Das HERZ thesaurieren

– so ist das initiierende Kolloquium für ein Projekt überschrieben, das 2018 im neuen Zentralgebäude (Daniel Libeskind) seinen Anfang nahm. Ziel dieses Künste und Wissenschaften transdisziplinär zusammenführenden Projektes ist ein digitaler "Thesaurus literarischer Sprachfiguren und Bildbegriffe", ein polydimensionales Universalmodell der sprachlichen Möglichkeitsräume der Kunst.
Initiator/innen wie zugleich Initiierte der ersten offenen Runde waren Nora Gomringer, Felicitas Hoppe, Noémi Kiss, Lilian Robl sowie Wolfgang Kemp (Kunstgeschichte), Yvonne Förster (Philosophie), Gerhard Lauer (Digital Humanities), Barbara Naumann (Literaturwissenschaft), Ruth Neubauer-Petzoldt (Literaturwissenschaft), Eveline Goodman-Thau (Jüdische Religions- und Geistesgeschichte), Achatz von Müller (Geschichte) und Ulrike Steierwald (Literaturwissenschaft). Die folgende audiovisuelle Dokumentation in 16 Teilen ist nicht nur eine Einführung in das deutsch-Schweizer Verbundprojekt, sondern auch eine vielstimmige Modulation des Bildbegriffs HERZ und seiner Figurationen, in deren dynamischen wie polyvalenten Bestimmungen sich bereits exemplarisch erste Realisierungsmöglichkeiten eines Thesaurus – d.h. eines "Schatzhauses" – sämtlicher Figurationen und Bildbegriffe in deutscher Sprache abzeichnen. Eine 1. Jahrestagung THESAURUS soll Ende 2019 in Basel stattfinden.

> Hinweis: Noch besser sicht- und lesbar wird die Serie im YouTube-Channel bei einer Einstellung im HD-Format >> hier

1. ULRIKE STEIERWALD: EINE INITIATION (EINLEITUNG – VORSTELLUNG)

>>Initiationen vollziehen Rituale der Einführung in einen gemeinschaftlichen Entwurf. Schließlich sollte jedes Projekt zuallererst ein Ent-WURF in die Zukunft sein. Der THESAURUS nimmt das Potential der Sprache, in Möglichkeiten und damit fiktional zu denken, sehr ernst. Die Sprache wird beim Wort, die Vorstellung beim Bild genommen. Wenn es gelingt, das HERZ zu thesaurieren, widersetzt sich dies nicht zuletzt den Apologeten einer postfaktischen Gegenwart.<<
(Ulrike Steierwald)

2. FELICITAS HOPPE / ULRIKE STEIERWALD: SCHÄTZE – SCHATZHAUS – THESAURUS

>>Man findet in Pieter Brueghels >Die niederländischen Sprichwörter< das Sprachbild >Den Teufel aufs Kissen binden<. Der Thesaurus ist so ein kleiner Versuch, dies zu tun. Und also: Ich bin dabei!<<
(Felicitas Hoppe)

3. VERWIRKLICHUNGEN DES MÖGLICHEN JENSEITS DER MACHBARKEIT (Gespräch)

>>Das Facettenmodell des Thesaurus begeistert mich: Eine Reise durch RAUM und ZEIT, mithin also BEWEGUNG, die durch das Ausloten des Möglichen mithilfe der literarischen FORM zur ANSCHAUUNG wird – das kann einzig die Literatur, die Sprache. Genau so schreibe ich.<<
(Felicitas Hoppe)

4. LILIAN ROBL: ABSCHWEIFUNG UND KREIS

>>Ich hatte ein unterschiedliches Interesse in diesen Videos: Als ich den Begriff der ABSCHWEIFUNG untersucht habe, versuchte ich, den Vorgang des Abschweifens, der ja diffus erscheint, beschreibbar zu machen oder eine Struktur in ihm zu finden bzw. ihm eine zu geben. Bei der Untersuchung des Begriffes KREIS habe ich eher versucht, ihm eine feste Definition zu entziehen oder ihn zu verunsichern.<<
(Lilian Robl)

5. SPRACHBILDER – RELATIONEN – TEXTBILDLICHKEIT (Gespräch)

>>Das Projekt ist ein Spiel mit normativen Systemen – mit offenem Ausgang. Das Verhältnis von Text und Bild ist nicht illustrativ, da sich beide gegenseitig verlebendigen. Es werden Begrenzungen und Zuordnungen vorgenommen, und mit denen wird eben gespielt. Die Perspektive wird immer wieder in Frage gestellt, aber sie wird natürlich als Grundbedingung angenommen, weil sich sonst nichts ereignen würde – das ist das offene Ordnungssystem einer Sprache der Kunst.<<
(Yvonne Förster / Felicitas Hoppe)

6. WOLFGANG KEMP: EINE HOMMAGE AN WILLIAM STYLE ODER "Die Welt aufs Herz binden"

  

>>Sprache ist, wie es im Projektentwurf heißt, Disponierung. Und auch die Bildende Kunst disponiert – ja, Disponierung ist hier noch sinnfälliger und sinnesfälliger. Doch das einfachste Merkmal des Herzens ist seine verborgene, innere Position, und die kann die Malerei nicht zeigen. Vom Innen spricht nur die Inschrift in diesem Gemälde: >Microcosmus Microcosmi non impletur Megacosmo<, das bedeutet >Das Herz ist größer als die Welt<. Aber in unserem Projekt erscheint diese Übersetzung schon als falsch: IMPLERE / ERFÜLLEN ist ein Vorstellungsfeld des Thesaurus, vor dem die Malerei passen muss.<<
(Wolfgang Kemp)

7. MICROCOSMUS MICROCOSMI NON IMPLETUR MEGACOSMO (Gespräch)

>>Man kann die Fülle der Welt darstellen, um zu zeigen, dass das nicht vor- und darstellbare Kleinste das Eigentliche ist. Viele der Bilder und Gedichte des Barock machen dieselbe Aussage zwei- oder dreimal, um sie gleichzeitig durchzustreichen. Das ist, bei aller Ironie, sehr ernst zu nehmen – die Ordnung des Bildes selbst und die Schrift konfigurieren das HERZ als eine nicht vor- und darstellbare Erfüllung.<<
(Gerhard Lauer / Ulrike Steierwald)

8. NORA GOMRINGER: SPRACHSTIMMKÖRPER

>>Auch wer stimmlos ist, besitzt Sprache: So kann Lektüre, wenn als Text begriffen, ja immer auch zum akustischen Phänomen gewandelt werden. Die Schrift ermöglicht die Übertragung von Gedanken durch die ZEIT in den RAUM, über die eigene ANSCHAUUNG hinaus durch BEWEGUNG in ständig neue FORM.<<
(Nora Gomringer)

9. YVONNE FÖRSTER: VON KÖRPERN, ZEICHEN UND LISTEN

>>Betrachtet man das Geflecht von Worten, Gesten, Bewegungen, Verweisungen, dann betrachtet man zugleich die Sprache im Werden, in statu nascendi (Merleau-Ponty). Dieses Werden zu beschreiben, ist das Anliegen des Thesaurus, der auf der Basis von Interdisziplinarität und neuen Medien sprachliche Prozesse nicht festschreiben, sondern in ihrem Werden zur Darstellung bringen will.<<
(Yvonne Förster)

10. DISPONIERUNG – NEGATION – SCHÖPFUNG – PREISGABE (Gespräch)

>>Die Frage nach der Objektivierbarkeit von Assoziationen ist eine noch wunde Stelle des Projektentwurfs. Wenn wir die verschiedenen Perspektiven der Bildlichkeit – also die Sprachfiguren und Bildbegriffe –  sammeln und diese Sammlungen nicht nur additive Akkumulationen sein, aber auch keine hierarchischen Relationen abbilden sollen, so stellt sich die Frage: Wie können wir diese Energie beschreiben,  die das irgendwie zusammenbindet? Man visualisiert etwas, das algorithmisch gezeigt und nachvollzogen werden kann, aber zugleich frei ist und daher spekulativ wirkt. Das ist die Poetik des Thesaurus. Diese aus ihrer schöpferischen (Kunst) wie objektivierenden (Wissenschaft) Intentionalität heraus zu visualisieren und dadurch zu realisieren, sind Aufgabe und Ziel des Projektes.<<
(Yvonne Förster / Barbara Naumann / Ulrike Steierwald)

11. GERHARD LAUER: FIGURATIONEN – DIGITALE MODELLIERUNG

>>Die moderne Wissenschaft sammelt seit dem 17. Jahrhundert Daten, um sie kritisch zu betrachten, zu beschreiben und damit zu thesaurieren. Die so entstehenden Listen und Konkordanzen machen Zusammenhänge, Relationen sichtbar. Nicht das einzelne Wort, sondern die Worte, die davor und dahinter stehen,  ergeben die jeweiligen Bedeutungsmöglichkeiten der Wörter. Heute sind alle Versuche, die digitalen >Listen< in der öffentlichen Hand zu halten (VD16/17/18, Gallica, Evans, ECCO, Deutsches Textarchiv etc.) nichts gegen die ca. 40 Millionen durch Google als Volltexte erschlossenen Bücher. Diese Erfassungen finden in geschlossenen, intransparenten Räumen statt. Die gegenwärtige Oligopolbildung in der Ökonomie sprachlicher Erfassung weist auf die politische, kritische Dimension des Thesaurus hin.<<
(Gerhard Lauer)

12. INTERESSEN – VALENZEN: KONFIGURATIONEN DES MÖGLICHEN (Gespräch)

>>Das Politische jedes Projektes liegt im jeweiligen Erkenntnisinteresse. Das Wort Konfiguration ist hier sehr wichtig: Es geht um Valenzen, die nicht unbedingt das Wort vorher oder nachher regieren, sondern Konfigurationen hervorbringen. Ihre Bestimmung kann nur in einer Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst realisiert werden, und zwar in der Frage, wie aus künstlerischer Position sprachliche Möglichkeitsräume konfiguriert werden. Es geht nicht um eine Programmierung künstlicher Intelligenz, sondern um Modellierungen durch künstlerische >Intelligenz< – allerdings jenseits der einzelnen Autorschaft.<<
(Wolfgang Kemp / Ulrike Steierwald)

13. RUTH NEUBAUER-PETZOLDT: DAS MODELL DER MODELLE ZWISCHEN WAHRNEHMUNG UND VORSTELLUNG

>>Ein Modell ist weder Kopie noch Abbildung der Welt. Wir werden stets daran denken, dass wir die Welt nicht erschaffen haben, und sich die Welt nicht an unsere Gleichungen hält … (Derman/ Wilmott). Der Thesaurus fasst daher die Idee vom Modell des Modells, vom Universalmodell sprachlicher Modellierung, konsequent eng. Aber unser Denken und unsere Sprache bewegen sich immer zwischen Konkretem und Abstraktem, zwischen Bild und Begriff, zwischen Wahrnehmung und Vorstellung – Sprache ist eben Disponierung wie Modellierung.<<
(Ruth Neubauer-Petzoldt)

14. NOÉMI KISS: ÜBERSETZUNG – GEOGRAPHIE EINER HERZLOSEN LANDSCHAFT

>>Es gibt eine Sprache Osteuropas; es gibt also die Vorstellung von Ost und West. Ich frage, welche Wörter durch das Denken der Grenze entstehen oder wie sich Grenzen zwischen Ost und West in Wörtern entfalten. Wie lässt sich das in einem relationalen Sprachgefüge thesaurieren? Ich habe den Titel >Schmuck-/Schatzkästchen< – wenn man so will, kleiner Thesaurus – für mein eigenes Buch gewählt, da ich auch dort Zitate, also die im Denken der Grenze vorgefundenen Sprachfiguren und Bildbegriffe, ständig überprüfe, ob sie wirklich stimmen.<<
(Noémi Kiss)

15. BARBARA NAUMANN: SCHRIFTBILDLICHKEIT (ROBERT WALSER ZUM BEISPIEL)

>>Wir sind über diesen wunderbaren Begriff der Bilderfahrzeuge (Warburg), der im Thesaurus in den Sprachbildfahrzeugen aufgenommen und erneut in Bewegung versetzt wird, auf die Frage gekommen, wie bewegen sich Text und Bild konkret aufeinander zu, und wie kann man überhaupt diese Beziehungen zwischen Text und Bild beobachten oder herstellen?<<              (Barbara Naumann)

16. ACHATZ VON MÜLLER: AUF DEN SCHULTERN VON RIESEN – DAS HERZ LIEGT IM SCHATZ

>>Ich nähere mich dem Thema aus einer Welt an, die den Thesaurus eigentlich schon hat: Es ist die mittelalterliche Kultur, in der die Spannung zwischen einem gesicherten lateinischen Sprachfundus topischer Metaphern und der unendlichen Vielfalt und Variabilität eines eigenen Denkens und Sprechens aufbricht. Die Visions-Reise "Il Tesoretto" (um 1260) von Brunetto Latini bringt es bereits zur Sprache: Der Schatz der Dichtung verwandelt im Dichten den Schatz des Wissens in Leben.<<           (Achatz von Müller)