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Leuphana-Professorin Jordan Troeller erhält Robert Motherwell Book Award

07.10.2026 Künstlerin sein. Mutter sein. Beides. Nicht trotz, nicht oder, nicht und. Leuphana Professorin Jordan Troeller hat über Mutterschaft als künstlerische Haltung ein Buch geschrieben, ausgehend von der Künstlerin Ruth Asawa und ihrer Community von Artist-Mother. Jetzt wurde ihr Werk mit dem renommierten Robert Motherwell Book Award für herausragende Publikationen zur modernen Kunstgeschichte ausgezeichnet. Wir gratulieren! Im Interview erzählt Prof. Jordan Troeller von ihrer Motivation für das Thema und warum für sie Kunst und Bildung zusammengehören.

Buchcoverausschnitt ©Jordan Troeller
Ein Ausschnitt des Covers des ausgezeichneten Buches von Jordan Troeller. Es zeigt Ruth Asawa bei der Arbeit umgeben von ihren Kindern. Das Foto stammt von der bekannten US-amerikanischen Fotografin Imogen Cunningham, die Teil der Community rund um Ruth Asawa war.

Auf dem Cover Ihres Buches sitzt Ruth Asawa mit vier ihrer sechs Kinder in ihrem Haus und arbeitet an einem ihrer berühmten Drahtskulpturen. Die Szene strahlt eine große Ruhe aus. Die Künstlerin selbst verschwindet hinter Ihren Skulpturen. Warum haben Sie dieses Bild gewählt? 

Meine Forschung über Ruth Assawa hat tatsächlich durch die Konfrontation mit diesem Foto begonnen. Ich habe es 2017 in einem Ausstellungskatalog über Künstlerinnen im 20. Jahrhundert entdeckt und war begeistert. Mein Sohn war damals ein Jahr alt und ich habe mir gedacht, wie toll wäre es, wenn höchste künstlerische Leistung total vereinbar wäre mit Care-Arbeit. Für mich damals eine utopische Vision. 

Der Impuls für das Buch war also ein persönlicher?

Ein persönlicher und ein professioneller. Ich habe über das Bauhaus promoviert. Joseph Albers, Kunstpädagoge am Black Mountain College und wichtiger Mentor für Ruth Asawa, war vor seiner Emigration auch am Bauhaus. Seinen Einfluss auf die amerikanische Kunstpädagogik fand ich sehr spannend. 

Persönlich habe mich immer als Feministin betrachtet und war der Überzeugung, dass Frauen alle beruflichen Möglichkeiten haben. Sobald man dann schwanger ist, ein Kind zu versorgen, Care-Verpflichtungen hat, scheint alles vorher nur wie ein Spiel. Mit diesen Eingrenzungen war ich konfrontiert, aber auch damit, dass ich als Person durch diese Erfahrung gewachsen war. Als ich dann das Foto von Ruth Assawa sah, wollte ich mich unbedingt tiefer mit diesem Thema auseinandersetzen und es wissenschaftlich erfassen. 

Gab es zu diesem Thema bereits viel Forschung? 

Seit den 50er-Jahren hat sich vor allem die Literaturwissenschaft mit Mutterschaft und Kunst beschäftigt am Beispiel von Frauen wie Virginia Woolf, Tilly Olsen, Käthe Kollwitz oder Paula Modersohn-Becker. Allerdings eher marginalisiert und nicht so präsent wie das Thema in den letzten 20 Jahren in der zeitgenössischen Kunst wahrgenommen wird.

Ich habe versucht, mit diesem Buch eine Art Vorgenealogie zu schreiben. Wer war eigentlich eine der frühesten, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt? In einer Art und Weise, wo man nicht nur Mutterschaft auf der Ebene des Inhalts platziert hat, sondern Mutterschaft als künstlerische Haltung oder Methode.

Die Jury des Motherwell Book Awards würdigt genau diese Leistung Ihres Buches: Dass Sie es schaffen das Paradigma infrage zu stellen, künstlerische Arbeit sei mit dem Aufziehen von Kindern unvereinbar. Was bedeutet es für unser Verständnis von Kunst, wenn wir dieses Narrativ aufbrechen? 

Dass wir mit einem viel umfassenderen Kunstbegriff arbeiten müssen. Dass man Kunst nicht unbedingt in Museen und Kunstgalerien findet, sondern auch in der Küche, auf dem Küchentisch, im Wohnzimmer oder auch in den Schulen. Deshalb widme ich auch ein Drittel meines Buches dem kunstpädagogischen Kontext. 

Welche Rolle spielt ein solches Kunstverständnis für die pädagogische Arbeit? 

Die künstlerische Arbeit mit Kindern wird oft als am wenigsten wertvoll eingestuft. Dabei ist es eigentlich umgekehrt. Eine Persönlichkeit auszubilden ist das höchste Kunstwerk überhaupt und zugleich gesellschaftliche Leistung und Aufgabe. Deshalb gibt es auch seit mindestens 120 Jahren andere pädagogische Konzepte, wo künstlerische Tätigkeit in jeder Art von Interaktion präsent ist. Auch das Bauhaus hat in diesem Diskurs eine große Rolle gespielt. Und trotzdem stecken wir in den Schulen in alten Mustern. 

Im Buch widmen Sie sich auch Ruth Asawas Community von Artist Mothers, wie Sie sie nennen. Ein Aspekt ihres Wirkens, den Sie vorher kannten? 

Die Bedeutung ihrer Community war eine große Überraschung für mich und gleichzeitig ergibt die kollektive Arbeit total Sinn. Denn auch durch diese Gemeinschaft entsteht ein neues Paradigma von Kunst und Künstlerin. Künstlerisches Arbeiten passiert durch Austausch.

Welche Rolle nehmen Sie als Wissenschaftlerin ein, indem Sie ein Buch über ein solches Thema schreiben? 

Ich sehe meine Rolle als Storytellerin. Diese wichtige Geschichte aus der Vergangenheit nochmal sichtbar zu machen. Und ja, auch nochmal neu zu erzählen. Auch, damit man sieht, es gibt andere Möglichkeiten als was jetzt passiert. Und dieser Blick in die Vergangenheit ist manchmal noch überzeugender als Fantasien über die Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch!

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