Forschung & Projekte

Ulrike Steierwald

DER THESAURUS LITERARISCHER SPRACHFIGUREN UND BILDBEGRIFFE

Beginnen wir mit einer Täuschung – mit Georges de la Tours Gemälde „Die Wahrsagerin“ aus
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wahrsagerin/media/File:Georges_de_La_Tour,_The_Fortune_Teller.jpg

In dem von vier weit geöffneten Augenpaaren flankierten wahren Betrugsgeschehen spielen sich mehrere, vielfältig angedeutete, nicht nur pekuniäre Diebstähle, also Figurationen des Übergriffigen, ab. Das Wahrhafte und Wahrhaftige liegen sprachlich wie offensichtlich nah beieinander und stehen nicht in einem einfachen Gegensatz zur Unwahrheit, zum Betrug. In der Gleichzeitigkeit von Wahr-Sagung und Täuschung zeigt sich eine unendliche Fülle von Relationen, von Berührungen und Trennungen, von Versprechen und Verfehlungen – sowohl auf struktureller Ebene als auch in den Verkörperungen der Blicke und Gesten, in den Farben oder der Stofflichkeit der Kleidung.

In der Literaturwissenschaft als einer Wissenschaft der Künste geht es in Fragen der Visualisierung nicht nur um das Sichtbare, sondern auch um das Wechselspiel von Erkennen und Täuschen, von Erkenntnis und Täuschung, um die jeder Realisierung eingeschriebene Möglichkeit des Anderen. Der Thesaurus literarischer Sprachfiguren und Bildbegriffe zielt auf Visualisierungsprozesse einer Begrifflichkeit des Denkens in diesem Wechselspiel. Zusammen mit Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Disziplinen schließen wir dabei an Fragen der Sprache, Kognition, Visualität und Verkörperung an und entwickeln das Projekt gemeinsam mit Schriftsteller/innen und Künstler/innen der Gegenwart, ohne dabei – und dies ist zu betonen – ein eigenes Kunstprojekt oder ein wissenschaftliches Konzept kreieren zu wollen. Ein die Fiktion und damit die Sprache des Möglichen im doppelten Wortsinn umfassendes Begriffsnetz von Ähnlichkeits- wie Abweichungsrelationen wird die offene Ordnung eines multiperspektivischen, facettierten Begriffssystems, eines literarischen Thesaurus, diagrammatisch auffächern. Dabei werden Bildlichkeit und Stimmlichkeit der Sprache, ihre Sprachfiguren und Bildbegriffe beim Wort genommen und im Bewusstsein ihrer Geschichtlichkeit zueinander in Beziehung gesetzt.

Auf den ersten Blick haben Thesauri heute keine gute Konjunktur. Sie gehören scheinbar zu den schwerfälligen, immerwährenden und ihre Versprechen einer zu terminierenden Abschließbarkeit nie einhaltenden Wörterbuch-Großprojekten der vergangenen zwei Jahrhunderte. Unser „Schatzhaus“ (= Thesaurus/θησαυρός) der deutschsprachigen Literatur reiht sich jedoch nicht in diese Tradition ein, sondern greift das Denken in Idealmodellen von Kunstsprachen und Architekturen der vorklassischen Periode auf. Schon der Begriff „Thesaurus“ selbst ist beim Wort zu nehmen und von einer im 18. bis 20. Jahrhundert eingeschränkten Verwendung abzugrenzen, die unter ihm eine lexikalisch-semantische Erfassung und Speicherung sogenannter kontrollierter Vokabulare verstand. Die entsprechenden, heute in ISO-Normen und Dokumentationsstandards schlummernden Relikte haben mit der sprach- und erkenntnistheoretisch grundierten Idee eines Thesaurus sehr wenig zu tun. Er ist kein lexikalisches, hierarchisch strukturiertes oder indexierendes Wörterbuch, kein Erschließungs- oder Deutungsmittel, sondern zielt auf eine Topologie der Begriffe, die im Wechselspiel von Wahrnehmung und Täuschung, Realisierung und Ermöglichung zur Darstellung gelangt.

Der Thesaurus als Ordnungssystem ist aus der Begriffsgeschichte des deutschen Wortes „Schatzhaus“ ableitbar. Das verborgene, zu suchende, bewegliche Gut (Schatz) bildet mit der Stabilität eines Ordnungsraumes (Haus/οἶκος) eine begriffliche Einheit. D.h., im Schatz einer Sprache des Möglichen bleiben das Verborgene, Abwesende, Nicht-Sprachliche unbegriffen wie undefiniert, werden aber zugleich in den Relationen und Gesetzmäßigkeiten des sie Zur-Sprache-Bringens klar erkennbar.

Eine deutliche Konzentration auf die poetologisch zu begründenden, epistemischen wie kognitiven Aspekte sprachlichen Denkens wird dabei für das Projekt entscheidend sein: Sprache ist Disponierung, eine raum-zeitliche Situierung und ein gleichzeitiges Sich-ins-Verhältnis-Setzen zum Wahrgenommenen. Die Sprache als einzig mögliche Denkform beschreibt ein Wechselspiel von Anschauung und Bewegung. Eine das Wahrgenommene wie Mögliche realisierende Fiktion der Literatur ist vom Movens bestimmt, die sprachliche Disponierung, Relationierung und damit Differenz zum anderen aufzuheben. Das als wahr zu Nehmende soll in Koinzidenz zum Eigenen gebracht werden. Im Schreiben wie in der Lektüre vollziehen literarische Texte die Möglichkeit – also die Fiktion – dieser Koinzidenz. Produktions- wie rezeptionsästhetisch können Geschichten, Handlungen, Figurationen und Topoi zugleich als die eigenen wie die des anderen erfahren werden. In der Kunst ist diese reale Erfahrung eine scheinbare, fiktionale. Die Literatur bringt gleichzeitig Möglichkeit wie Aporie der Koinzidenz, einer raum-zeitlichen Einheit, zum Ausdruck. Daher sind die Denkbewegungen ersehnter oder abgewehrter, in jedem Fall unerreichbarer Vergegenwärtigung und Vereinigung sowie des vollständigen Begreifens – also der Suche, des Aufbruchs, der Hoffnung, der Liebe, der Flucht, der Gewalt, der Rache – die Modi einer Sprache der Literatur. Sie zeigen sich natürlich historisch und medial in unterschiedlich ausgeprägten Formen und Formationen.

Das Begriffsnetz des Thesaurus versucht nun, diese ästhetische Spannung von Möglichkeit und Aporie zu fassen. Die Topik der sprachlichen Ordnung wird lokalisiert, aber auch in ihrer polyrelationalen, der Begrenzung und Geschlossenheit eines Systems widersprechenden Dynamik sichtbar gemacht. So lässt sich die Paradoxie dieses offenen Systems multipler Begriffsbeziehungen im wahrnehmenden wie reflektierenden Denken gestalten. Der Thesaurus ist offener Entwurf und zugleich Idealmodell eines dynamischen, unbegrenzten Netzes. 

Selbstverständlich lassen sich für die Dichtung weder eine spezifische Begrifflichkeit noch eine Rhetorik des Möglichen reservieren oder abgrenzen. Der Thesaurus macht vielmehr die Kunst des literarischen Diskurses im Sinne der skizzierten selbstreflexiven Intentionalität des Möglichen sichtbar. Unter diesem ästhetischen Aspekt könnte er aber auch zur Transparenz anderer Diskurse (wie beispielsweise Politik, Wirtschaft, Werbung) beitragen. Dreh- und Angelpunkt des offenen, kategorialen wie relationalen und damit hybriden Begriffssystems ist jedoch dessen Poetologie. So ist die Architektonik des „Schatzhauses“ deutlich von der Tradition der Erfassung und Normierung des deutschen „Wortschatzes“ abzugrenzen. Das Horten von Wort-„Schätzen“ als maßgeblichen wie maßgebenden Sammlungen sprachlicher Wertsetzungen rekurriert auf das normative, etymologische wie evolutionäre Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, für das das Grimm‘sche Wörterbuch die beste Quelle ist. Aktuellen Reaktivierungs- oder Überarbeitungsversuchen solch faszinierender wie historischer Projekte ist nachvollziehbarerweise wenig Erfolg beschieden. Der Thesaurus hingegen entspricht den digitalen Modellierungen einer Sprache des Virtuellen zu Beginn des 21. Jahrhunderts und greift dabei zugleich auf historische Vorbilder der Frühen Neuzeit und des Barock zurück.

Der Thesaurus wird als Idealmodell – als ein bespieltes und bespielbares Feld wie ein bespieltes und zu spielendes Instrumentarium – weder Kunstwerk, weder literarischer oder wissenschaftlicher Text noch Nachschlagewerk oder Lexikon sein. Ein die Wahrnehmung des Möglichen sichtbar machendes, offenes Sprachsystem kann als Wortschatz-Gewebe nur in einer wechselseitigen Erhellung der literarischen Textproduktion wie -rezeption und daher nur in einem ergebnisoffenen Zusammenspiel von Schriftsteller/innen, Künstler/innen und Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Disziplinen (Literaturwissenschaft, Begriffsgeschichte, Sprachphilosophie, Kognitionswissenschaft, Kunstgeschichte, Rezeptionsästhetik, Digital Humanities, Linguistik) entstehen.  
Ende Januar 2018 wird ein erstes öffentliches Kolloquium, eine Projektinitiation durch Kunst und Wissenschaft, an der Leuphana Universität Lüneburg stattfinden. Offener Rahmen dieses Gesprächs ist der sogenannte „Raum der Stille“, ist die sprechende wie dezentralistische Architektur des von Daniel Libeskind entworfenen neuen „Zentralgebäudes“. Und so befinden wir uns erneut in einem Wechselspiel von Erkenntnis und Täuschung. Denn in ihrer scheinbaren Sprachlosigkeit ist auch die Stille als Begriff ein Teil der Sprache und wird – beim Wort genommen – im Thesaurus der Literatur zu lokalisieren sein.

Das Programm folgt in Kürze. (Ulrike Steierwald / Oktober 2017)

 ILLNESS AS TEXT – AESTHETICAL DENIAL OF DIAGNOSIS

The coincidence of the discourse of medicine and aesthetics has been a specific interplay since the enlightenment which is characterized by diagnostics, observation and determination.  Psychological diagnostics and classification are unthinkable without social agreement and fixation of pathological indicators. The specific criteria for the classification of illness depend on the thinking of origin, sexuality, inheritance and evolution which determine the physiological and psychological standards and disorders particularly represented in the aesthetics of body and soul. These iconic and linguistic representations of disorder are strikingly relevant in contemporary literature as well as in the arts. Based on Illness as metaphor by Susan Sontag I try to figure out an alternative reading of illness as text.  It’s about the materiality of the human body and the stories it tells.  My project outlines the contradictions encountered when literally configurations of bodies elude the determinations of diagnosis and interpretation. (Ulrike Steierwald)

EUROPE – HEIMAT AS GROTESQUE

My research focuses on literary, cinematic and theatrical perspectives on experiences of a European sense of home as a grotesque figure. It describes the tension between the place-based identity and the Grotto experience of foreignness in the literal sense of the term. The literary form of the grotesque was described in the 20th century classics by Wolfgang Kayser and Michail Bachtin, which had a significant influence on later studies. These works have in large part overshadowed the specific understanding of space as a heuristic device in the aesthetics of the grotesque – an approach uncovered by Renaissance conceptions of foreignness. The project analyses artistic examples that focus on confrontations between culture-based identity and the European identity. In these, the reflex of identifying with a specific space is taken to the extreme of grotesque border-crossings. (Ulrike Steierwald)

SUBJEKTKONSTRUKTIONEN IM SPANNUNGSFELD VON ZEITGENÖSSISCHER ÄSTHETIK UND BILDUNGSDISKURS

Bildung als Institution ist seit dem 19. Jahrhundert eines der gesellschaftlich wirkungsmächtigsten Sys­teme. Fasst man Literatur weit, als selbstreferentielle Texte einer grundsätzlich sprachlich-symbolischen Verfasstheit von Kultur, drängt sich die Frage auf, inwieweit diese Texte als funktionali­sierte Bildungsfaktoren ihr Selbstverständnis verlieren müssen. Die Geistes- und Kulturwissenschaften sind daher aus nachvollziehbaren, meist aber unausgesprochenen Gründen um eine Distanzierung und Abgrenzung gegenüber pädagogischen oder didaktischen Disziplinen bemüht. Dagegen versucht mein Projekt, die ungeklärte Spannung zwischen Ästhetik und Bildung als offene Frage virulent zu halten. (Ulrike Steierwald)

SCHULE ALS THEATRALER RAUM

Teilprojekt des durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderten Pilotprojektes Diskurs und Präsenz. Forschen, Lehren, Lernen in Fachdidaktik und Bildungswissenschaften, 06.2012 – 12.2012Ausgangspunkt meiner Studie war, den Klassenraum als offenen Austragungs- und Verhandlungsraum von Individualität zu beobachten. Sie konzentrierte sich auf eine Bedarfsevaluation für weiterführende Projekte, da für diesen kulturtheoretischen Ansatz grundlegende Dokumentations- und Beschreibungsinstrumente sowie deren Standards fehlen. Im Rahmen der explorativen Vorstudie wurden eigens aufgezeichnete Unterrichtseinheiten unter den Aspekten der Inszenierung, Performativität und Diskursivität des Unterrichts ausgewertet. Ziel war die Entwicklung von Kriterien und Parametern für die Erfassung der in den Unterrichtsszenen zu beobachtenden Bewegungen der Körper im Raum in Korrelation zu narrativen und szenischen Sequenzen des Unterrichts. (Ulrike Steierwald)

VIRTUELLE KONTEXTUALISIERUNG VON KORRESPONDENZENDAS MODELL EINER ONLINE-DATENBANK FÜR DIE BRIEFE VON UND AN FRANK WEDEKIND

Die Gattung Brief gehört historisch zu den zentralen privat-öffentlichen Kommunikationsformen, die sich in ihrer genuinen Intertextualität und in der Unendlichkeit der Verweisungsstrukturen noch evidenter als andere schriftliche Zeugnisse der Zusammenfügung im Corpus, einer mit dem Werk-Begriff verbundenen Einheit, entziehen. In der  Editions- und Forschungsstelle Frank Wedekind, Hochschule Darmstadt, wurde ein Datenmodell für die Online-Ausgabe der Briefe von und an Frank Wedekind (etwa 3.300 Briefe, davon 2.500 unveröffentlicht) entwickelt, das den spezifischen Anforderungen von Briefeditionen Rechnung tragen soll. (bis 2012, Ulrike Steierwald)