LIAS Workshop: After Utopia. Futurities and Fictions face to the Crisis of Imagination
04.–05. Nov.
Das LIAS lädt alle Interessierten herzlich ein, über die Imagination von Utopien zu diskutieren. In diesem Workshops geht es um das Potenzial der narrativen Vorstellungskraft als kritischer Ressource für die Betrachtung aktueller Krisen und möglicher Zukünfte. Gegenwärtige technologische, politische und wirtschaftliche Narrative prägen unsere Auffassung der Zukunft, während sie gleichzeitig den Geltungsbereich sozialer Alternativen schmälern. Vor dieser Diagnose einer „Krise der Vorstellungskraft“ untersuchen wir die Rolle, die Fiktion und spekulative Narrative beim Hinterfragen vorherrschender Visionen spielen können, durch die Eröffnung alternativer Denkweisen über Gesellschaft und Zukunft.
Datum: Mittwoch, 4. – Donnerstag, 5. November 2026
Ort: Campus Zentralgebäude, C40.704
Mit LIAS Alumni Adrià Alcoverro (Leuphana Universität Lüneburg), Verena Adamik (Potsdam Universität), Paula Bertúa (Universität Buenos Aires, Argentinien)
Zusammenfassung
In einem der Romane von Benjamín Labatut kommt ein anonymer Charakter in einer Bar auf Werner Heisenberg zu und konfrontiert ihn: „Wem verdanken wir diese grandiose Hölle, wenn nicht Ihnen? Sagen Sie mir Professor, wann hat es angefangen mit dem ganzen Irrsinn? Wann haben wir aufgehört, die Welt zu verstehen?“ (Benjamín Labatut, Das blinde Licht, Irrfahrten der Wissenschaft, Berlin, 2021, übers. von Thomas Brovot) Wenn diese Fragen heute dermaßen einen Nerv treffen, dann liegt das daran, dass in der Verflechtung von Politik und technozentrischen Idealen etwas ist, das ab der Moderne Wissenschaft und Fiktion mit messianischen und evolutionistischen, in Richtung utopischer Bestrebungen orientierten Vorstellungswelten verschmelzen ließ, die nur immer tiefer ins Scheitern geführt haben.
Unsere Gegenwart wird durch eine Reihe technischer Vermittlungen geprägt, die in einer kapitalistischen Weltsicht eingebettet sind: eine totalisierende Immanenz, die die Möglichkeit eines „Außen“ ausschließt. Soziale Realität wird zunehmend von Präsentismus strukturiert, aufrechterhalten durch ein Regime von Unmittelbarkeit, das den gesamten Gesellschaftskörper durchdringt und dessen Widersprüche, Kontrollmechanismen und Formen von Gewalt noch verstärkt. Dieser akzelerationistische Zustand ist rund um bestimmte westliche technozentrische Narrative organisiert, die an der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und Fiktion auftauchen. Narrative, die häufig durch evolutionäre und zukunftsweisende Annahmen untermauert werden, gekleidet in messianische Bildsprache und verwoben mit mythologischen Vergangenheiten, oft gekennzeichnet durch koloniale Nostalgie.
Innerhalb dieses Rahmenwerks nimmt der totalisierende Kapitalismus einen Präsentismus ein, der die historische Gestaltung der Gegenwart selbst untergräbt. Wettbewerb erscheint sowohl als Mittel als auch als Gegenstand von Fortschritt, bietet jedoch keine aussagekräftige Zukünftigkeit jenseits eines endlosen täglichen Kampfes, der von algorithmischer Datafizierung und quantifizierten Formen der Vollziehung bestimmt ist. Gleichzeitig bringt der Präsentismus Visionen technozentrischer Zukünfte hervor, in denen Rationalität und Messianismus zusammenlaufen, um die bestehende Welt – und damit auch den Humanismus – zu negieren, im Namen einer transhumanistischen Erhabenheit, die bestrebt ist, über Menschlichkeit und Tod selbst hinauszugehen.
Der Pfad hin zu dieser imaginierten Überwindung wird einigen wenigen anvertraut, die die Zeitlosigkeit des Kapitalismus und seiner Hierarchien begrüßen, um ihre eigene unsterbliche Permanenz zu sichern, wie die zunehmend enge Allianz zwischen den neuen rechten Bewegungen und den führenden weltweiten Tech-Eliten verdeutlicht. Die Unmittelbarkeit, die charakteristisch für den Präsentismus ist, verstärkt die soziale Gliederung noch weiter, und zwar durch – oft in offenbarungsähnlichen Begriffen ausgedrückte – Versprechen einer Zukunft, in der sowohl Humanismus als auch Zeitlichkeit im Namen eines Fortschritts, der sich der Moderne selbst zu widersetzen scheint, quasi aufgehoben werden.
Was wird also aus dem Konzept von Zukunft? Was bleibt von Utopia? Wie agieren Hierarchie, Kontrolle und Gewalt innerhalb dieser Annäherung von Präsentismus und Messianismus? Und wie kann die Fiktion uns helfen, uns Zukünfte vorzustellen, die sich von jenen unterscheiden, die vom vorherrschenden Paradigma bestimmt wurden, oder mögliche Alternativen zur aktuellen Ordnung insgesamt? Welche Art spekulativer Narrative, die auf ein „Verstehen der Welt“ abzielen, bilden sich in diesem kritischen Augenblick aus? Das sind die Fragen, denen sich dieser Workshop widmen möchte.
Teilnahme und Lektüre
Die Teilnahme ist ohne Anmeldung möglich. Für die Session mit den Autor*innen empfehlen wir folgende Lektüre:
Armen Avanessian und Daniel Falb, Planeten Denken. Hyper-Antizipation und Biografische Tiefenzeit, Leipzig: Merve, 2024.
Empfohlene Lektüre: »Introduction« (Arbeitsübersetzung ins Englische von den Autoren).
Daniel Falb, Earth Spirits. Notations on AI Animism, Hamburg: Textem Verlag, 2026.
Empfohlene Lektüre: »Intro« und »Earth Spirits II«.
Michel Nieva, Technology and Barbarism. Or, How Billionaires Will Save Us from the End of the World, aus dem Spanischen von Rahul Bery und Daniel Hahn, New York: Astra House, 2026.
Empfohlene Lektüre: »Capitalist Science ‚Fiction«, »Communist Science Fiction« und »Epilogue«
Programm
Mittwoch, 4. November 2026
Campus | Zentralgebäude C40.704
12–12.30 Uhr Begrüßung
Paula Bertúa | Verena Adamik | Adrià Alcoverro
12.30–14Uhr Writers’ Session: »Creativity and Imagination after Utopia« mit Daniel Falb und Michel Nieva
Moderation: Paula Bertúa | Adrià Alcoverro
14.30–16Uhr Session 2: »Predicting Futures«
Diana Klinger
From Swift to Hassabis: An Unorthodox History of Algorithmic Imagination
Laura Hille
NOASIS
4:30 – 5:30 p.m. Session 3: »Multitude and Heterotopias«
Roberto Nigro und Chiara Stefanoni (Gespräch)
19–21 Uhr LIAS Filmreihe Brown Girl Begins (Regie: Sharon Lewis) und Diskussion
SCALA Programmkino | Apothekenstraße 17 | 21335 Lüneburg
Adyam Tesfamariam
PostUtopia/Afrofuturism?
Respondenz: Verena Adamik
Donnerstag, 5. November 2026
Campus | Zentralgebäude C40.704
10–11.30 Uhr Session 4: »On (Dis)Imagination«
Hernán Gabriel Borisonik
Owning the Future? Standardisation and the Regime of Disimagination
Adrià Alcoverro
The Image of Futurization Without Image: The Fabrication of Transcendence from Popular Culture to the Extreme Right
12–13.30 Uhr Session 5: »Structures of the Future«
Maddalena Fragnito
The Privatisation of Futurity: Preparedness, Tech Elites, and the Crisis of Imagination
Ezequiel Gatto
Moving Image: Post-utopia, Orientation, and Political Inventiveness
15–16.30 Uhr Keynote
Gregory Claeys
The ‘Failure’ of Utopianism
Respondenz: Verena Adamik
17–19 Uhr Session 6: »Alternative Times for Other Utopias«
Verena Adamik
Utopia on Neither Side: Afrofuturism and White Supremacist Propaganda in Early 20th Century USA
Paula Bertúa
»This Is a Transmission from a Future That Will Not Happen«: Unsettling Futures in Contemporary Latin American Cultures
Egidijus Mardosas
Utopia Against Progress: Reading Abensour and Le Guin in the Anthropocene
Mitwirkende
Adrià Alcoverro, Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland
Verena Adamik, Universität Potsdam, Deutschland
Paula Bertúa, Universität Buenos Aires, Argentinien
Hernán Gabriel Borisonik, Universität San Martín, Argentinien
Gregory Claeys, Royal Holloway, University of London, Vereinigtes Königreich
Daniel Falb, Berlin, Deutschland
Maddalena Fragnito, LIAS, Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland
Ezequiel Gatto, Universität Rosario, Argentinien
Laura Hille, Universität Siegen, Deutschland
Diana Klinger, Fluminense Federal University, Brasilien
Egidijus Mardosas, Universität Vilnius, Litauen
Michel Nieva, New York, USA
Roberto Nigro, Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland
Chiara Stefanoni, Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland
Adyam Tesfamariam, Berlin, Deutschland
Anfragen und Kontakt:
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