Kunstraum
Leuphana Universität Lüneburg

Die Anfänge des Kunstraum

Der Kunstraum der Universität Lüneburg wurde im Jahre 1993 von einer interdisziplinären Gruppe gegründet. Für diese Initiative, eine Universitätsgalerie im Bereich zeitgenössischer Kunst einzurichten, hatten sich die Kunsthistorikerin Beatrice von Bismarck, der Mathematiker Diethelm Stoller und der Kunstsoziologe Ulf Wuggenig zusammengeschlossen. Es war dies eine fakultätsübergreifende Initiative. Die Dozent_innen gehörten den Fachbereichen Kulturwissenschaften, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und dem Rechenzentrum an und arbeiteten in der AG Labor Kunst & Wissenschaft des Senats der Universität der Universität zusammen. Diese Gruppe stellte auch nach Ausscheiden von zwei der drei Gründungsmitglieder aus der Universität (Beatrice von Bismarck wechselte 1999 an die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, Diethelm Stoller wurde 2005 pensioniert) weiterhin die künstlerisch-wissenschaftliche Leitung dieser interdisziplinären Einrichtung, die von Anfang an nicht repräsentations-, sondern produktions- und diskursorientiert ausgerichtet war. Die formelle Leitung der universitären Ausbildungsinstitution lag jedoch bei dem weiterhin an der Universität tätigen Ulf Wuggenig, der noch in den 1990er Jahren in den Fachbereich bzw. die Fakultät Kulturwissenschaften wechselte. 2014 kam mit der in dieser Fakultät neu für zeitgenössische Kunst berufenen Professorin Susanne Leeb erneut eine Kunsthistorikerin hinzu.

Seit der im Jahre 2007 durch die Hochschulleitung unter Präsident Sascha Spoun vorgenommenen Neuausrichtung der Universität lautet die neue Bezeichnung der Einrichtung Kunstraum Leuphana Universität Lüneburg. Seit 2009 ist sie eine einem Forschungszentrum vergleichbare übergreifende Einrichtung, die keiner Fakultät zugeordnet ist. Die von ihr getragene Lehre konzentriert sich jedoch weitgehend auf die Programme der Fakultät Kulturwissenschaften.

Ausgangshypothesen und programmatische Ausrichtung

Zu den Ausgangshypothesen zählte die Annahme einer Kontinuität von Kunst und Wissenschaft bei Wahrung ihrer jeweiligen relativen Autonomie. Sie fand sich zur Zeit der Gründung der Einrichtung mit im Einzelnen unterschiedlicher Argumentation bei Philosophen und Soziologen wie Pierre Bourdieu, Nelson Goodman, Thomas S. Kuhn sowie Howard S. Becker. Die für die deutschsprachige Universitätslandschaft neuartige Einrichtung, die in ihrer Anfangsphase von der Stiftung Niedersachsen gefördert wurde, zielte auf den Austausch dieser beiden Felder der kulturellen Produktion im Interesse wechselseitiger Befruchtung, ohne den für den späteren „artistic research“-Diskurs teilweise charakteristischen Versuch, Kunst wissenschaftlichen oder ökonomischen Interessen unterzuordnen. 

Seit seiner Gründung arbeitet der Kunstraum mit Künstlerinnen und Künstlern, aber auch mit Kuratorinnen und Kuratoren aus dem Feld der zeitgenössischen Kunst zusammen, denen einige Merkmale gemeinsam sind: Interesse an den im intellektuellen Feld geführten Diskursen, Forschungsorientierung, Anschlussfähigkeit des Zugangs an Fragestellungen, die auch in universitären Kontexten verhandelt werden sowie Neigung, in der künstlerischen Produktion in einen Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch Studierenden aus nicht-künstlerischen Disziplinen bzw. Programmen einzutreten. 

Die Arbeit im Rahmen des Kunstraum der Leuphana Universität umfasst Forschungs-, Lehr- und Publikationstätigkeit, Veranstaltung von Vorträgen und Präsentationen externer Künstler_innen, Kurator_innen, Kritiker_innen, Theoretiker_innen und Wissenschaftler_innen, Durchführung von Workshops und Symposien sowie nicht zuletzt Realisierung und diskursive Begleitung von Ausstellungen. Übernahmen sind dabei selten, die im Kunstraum ausgestellte Kunst wird im Allgemeinen neu produziert. 

Künstlerische Produktion und wissenschaftliche Forschung

Die Arbeit im Kunstraum beschränkt sich nicht auf künstlerische Produktion im engeren Sinne und deren diskursive bzw. wissenschaftliche Rahmung. Auch wissenschaftliche Forschung ist im Kunstraum verankert. So wurden etwa in Fortführung der umfangreichen Explorationen in den zeitgenössischen Kunstfeldern von Wien, Hamburg und Paris in den Jahren 1993 bis 1995 in den Jahren 2009 und 2010 Befragungen im Kunstfeld von Zürich durchgeführt. Auf dieser Grundlage entstand ein großer Datensatz von gleichermaßen kunstsoziologischem wie kunsthistorischem Interesse, der sich auf Informationen (rd. 1000 Merkmale) von bzw. über rd. 2300 Besucher_innen zeitgenössischer Kunstausstellungen stützen kann. Die Stichproben umfassen sowohl die in solchen Ausstellungen zahlreich vertretenen Professionellen des Kunstfeldes wie Künstler_innnen, Kurator_innen, Sammler_innen und Galerist_innen,  als auch nicht-professionelle „Liebhaber_innen“ bzw. Gelegenheitsbesucher_innen von Kunst.

Manche Projekte zielten nicht oder nur teilweise auf Kunst, sondern (auch) auf visuelle Repräsentationen aus Wissenschaftsfeldern. So wurden gemeinsam mit den Berliner Künstler_innen Alice Creischer und Andreas Siekmann die bildsprachlichen Versuche von Otto Neurath, Philosoph und Ökonom des Wiener Kreises, und Gerd Arntz, einem Repräsentanten des Kölner Konstruktivismus, aufgegriffen, beides frühe Beispiele für die Interaktion von avantgardistischer Sozialwissenschaft und Kunst aus den 1920er und 1930er, und mit Bezug auf Fragen der Gegenwart zu aktualisieren versucht. Eine Ausstellung, mehrere Symposien und Publikationen des Kunstraum befassten sich in den Jahren 2006 – 2008 zudem mit den fotografischen Bildern, die Pierre Bourdieu in der Anfangsphase seiner Laufbahn während seiner Jahre in Algerien hergestellt hatte. Ihnen lagen Kooperationen mit der Fondation Bourdieu (Genf/St. Gallen) und deren Präsidenten Franz Schultheis, mit Camera Austria (Christine Frisinghelli), Graz sowie mit den Deichtorhallen Hamburg unter der Leitung von Robert Fleck zugrunde.

 

Ausstellungen / Projekte (Auswahl)

  • 2014: Art and its Frames - Continuity and Change, Symposium mit Beatrice von Bismarck, Julia Bryan-Wilson, Helmut Draxler, Andrea Fraser, Renée Green, Hannes Loichinger, Sven Lütticken, John Miller, Marion von Osten, Gerald Raunig, André Rottmann, Stefan Römer, Simon Sheikh und Ulf Wuggenig
  • 2012/13: Filling the Weak Points – mit Urban Subjects (Sabine Bitter, Helmut Weber und Jeff Derksen)
  • 2011: Demanding Supplies − Nachfragende Angebote, mit Julia Moritz 
  • 2010: Conceptual Paradise − the studio of interest, mit Stefan Römer
  • 2008: Planetary Consciousness mit Christian Kravagna sowie Moirés, mit Astrid Wege 2007: "Die Teilung der Erde" − Tableaux zu rechtlichen Synopsen der Berliner Afrika-Konferenz, mit Dierk Schmidt
  • 2006: Making Worlds <reformpause>, mit Marion von Osten
  • 2005: Ökonomien des Elends. Pierre Bourdieu in Algerien, mit Franz Schultheis und Christine Frisinghelli
  • 2004: Die Regierung. Handlungen, die Handlungen setzen, mit Roger M. Buergel und Ruth Noack
  • 2003: Vivre en POF, mit Fabrice Hybert
  • 2001: Dienstleistung: Fluchthilfe, mit Martin Krenn und Oliver Ressler
  • 2000: Treibhaus, mit Dan Peterman
  • 1999: Interarchive, mit Hans-Peter Feldmann und Hans-Ulrich Obrist
  • 1998: Der Campus als Kunstwerk, mit Christian Philipp Müller − eine permanente Installation
  • 1997: Revisionen des Abstrakten Expressionismus, mit Roger M. Buergel, Ruth Noack, Stefanie-Vera Kockot sowie Testoo® Muster, mit Fabrice Hybert und Hans Ulrich Obrist
  • 1996: Import/Export Funk Office − Digital Transformation, mit Renée Green sowie Öffentlich/Privat, mit Thomas Locher und Peter Zimmermann
  • 1995: Die Archive der Großeltern, mit Christian Boltanski und Hans Ulrich Obrist
  • 1994: The Open Public Library in Hamburg, mit Michael Clegg und Martin Guttmann sowie Services mit Andrea Fraser und Helmut Draxler

Kontakt

Foto Hannes  Loichinger, M.A.
Hannes Loichinger, M.A.
Universitätsallee 1, C5.014
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1224
hannes.loichinger@leuphana.de