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Veranstaltungen von M.A. Matthias Spekker


Lehrveranstaltungen

Politische Theorie und Ideengeschichte: Das Denken der Aufklärung in der Diskussion (Seminar)

Dozent/in: Matthias Spekker

Termin:
14-täglich | Freitag | 12:15 - 15:45 | 08.04.2022 - 08.07.2022 | C 5.311

Inhalt: Unter der Bezeichnung Aufklärung formierte sich in Europa seit dem Ende des 17. Jh. als historische Epoche ein fundamentaler Aufbruch in nahezu allen kulturellen und (gesellschafts-)politischen Bereichen. Erkenntnistheorie und politische Philosophie, auch Teile der Theologie, sowie Kunst, Literatur und nicht zuletzt die Naturwissenschaften: In ihnen allen wurden zunehmend Stimmen tonangebend, die rational überprüfbares Wissen und Bildung an die Stelle dogmatischer Glaubenssätze und der Autorität von Traditionen setzen, den Verstand zum Maßstab objektiver Erkenntnis wie menschlichen Handelns machen und auch die gesellschaftliche und politische Ordnung den Gesetzen der Vernunft unterwerfen wollten; die religiöse Toleranz, Menschen- und Bürgerrechte, Gewaltenteilung und individuelle Freiheit postulierten. Ihren praktisch-politischen Ausdruck sollte die Aufklärung einerseits – in gemäßigterer Form – etwa in der konstitutionellen Monarchie Großbritanniens im Zuge der sog. ‚Glorious Revolution‘ und zeitweise unter dem ‚aufgeklärten Absolutismus‘ Preußens unter Friedrich II., andererseits in den bürgerlichen Revolutionen Amerikas (1776) und schließlich Frankreichs (1789 ff.) finden, wo sie als Epoche zugleich insofern an ihr Ende gelangte, als hier wesentliche ihrer Prinzipien die Revolution motivierten und in Form einer neuen, modern-bürgerlichen Gesellschaftsordnung umgesetzt wurden, sich z.T. aber auch in den Auswüchsen des jakobinischen ‚terreur‘ niederschlugen. Die Aufklärung wurde von Anfang an bekämpft von einem explizit gegenaufklärerischen, Tradition und Autoritarismus, Geburtsvorrecht und Ungleichheit verteidigenden Konservatismus. Doch auch von progressiver Seite wurden immer wieder Stimmen laut, die, innerhalb des Aufklärungsdiskurses selbst, dessen teilweise abstrakten Formalismus oder auch dessen eigenen Traditionalismus – etwa in Hinblick auf die Frage der Gleichstellung von Frauen – kritisierten. Beide Fäden der Aufklärungskritik – der gegenaufklärerisch-reaktionären wie der aufklärungsimmanenten, emanzipatorischen – sind seither nicht abgerissen, sondern wurden unter dem Eindruck veränderter historisch-politischer Dringlichkeiten immer wieder neu- und weitergesponnen, wobei sie sich – um im Bilde zu bleiben – bisweilen auch auf eigentümliche Weise verheddert haben. Im Seminar soll daher die Diskussion um die Aufklärung anhand von Texten untersucht werden, die sich zu unterschiedlichen Zeiten aus je unterschiedlichen Motiven kritisch mit der Aufklärung auseinandergesetzt haben: Texte aus der genuinen Aufklärungsepoche; Theorien aus dem 19. Jh., die die Aufklärung und v.a. die auf ihren Werten aufbauende bürgerliche Gesellschaft radikal über sich hinaustreiben wollten; Erklärungsansätze, die das Versinken des vermeintlichen historischen Fortschritts in den Menschheitsverbrechen des 20. Jh. auf sehr unterschiedliche Weise und mit sehr unterschiedlichen Zielen in einen Zusammenhang mit den Prinzipien der Aufklärung selbst zu bringen versuchten; schließlich aktuellere Interventionen, die eine Rückbesinnung auf wichtige Impulse der Aufklärung fordern, aber auch Debatten, die den epistemischen Horizont der Aufklärung problematisieren, sie bisweilen gar als Legitimationsideologie europäischer Dominanz verwerfen.