Aktuell

Bodies revisited – Widerständige Körper

VORTRAG AUF DER TAGUNG "BEWEGENDE KÖRPER – BODIES IN MOTION"

ULRIKE STEIERWALD

3. Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft / KWG, Universität Gent, 16.11. -18.11.2017

„Um die Intention des Laokoons recht zu fassen, stelle man sich in gehöriger Entfernung, mit geschlossnen Augen, davor, man öffne sie und schließe sie sogleich wieder, so wird man den ganzen Marmor in Bewegung sehen, man wird fürchten, indem man die Augen wieder öffnet, die ganze Gruppe verändert zu finden.“ Goethes bekannte Betrachtung der Laokoon-Gruppe zielte auf die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts virulente Frage nach der Lebendigkeit des Körpers im literarischen Text, im Bild oder in der Skulptur. Im Streit der Künste über das narrative, also im wahrsten Sinne stimmliche Potential der Laokoon-Gruppe – Schreit Laokoon? – brach die Frage nach Materialität und Bewegung des Körpers in Skulptur, Bild oder literarischem Text im Hinblick auf epistemologische Verschiebungen kognitiver Prozesse auf. Für Goethe war eine bestmögliche Erfassung des menschlichen Körpers ganz im Sinne der produktions- wie rezeptionsästhetischen Verlebendigung im Moment der narrativen Anschauung gegeben. Aber bereits um 1800 formierten sich in Replik auf die Norm der gestalteten, sehend erfassten Skulptur deren Wiedergänger, die im Verborgenen sich belebenden Figuren des Anderen, und forderten eine materiale, körperliche Faktizität des Lebendigen und damit – und dies ist das Skandalon und Unheimliche zugleich – den Status als Subjekte ein.

Es fällt auf, dass in Zeiten medial-epistemologischer Schwellen, und damit Übergangs-Konstruktionen, immer wieder der Körper in den Blick gerät, sei es im Streit um die Laokoon-Gruppe, sei es im frühen Stummfilm der 1920er Jahre, in dem die Faszination der medialen Animation des toten oder künstlichen Körpers selbstreferentiell zu einer Art Leitthema wurde, oder auch in den Medienkulturen des 21. Jahrhunderts. Mein Vortrag skizziert, wie in der zeitgenössischen Ästhetik der traditionsreiche Dualismus von mechanisch versus lebendig, Maschine versus Mensch neu und anders verhandelt wird. Die Wiederkehr des Körpers im Sinne einer ungelösten Spannung zwischen Verkörperung und Virtualisierung ist in der Kultur der Gegenwart allgegenwärtig. Selbst wenn wir davon ausgehen würden, dass die neurotechnifizierte, posthumane Gegenwart lediglich temporäre Verschaltungsprozesse von Subjektivität generiert, bliebe die Frage nach den Verkörperungen des humanoiden Subjekts zumindest so lange offen, bis sie sich denn wirklich niemandem mehr – also post allen Jemanden wie Niemanden – stellen würde. Der traditionsreiche Dualismus von mechanisch versus lebendig, Maschine versus Mensch spielt aber offensichtlich auch heute im Vergleich zu Literatur und Kunst der historisch beschriebenen Schwellenzeiten eine veritable Rolle, auch wenn er epistemologisch anders zu verhandeln ist. Der neue Materialismus der digital simulierten Welt kommt zumindest bislang nicht ohne die Begrifflichkeit der Real Humans, der Cyborgs und Avatare als Figuren und Verkörperungen aus, die sich am Muster des menschlichen Körpers bemessen. In digitaler wie analoger Simulation scheint die Materialität des Körpers greifbar und tritt zugleich – produktions- wie rezeptionsästhetisch betrachtet – immer schon als Entwurf und Bewegung und damit medial in Erscheinung. Die Reflexion dieser Dialektik von Bildungs- und Einbildungskraft bleibt also in den Künsten der Gegenwart – unter neuen medialen Bedingungen – ein wirkungsmächtiges Movens.



Internationale Tagung: Forschungsverbund Marbach-Weimar-Wolfenbüttel: Autorschaft und Bibliothek

ULRIKE STEIERWALD

DIE PRIVATE SAMMLUNG

ZEITGENÖSSISCHE LITERATUR ZWISCHEN KONTEXTUALISIERUNG UND VEREINZELUNG

Autorschaft und Bibliothek: Sammlungsstrategien und Schreibverfahren, Internationale Tagung, Klassik Stiftung Weimar
8. bis 10. November 2016


Walter Benjamins Reflexion „Ich packe meine Bibliothek aus“ beschreibt nicht nur die jeder Sammlung eigene Dialektik der Selektion und Zusammenfügung von Texten, sondern – in Analogie – auch das Wechselspiel von Vereinzelung und Kontextualisierung im Gestus des Schreibens selbst. Im Moment des Auspackens, in dem sich die private, zusammengefügte Ordnung der Bibliothek im paradoxen Zustand eines Umzugs, einer Reise oder des Exils –jedenfalls im Modus der Mobilität und des Vorläufigen  befindet – manifestieren sich an der in einem neuen Kontext wahrgenommenen Materialität der Bücher auch neu reflektierte und erzählte Erinnerungen und Geschichten. Dabei schafft der private Raum, der trotz Mobilität und Vorläufigkeit durch die Erinnerung an die Aneignungsgeschichten der Bücher entsteht, eine andere gedankliche Ordnung, in der ein eigenes Sprechen und Schreiben beginnen kann.

Der Vortrag analysiert Mobilität und Virtualisierung als Konditionierungen und Gelingensbedingungen der zeitgenössischen Literatur. Sie stehen nur scheinbar im Gegensatz zum Raum der Sammlung in deren Materialität, sondern machen vielmehr die in Benjamins „Ich packe meine Bibliothek aus“ sichtbar werdende Dialektik von Kontextualisierung und Kontextflucht - Öffentlichkeit und Vereinzelung - deutlich. Es zeigt sich, dass auch in den Schreibverfahren der Gegenwart die Spannung zwischen intertextuellen Verweisungen im Sinne der Sammlung und einer ubiquitären Ästhetisierung der Lebenswelten offen bleibt. Mehr >>

Groteske Figurationen Europas

Migration und Europa in kulturwissenschaftlicher Perspektive
Zweite Jahrestagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft (KWG)
6. bis 8. Oktober 2016 an der Universität Vechta


Panel: Übersetzte Figurationen. Räumliche Entwürfe europäischer „Kultur“ (Leitung: Ulrike Steierwald)


Die Definitionen Europas in ihrer Relation zum Begriff der Migration sind von voraussetzungsvollen historischen wie aktuellen Identitätskonstruktionen abhängig. Die Bestimmungen des „Eigenen“ und „Fremden“ durch räumliche Grenzziehungen prägen zu Beginn des 21. Jahrhunderts weniger nationale Konzepte, sie sind vielmehr in den diversen Argumentationsmustern des Europa-Diskurses virulent. In den sich auffällig lokal bzw. regional formierenden Protestbewegungen gegen Migration wie Globalisierung spielt die dezidiert gegen “außereuropäische Kulturen“ gerichtete Aggression eine zentrale Rolle. Aber auch in der Grenzsicherung der Europäischen Union und in der Verurteilung islamistischer Terroranschläge und Gewalt wurde und wird auf eine „kulturelle“ europäische Identität im Sinne universalistisch wirksamer Wertsetzungen der europäischen Aufklärung – Demokratie, Toleranz, Selbstbestimmung, Ökonomie – rekurriert. Diese sind weiterhin auf ein räumlich verankertes Selbstverständnis angewiesen.

Angesichts der aktuellen Offenlegung einer mangelnden Einheit und Identität Europas brechen nur scheinbar Konnex und Verankerung des Wiedererkennbaren und Identischen in nationalen, regionalen wie auch kontinentalen Kollektivierungsmustern zusammen. Der hegemoniale Gestus der Selbst-Ermächtigung und Selbst-Bestätigung gegen die aus dem „außereuropäischen“ Raum Fliehenden legitimiert sich zunehmend über den Kultur-Begriff selbst - eine Entwicklung, zu der sich die nach ihm benennenden (Kultur-)Wissenschaften verhalten müssen. Während „Europa“ in seiner affirmativen, identitätsstiftenden Zuschreibung wieder an Wert verliert, wird der Kultur-Begriff im aktuellen politischen Diskurs präsenter. Dabei geht es jedoch weiterhin um räumliche Verankerungen der jeweiligen Identifikation, sei es in Sprache, Kollektivierung, Erinnerung oder emotionaler Bindung.

Beiträge und Gespräch des Panels legen die historisch diskursiven Voraussetzungen räumlicher Muster „europäischer Kultur“ frei. Es zeigt sich, dass sie in der gegenwärtigen Krise nicht mehr als Begründung oder auch nur Handlungsmuster dienen können, aber dass der Begründungsanspruch  ihrer Begrifflichkeit ein latentes Gewaltpotenzial in sich birgt. Offene Frage ist, ob sich im selbstreflexiven Gestus europäischer Diskurse - jenseits der Dichotomie von „Eigenem“ und „Fremdem“ -  Figurationen ausfindig machen lassen, die „Kultur“ immer schon als übersetzt und raumübergreifend erkennen lassen.

Vorträge:

Prof. Dr. Achatz von Müller (Basel / Lüneburg): Das “ganze Haus“: Zur kulturellen Metaphorik und transformativen Ökonomie eines europäischen  Sozialkonzeptes
Prof. Dr. Rolf Parr (Duisburg-Essen): Grenzziehungen zwischen Eigenem und Fremden: Räumliche Konstruktionen und Kollektivsymbole
Prof. Dr. Ulrike Steierwald (Lüneburg): Groteske Figurationen Europas
Podiumsgespräch: „Europäische Kultur“ – Identität oder übersetzte Figuration? (Mit Gabriele Dürbeck (Moderation), Achatz von Müller, Rolf Parr und Ulrike Steierwald)


Ehrendoktorwürde für Felicitas Hoppe - Eine Disputation

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe wird für ihr Werk in seiner herausragenden literaturwissenschaftlichen, poetologischen wie bildungstheoretischen Bedeutung mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

Mittwoch, 6. Juli 2016, 16:00-17:00 Uhr, Hörsaal 4

Die Leuphana Universität Lüneburg zeichnet die Schriftstellerin Felicitas Hoppe durch die Fakultät Bildung mit der Ehrendoktorwürde aus. Die mit renommierten  Preisen geehrte und zahlreiche Gastprofessuren bekleidende Autorin erweist der Universität auf dem diesjährigen dies academicus die Ehre und nimmt die Würdigung an. Doch wie ehrt man richtig? Wie lobt, wie laudiert man eine Meisterin ihres Fachs (so Hoppe über Hoppe in „Hoppe“, 2012)? Und auf was für ein „Fach“ Literaturwissenschaft hat sich die  preisgekrönte Schriftstellerin, deren Werk selbst die Frage „Wie krönt man richtig?“ stellt, eingelassen?

Eine Ehrendoktorwürde verknüpft Ehrung und Würdigung mit dem Phänomen einer Promotion, die weder Krone, Preis noch Abschluss und schon gar keine Verpflichtung ist. Zumindest historisch betrachtet, ist sie eine Initiation sowie Fortschreibung von Wissenschaft selbst. In der Disputation finden wir Relikte dieser Wissenschaftskultur der offenen Auseinandersetzung. Felicitas Hoppes Meisterschaft liegt im literarischen wie wissenschaftlichen Ideal der Verhandlung, in dem sich Sprechen, Schreiben und Handeln im Sinne von Hannah Arendts “Human Condition“ unlösbar verschränken. Ehre kann weder begründet noch zugeschrieben werden. Daher knüpfen wir an die Tradition der Disputation an und machen so die außergewöhnliche literaturwissenschaftliche Bedeutung von Felicitas Hoppes Werk präsent.

Es verhandeln:

Felicitas Hoppe
Prof. Dr. Dr. h.c. Eveline Goodman-Thau, Jerusalem / Berlin
Prof. Dr. Ulrike Steierwald, Leuphana Universität Lüneburg
Prof. Dr. Dominik Leiss, Dekan der Fakultät Bildung, Leuphana Universität Lüneburg

Kontakt: Prof. Dr. Ulrike Steierwald, Deutsche Literaturwissenschaft
ulrike.steierwald@uni.leuphana.de Tel. +49 04131-677-2618 / -2747 (Sekr.)

Anschließend:

Dies academicus – Verleihung der Ehrendoktorwürde

18:00 Uhr, Hörsaal 2

Im Rahmen des Festaktes werden die Ehrenpromotionen an herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland von den Fakultäten verliehen.  Der Abend klingt mit dem traditionellen Sommerfest der Universität aus.

Literarisierungen im Bewegungsmodus des Reisens

Ulrike Steierwald
Johann Georg Keyßlers Neueste Reisen (1740)

25. Germanistentag 2016, 25.-28. September 2016, Bayreuth / Panel: Erfahren, erspüren, empfinden: Techniken der sensuellen Vergegenwärtigung in der Reiseliteratur

„Ehe der Rhein zu seinem sehr steilen Schuß kommt, ragen hin und wieder viele Felsen aus dem Grunde hervor. Beym Falle selbst theilt er sich in drey Flüsse, welche durch ihren grünen Grund und ihr schneeweißes Strudeln dem Zuschauer eine angenehme Augenweide, hingegen durch das Brausen seinem  Gemühte sowol Bewunderung als Entsetzen verursachen.“ – Nein, diese Passage über den Rheinfall bei Schaffhausen ist kein Ausschnitt aus Wilhelm Heinses vielzitierter Beschreibung in seinem Reisetagebuch von 1780, sondern entwirft eine theatrale Szenerie aus den vierzig Jahre zuvor erschienenen  Neuesten Reisen von Johann Georg Keyßler. Diese im 18. Jahrhundert meist rezipierte Reisebeschreibung „durch Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz, Italien und Lothringen“ entspricht nicht den durch die Literaturwissenschaft konstruierten gattungspoetologischen Standards. Literaturgeschichtlich werden Anschaulichkeit und narrative Vergegenwärtigungen von Rekonstruktionen  reisend erfahrener Räume erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verortet. Die seit der Jahrhundertmitte expandierende,  umfangreiche Reiseliteratur-Produktion im Geiste der bürgerlichen Bildungsreise verführte dazu, das frühe 18. Jahrhundert und damit die Entstehungszeit der Keyßlerschen Reisen gattungspoetisch als „Vorgeschichte“ des literarisierten Reisens im engeren Sinne und damit auch den Text als nicht literarisch zu betrachten. Als Lehrer und Begleiter auf der aristokratischen Grand Tour vollzieht Keyßler zwar keine „literarische Reise“ im Sinne der bürgerlichen Individuation des Bildungsromans. Aber wie in keinem anderen Bericht dieser Zeit kann hier das vom Modus des Reisens ausgehende Denken der Erzählung, des Entwurfs, der räumlichen Bewegung nachvollzogen werden, das erst viel später - an der vielbeschriebenen Epochenschwelle um 1800 - zum Konstrukt sinnlicher, individueller Erfahrung werden wird.

Philologie und Gesellschaft

Ulrike Steierwald
Philologie und normativer Diskurs
Tandem: Literaturwissenschaft und Wissenssoziologie, zus. mit Regine Herbrik

Interdisziplinäre Tagung, Hannover, Schloss Herrenhausen, 16.09. - 18.09.2015

Während sich eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete Philologie seit längerer Zeit den produktions- und rezeptionsästhetischen Implikationen des Bewusstseins und seiner sprachlichen Projektionen zugewandt hat, fokussiert komplementär die Wissenssoziologie die sprachlich-symbolische Verfasstheit von Kultur und Gesellschaft. Der Vortrag beleuchtet aus dieser zweifachen Perspektive zeitgenössische ästhetische und alltagskulturelle Produktions- und Lesarten am Beispiel der gesellschaftlichen Diskurse „Bildung“ und „Nachhaltigkeit“. Ihre Kernkonzepte werden als zu analysierende und zu deutende Imaginationen aufgefasst.

Die bisherige Zurückhaltung der Philologien gegenüber den aktuell so wirkungsmächtigen Sozialisationsinstanzen der Bildungs- und Nachhaltigkeitsdiskurse liegt weniger daran, dass sie Alltagskulturen repräsentieren, sondern dass sie explizit bzw. sehr offensichtlich von gesellschaftlich-normativen Vorgaben geprägt sind, die die Gefahr bergen, den wissenschaftlichen Blick selbst unter Ideologieverdacht geraten zu lassen. Wirkungsmächtig sind beispielsweise für die „Nachhaltigkeit“ das Dispositiv der Bewahrung, für die „Bildung“ das der Entwicklung, also zwei auch mit gegenwärtigen politischen und ökonomischen Diskursen eng verschränkte Normalismen. Eine Philologie, die zumindest auch auf Relevanz in der zeitgenössischen Kultur zielt, kann dort ansetzen und sich bei ihrer Analyse auf eine erneuerte, produktions- und rezeptionsästhetisch ausgerichtete Methodologie des Verstehens stützen. Im Bewusstsein für die implizit immer schon wirksamen normativen Dispositive – auch der eigenen Wissenschaft – könnte so in der Entwicklung aktuell relevanter Fragestellungen auch eine Vermittlungsfunktion für unterschiedliche kulturwissenschaftliche Disziplinen eigenommen werden.   Mehr

Kulturen der Unordnung

Ulrike Steierwald

Forschungsmodul im neuen Masterstudiengang an der Fakultät Bildung, ab WS 15/16

Spätestens seit Michel Foucaults „Die Ordnung der Dinge“ wissen wir, dass jede Kultur über die Wirksamkeit der sie formierenden Machtgesetze analysiert werden kann. Die sehr offensichtlich Form, Struktur, Orientierung, Sozialisation und Kontrollierbarkeit stiftenden Kulturen der „Bildung“ sind ohne die wirkungsmächtigen Imaginationen der „Un-Ordnung“ nicht denkbar. In diesem Modul stehen Repräsentationen und Projektionen von Störung, Destabilisierung und Dysfunktionalität im Mittelpunkt.

Das Projektband macht bewusst ein breites wie methodisch präzis definiertes Feld von Forschungsfragen auf, um den einzelnen Studierenden wie kleinen Projektteams die Möglichkeit zu geben, selbständig einen themen- und forschungsspezifischen Ansatz zu entwickeln. Ein Transfer der wissenschaftlich fundierten Fragestellungen auf Beobachtungs- und Handlungsfelder der Schulpraxis ist vorgesehen. Mehr

Herta Müller - Gegenwartsliteratur denken

Ulrike Steierwald
Herta Müllers Poetologie der Bildlichkeit im Spannungsverhältnis von Ästhetik und Politisierung

Tagung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 11. - 13. Februar 2015 im Kloster Bronnbach

Wie positionieren sich Herta Müllers literarische Texte, die von einer stupenden Bildlichkeit und nach ihrer eigenen Poetologie „vom Schweigen“ gelernt sind, im zeitgenössischen öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs? Warum steht eine Autorin, die sich explizit nicht als öffentliche Person sehen möchte und ihre Literatur als „erfundene Wahrnehmung“ bezeichnet, immer wieder im Zentrum des öffentlichen Redens und Schreibens über die komplexe Relation von Ästhetik und Politik? Mein Vortrag analysiert Beispiele, die die aus dieser Widersprüchlichkeit resultierende Schwierigkeit einer Positionierung aufzeigen (Nobelpreisverleihung 2009, Podiumsgespräch mit Ai Weiwei auf der lit.Cologne 2010, Podiumsgespräch „Wie viel moralischen und politischen Kredit hat die Literatur zu vergeben?“ DLA Marbach 2011 u.a.). Herta Müllers literarische Texte wie auch ihre Poetologie oszillieren im Spannungsverhältnis von Inszenierung und Dekonstruktion. Ihre Skepsis gegenüber den politischen Implikationen des literarischen Diskurses wehrt sich gegen die Mechanismen des Funktionierens, des in den Dienst Nehmens der Sprache. Mit dieser Ästhetik erfüllt Herta Müllers Literatur nicht nur die seit mehr als zwei Jahrzehnten virulenten literaturtheoretischen Paradigmen einer Poetologie der Körper und Bilder, sie trifft sich hierin auch mit anderen Autorinnen und Autoren der Gegenwart. Mein Vortrag zeigt, dass Müllers Texte einerseits die Ambivalenz der Sprache umkreisen, andererseits – sobald sie in die mediale Öffentlichkeit eintreten - selbst auf einem schmalen Grat ausgesetzt sind, der zwischen Relevanz und Vereinnahmung, Inszenierung und Funktionalisierung, Individuation und Dekonstruktion verläuft. Insofern entsprechen sie einerseits heutigen Wertungskriterien der Literaturwissenschaft und Kulturtheorie, verweigern sich aber andererseits immer wieder einer Systemkonformität und damit Positionierung. Mehr