DeepPower, die „Flat World Theory“ und die Geoökonomie von KI-Infrastrukturen
30. Juni
Das Centre for Digital Cultures (CDC) lädt Sie zum kommenden Vortrag mit Ned Rossiter (Western Sydney University) ein.
- Dienstag, 30. Juni
- 18:00 – 20:00 Uhr
- C 40.530
- Eine Anmeldung ist nicht erforderlich
- Dieser Vortrag wird auf Englisch gehalten
Ende 2024 veröffentlichte das in Hangzhou ansässige Tech-Startup DeepSeek die dritte Version seines großen Sprachmodells, und Anfang 2025 sorgte es weltweit für Schlagzeilen, was Investoren kurzzeitig verunsicherte und die Märkte erschütterte. OpenAI und konkurrierende Startups wie Perplexity AI, Stability AI und Anthropic sowie führende Tech-Unternehmen wie Google DeepMind, Salesforce und Meta AI ließen viele glauben, der Wettlauf um die KI sei bereits entschieden. Rechenzentren mit Serverracks voller Computer, die auf Nvidia-Chips laufen, waren unverzichtbar für die KI-Infrastruktur, die erforderlich war, um große Sprachmodelle mit enormen Datenmengen zu trainieren und Inferenz durchzuführen. DeepSeek baute seine Architektur auf bestehenden Trainingsdaten auf und nutzte minderwertigere Halbleitertechnologie, die nicht den US-Exportverboten unterlag. Der Einstieg von DeepSeek in den Wettstreit um KI hat sowohl die geoökonomischen Spannungen verschärft als auch die Aufmerksamkeit auf die Inferenzphase gelenkt, da sich die KI-Entwicklung vom Training hin zur Operationalisierung verlagert. Die infrastrukturellen Anforderungen dieser nächsten Phase haben weltweit zu einem raschen Anstieg des Rechenzentrumsbaus geführt, insbesondere in den USA, Europa, dem Nahen Osten und Asien.
Vor diesem Hintergrund untersucht dieser Beitrag den Zusammenhang zwischen der Operationalisierung von KI und ihrer Anwendung als Technologie der Governance. Ob es sich nun um Überwachungstechnologien für private Unternehmen und Regierungsbehörden oder um Unternehmensmanagement-Software für private und öffentliche Organisationen handelt: Die Datenauswertung verlagert den politischen Schwerpunkt von der Gewinnung und Aneignung von Wert, die mit dem Training von Datenmodellen einhergeht, hin zur Steuerung von Bevölkerungsgruppen und Dingen. Mit dem Fokus auf die Materialität von KI-Infrastrukturen betrachtet dieser Beitrag nicht nur die technologischen Voraussetzungen für neue Formen der Daten-Governance, sondern auch die sozialen, ökologischen und politischen Konsequenzen, die sich aus Machtformen ergeben, die immer tiefer in die Organisation von Arbeit und Leben eindringen. Abschließend stelle ich die Frage, ob die Medienarchitektur generativer Modelle eine Grundlage für die “Flat World Theory” bildet. Aus einer relativ einfachen Rechnerarchitektur entsteht eine tiefgreifende soziale Neuordnung der Welt nach dem Bild eines Modells. So flach wie eine Matte.
Ned Rossiter ist ein Medientheoretiker, der für seine Forschungen zu Netzwerkkulturen, logistischen Medien, Datenpolitik und der Geopolitik kritischer Infrastrukturen bekannt ist. Rossiter ist Forschungsdirektor am Institut für Kultur und Gesellschaft und Professor für Kommunikationswissenschaften an der School of Arts der Western Sydney University. Ned ist Autor von Organized Networks: Media Theory, Creative Labour, New Institutions (2006), Software, Infrastructure, Labor: A Media Theory of Logistical Nightmares (2016) und (zusammen mit Geert Lovink) Organization after Social Media (2018). Seine Schriften wurden ins Italienische, Spanische, Deutsche, Französische, Finnische, Niederländische, Chinesische, Griechische, Lettische, Ungarische, Türkische und Polnische übersetzt. Ned hat kürzlich gemeinsam mit Soenke Zehle ein Buchmanuskript mit dem Titel “Entropological Materialism: Diagnosing Anxieties of Prediction in the Cybernetic Century“ fertiggestellt und arbeitet derzeit an einem Folgeband mit dem Titel „The Logistical Episteme“.
Kontakt
- Dr. phil. Vera Tollmann