Studie: Jede fünfte Schulleitung in Deutschland möchte den Arbeitsplatz wechseln

23.06.2020 In Deutschland beabsichtigt jede fünfte Schulleitung, ihren Arbeitsplatz zu wechseln. Dies zeigt eine für Deutschland repräsentative Studie zu den Karrieren von Schulleitungen, die gemeinsam von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Lüneburg, Tübingen und der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz durchgeführt wurde.

Lüneburg/Tübingen/Windisch. Deutschlandweit sind derzeit etwa 1.000 Schulleitungsstellen unbesetzt, insbesondere an Grundschulen. Vor diesem Hintergrund zeigt die Studie Leadership in German Schools (LineS2020), dass darüber hinaus eine Vielzahl an Schulleitungen (20%) beabsichtigt, den Arbeitsplatz zu wechseln. Insbesondere an Haupt- und Realschulen (24%) sowie an Grundschulen (23%) ist die Wechselbereitschaft hoch. Grund für einen beabsichtigten Arbeitsplatzwechsel ist für mehr als die Hälfte der wechselwilligen Schulleitungen der Wunsch nach beruflicher Entwicklung (52%), aber häufig auch eine als unangemessenen erachtete Bezahlung (44%) oder ein erlebter Mangel an Unterstützung (31%).

"Die gute Nachricht ist, dass Schulleitungen in Deutschland mit ihren Karrieren insgesamt zufrieden sind und Freude an ihrer Arbeit haben. Die schlechte Nachricht ist, dass sie im Arbeitsalltag kaum Zeit dafür finden, Schulen fit für die Zukunft zu machen", so Privatdozent Dr. Marcus Pietsch, der die Studie an der Leuphana Universität Lüneburg betreut. „Die Konsequenzen sehen wir jetzt, da bundesweit die Schulen geschlossen wurden und viele Schulen kaum in der Lage waren, ihren Unterricht den neuen Gegebenheiten anzupassen.“

Die Befragung hat gezeigt, dass die Gründe für die Berufswahl und die Arbeitsrealität von Schulleitungen weit auseinanderklaffen: So geben fast alle Schulleitungen in Deutschland an, sich für diese Tätigkeit entschieden zu haben, um neue Ideen entwickeln und erproben zu können (93%). Die meiste Zeit verbringen sie jedoch mit Tätigkeiten, die einen reibungslosen Ablauf des Alltagsgeschäfts an Schulen sicherstellen sollen (67%). Zeit für die Entwicklung neuer Ideen und die Umsetzung von Innovationen haben Schulleitungen hingegen kaum (16%).

Gleichwohl haben die meisten Schulleitungen in Deutschland Freude an ihrer Arbeit (95%) und erleben ihre Tätigkeit als inspirierend (88%). Dennoch berichtet über die Hälfte der Schulleitungen (53%) von Stress aufgrund von Arbeitsüberlastung. Rund jede vierte Schulleitung empfindet weiterhin ein Missverhältnis von beruflicher Verausgabung einerseits und beruflicher Entlohnung durch Einkommen und Anerkennung andererseits (berufliche Gratifikationskrise, 24%). Bei etwa jeder sechsten Schulleitung (16%) finden sich darüber hinaus Hinweise auf ein Burnout.
Das Forschungsteam hat eine ergänzende Studie zu Schulleitungen in der Corona-Krise durchgeführt, um zu klären, wie Schulleitungen in Deutschland ihre Schulen durch die Krise führen und welche Faktoren dazu beitragen das Lernen von Schülerinnen und Schülern in Zeiten geschlossener Schulen sicher zu stellen.

"Erste Analysen deuten darauf hin, dass die Schulen während der Zeit der bundesweiten Schulschließungen, etwa jede*n dritte Schüler*in nicht regelmäßig (mindestens 1-mal pro Woche) erreicht haben. Besonders auf dem Land scheint es problematisch gewesen zu sein, einen regelmäßigen Kontakt herzustellen; hier wurde anscheinend sogar jede*r zweite Schüler*in nicht regelmäßig erreicht. Jedoch zeigt sich auch, dass es an Schulen, an denen bereits es in der Zeit vor Corona eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Schulleitung und Bildungsadministration (Schulaufsicht) gab, die Chance Schüler*innen regelmäßig zu erreichen, deutlich höher war."

Weitere Ergebnisse der Folgebefragung werden im Laufe des Jahres veröffentlicht.

Zum Hintergrund der Studie
Ziel der Studie Leadership in German Schools (LineS2020) war es u.a. heraus zu finden, aus welchen Gründen Personen Schulleiterinnen oder Schulleiter werden wollen (oder nicht), in wie weit und aus welchen Gründen sie einen Arbeitsplatzwechsel in Betracht ziehen und in welchem Maße dies einen Einfluss darauf hat, Schulen in Deutschland fit für die Zukunft zu machen. Grundlage der Studie Leadership in German Schools (LineS2020) ist ein für Deutschland repräsentativer Datensatz (n = 405) zu Schulleitungen an allgemeinbildenden Schulen, der über den Felddienstleister forsa GmbH von Oktober bis November 2019 mithilfe einer Online-Befragung erhoben wurde. Das Projekt nutzt ein Messwiederholungsdesign, um die teilnehmenden Schulleitungen wiederholt zu befragen. Eine erste Folgeerhebung wurde während der bundesweiten Schulschließungen, im April und Mai 2020, realisiert. Verantwortet wird die Studie von Forschenden an den Universitäten Lüneburg (PD Dr. Marcus Pietsch) und Tübingen (Prof. Dr. Colin Cramer, Dr. Jana Groß Ophoff) sowie von der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (Prof. Dr. Pierre Tulowitzki).

Bericht und Grafiken zum Download

Ein Kurzbericht zur Studie mit weiterführenden Informationen und Grafiken zur Weiterverwendung stehen zum Download bereit unter: www.doi.org/10.17605/OSF.IO/GNCFU