema Risikowahrnehmung Befragungen als Methode behandelt. Insofern habe ich da tatsächlich meine Lehr- und Forschungsschwerpunkte mit dem Leuphana Semester verbunden.

Was sind für Sie Herausforderungen, denen das Leuphana Semester noch (besser) begegnen muss? Gibt es Dinge, die Sie ändern würden?
Also ich glaube für die Studierenden ist es wichtig, dass sie den Sinn darin sehen. Und den Sinn sehen sie darin, wenn das Konzept in sich geschlossen ist. Das heißt zum Beispiel, dass der Zusammenhang zwischen Vorlesung und Seminar klar und für alle gleich sein muss. Wenn dieser stark von den Dozentinnen und Dozenten in den Seminaren abhängt, merken die Studierenden das. Das führt dann zu Unsicherheiten bei den Studierenden. Hier müsste also etwas an der Verlinkung, sei es inhaltlich oder die entsprechende Kommunikation, geändert werden.
Grundsätzlich finde ich das Gesamtkonzept mit Einführungswoche, großen Veranstaltungen, in denen die Studierenden Input kriegen, kleineren Veranstaltungen, in denen sie das Gehörte diskutieren können und der Konferenzwoche als Gipfel, wo die Ergebnisse einem größeren Publikum präsentiert werden, schon sehr gut.
Verbessert werden könnte vielleicht auch noch das gemeinsame Ziel des Leuphana Semesters. Zum Beisipel durch einen gemeinsamen Austausch zwischen allen Lehrenden über die Modul-Grenzen hinweg, so wie früher in Lenzen. Wenn dort gemeinsam das Thema des Leuphana Semesters diskutiert wird, die Lehrenden also eingebunden werden, überträgt sich das dann vielleicht auch in die einzelnen Veranstaltungen.

Das Interview führte Maike Renneberg, College.

Prof. Dr. Ursula Weisenfeld gehört der Fakultät Wirtschaftswissenschaften an, ihre Denomination ist Innovationsmanagement. Sie interessiert sich vor allem für Innovation und Wandel, insbesondere in Bezug auf Wirtschaft. Da Innovation und Wandel ein sehr weites Feld ist, das auch mit gesellschaftlichem und technischem Wandel zu tun hat, ist ihr Interesse somit jedoch nicht streng disziplinär.
Ihre Forschungsinteressen sind relativ breit gestreut, unter anderem die Einbettung und (Risiko-)Wahrnehmung von Technologien in der Gesellschaft, wie etwa bei Biotechnologien oder den erneuerbaren Energien.
Aktuell arbeitet sie an einem inter- und transdisziplinären Forschungsprojekt mit vier Kolleginnen und Kollegen, sowohl aus der Fakultät Wirtschaft, als auch aus den Fakultäten Kultur und Nachhaltigkeit. Im Projekt "Stadt als Möglichkeitsraum" geht es um die Rolle der Zivilgesellschaft für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, dass das Potential von Akteuren der Zivilgesellschaft für eine nachhaltige Entwicklung bestimmt, (weiter) entfaltet und wirksam werden kann.

Prof. Dr. Ursula Weisenfeld
Universitätsallee 1, C6.227
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2120
ursula.weisenfeld@uni.leuphana.de