Ethik im Gespräch: „Was ich als Krise erfahre, ist subjektiv!“

18.05.2026 Aus der Geschichte lernen? Ein kritischer Blick auf den Umgang mit weltweiten Krisen.

©Leuphana/Tengo Tabatadze
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„Können wir aus der Geschichte lernen, um den Krisen in der Gegenwart etwas entgegensetzen zu können?“ Mit dieser Frage führte Prof. Dr. Thomas Kück vom Institut für Ethik und Theologie (IET) ohne Umwege in das Thema ein. Der Moderator der Diskursreihe ETHIK IM GESPRÄCH hatte diesmal seinen Kollegen vom Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft (IPK), Prof. Dr. Roberto Nigro, und den Kurator der Kant-Ausstellung im neuen Kant Museum in Lüneburg, Dr. Tim Kunze, eingeladen. Gemeinsam diskutierten sie am Donnerstag, 7. Mai 2026 in Hörsaal 3 der Leuphana Universität über die kritische Funktion der Geschichte im Umgang mit weltweiten Krisen.

„Es lohnt sich, die Geschichte zu kennen“, reagierte Roberto Nigro auf die Eingangsfrage, „aber wir sind in einer Situation, in der wir merken, dass wir nichts aus ihr lernen.“ In dieser Dialektik liege eine gewisse Tragik, denn die Geschichte sei das zentrale Archiv, um unsere Kultur und Gesellschaft zu verstehen. „Geschichte zu durchsuchen, ist eine Suche nach Alternativen!“ Ob es auf dieser Suche denn wiederkehrende Muster oder strukturelle Ähnlichkeiten in Krisen gäbe, wollte Thomas Kück wissen. Ja und nein, antwortete Nigro. Wir leben zwar in einer Poly-Krisen-Gesellschaft, aber jede Krise wirke in den kapitalistischen gesellschaftlichen Klassen sehr unterschiedlich: „Das ist brutal! Was ich als Krise erfahre, ist subjektiv.“

An diesem Punkt lenkte Tim Kunze das Gespräch in eine weitere Richtung: „Der Begriff Krise wird zu inflationär benutzt.“ Der Begriff Krise könne eine Konstruktion zur Verdeckung unserer Unfähigkeit sein, mit unberechenbaren Entwicklungen umzugehen. Kunze richtete den Blick auf den Unterschied zwischen Krise und Katastrophe. Eine Krise werde gelöst und überwunden. Eine Katastrophe aber führe an ein abruptes Ende wie vor einen Abgrund. „Ist es nicht das, was mit Umwelt-Krise gemeint wird?“ Die Poy-Krisen unserer Zeit deuteten eher auf einen umfassenden Systemwandel hin. 

So thematisierte die Debatte die Unterscheidung zwischen der Unberechenbarkeit einer Entwicklung und der Wiederholung von Motiven als Funktion des Lernens aus der Geschichte. Damit leitete der Moderator zur Frage nach der kontextuellen Bedeutung von Erinnerungskultur über: „Liegt hier nicht eine große Lern- und Lehr-Aufgabe der Geschichte?“ 

Zweifellos könne es nicht genug Erinnerungskultur geben, so Nigro. Er hob die Differenzen zwischen dem Faschismus der Jahre 1933 bis 1945 und dem neuen Faschismus hervor und erklärte: „Diese Differenz muss rekonstruiert werden, um dem neuen Faschismus besser begegnen zu können!“ Tim Kunze stimmte zu. Aus der Geschichte wüssten wir, was durch Faschismus mit Demokratien passiere. Gerade deshalb seien die gegenwärtigen Entwicklungen in den USA so erschreckend. Diesen Gedanken verstärkte Thomas Kück und verwies auf die Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum, die vor dem Abbau von Demokratie auf der weltweiten Achse der Autokraten warnt und auch in den USA gefährliche Tendenzen erkennt. 

Es folgte eine rege Diskussion mit dem Publikum. Sie machte deutlich, wie wichtig die intergenerationelle Diskussion über das Lernen aus der Geschichte sei, um den aktuellen und globalen Krisen zu begegnen. „Was ist Lernen überhaupt?“, fragte ein Teilnehmer aus dem Publikum und antwortete selbst: „Wenn ich etwas nicht hinbekomme und daraus versuche, besser zu handeln.“ Dem konnten alle Anwesenden zustimmen und Thomas Kück stellte diesem Statement sein persönliches Fazit an die Seite: „Was ich aus der Geschichte weiß, verändert meine Haltung, und auch das heißt für mich Lernen.“