Neues Projekt untersucht Beratungsangebote zu Rassismus im Schulalltag
08.06.2026 Im Forschungsprojekt „ProADiS – Antidiskriminierungsberatung im Kontext Schule“ untersuchen Prof. Dr. Ellen Kollender und Christina Biel erstmals umfassend außerschulische Beratungspraktiken und -strukturen für betroffene Familien.
©Leuphana/Tengo Tabatadze
Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen prägen den Alltag vieler Menschen in Deutschland. Dies gilt insbesondere für den Bildungsbereich: Allein die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verzeichnete hier 2024 mehr als 550 Beschwerden. „Rassismus im Schulalltag hat viele Gesichter“, erklärt Prof. Dr. Ellen Kollender, Juniorprofessorin für Inklusion und Diversität. „Er äußert sich nicht nur in Form von offenen Beleidigungen und schlechteren Bewertungen, sondern auch subtil über geringere Leistungserwartungen, fehlende Nachteilsausgleiche oder stigmatisierende Darstellungen in Schulbüchern.“
Ein Grund, warum diese Formen von Rassismus oft unbearbeitet bleiben, sind rechtliche Schutzlücken in Landes- und Schulgesetzen. Zudem fehlen verbindliche Vorgaben zum Umgang mit Diskriminierung an Schulen, wie die Forscherin beschreibt: „Eltern und Schüler*innen, die sich gegen Diskriminierung zur Wehr setzen wollen, stoßen immer wieder an Grenzen. Von ihnen in der Schule geäußerte Diskriminierungserfahrungen werden oft nicht ernst genommen oder anderweitig zurückgewiesen“, erläutert Ellen Kollender. Gerade außerschulische Beratungs- und Unterstützungsangebote spielen deshalb eine große Rolle.
Wie die Mitarbeitenden solcher Beratungsstellen Ratsuchende unterstützen, sich professionalisieren und welche Erfahrungen sie im Kontext Schule machen, steht zunächst im Fokus des Forschungsprojekts. Derzeit finden erste Interviews mit Beratenden in Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen statt. Bei der Auswertung der Interviews werden auch die jeweiligen gesellschaftspolitischen und rechtlich-administrativen Bedingungen berücksichtigt. „In Bundesländern wie Berlin sind Antidiskriminierungsstrukturen aufgrund beharrlicher zivilgesellschaftlicher Auseinandersetzungen schon stärker etabliert“, berichtet Ellen Kollender. „Es gibt aber auch Bundesländer, in denen Antidiskriminierungsberatung erst aufgebaut wird und bekannt gemacht werden muss.“
In einem zweiten Schritt werden die Beratungserfahrungen und Bedarfe von Schüler*innen und Eltern untersucht: „Zum Teil kommen Personen nicht mit der klaren Aussage ‚Ich habe Rassismus erlebt‘ in die Beratung, sondern mit einem Gefühl, dass etwas nicht stimmt“, erklärt Christina Biel. „Gerade weil Beschwerden über Rassismus in der Schule oft bagatellisiert werden, können außerschulische Beratungsstellen dabei helfen, Erfahrungen einzuordnen und die Perspektiven der Ratsuchenden zu stärken.“ Es kommen aber auch Personen in die Beratung, die insbesondere über konkrete Handlungsoptionen bei rassistischer Diskriminierung sprechen wollen. Dazu gehört das Führen von Gesprächen mit den Schulen, das Erbitten von Stellungnahmen oder das Verfassen von Beschwerdebriefen.
Durch das Zusammenführen der beiden Perspektiven zielt das Projekt auch darauf ab, aktuelle Herausforderungen und Konfliktfelder in der Beratungsarbeit zu identifizieren. „Angesichts erstarkender rechter Diskurse und deutlicher Kürzungen in der Demokratieförderung berichten Mitarbeitende zivilgesellschaftlicher Beratungsstellen von einer wachsenden Delegitimierung ihrer Arbeit und prekären Finanzierungsbedingungen“, so Christina Biel.
Begleitet wird das Projekt von einem Expert*innen-Beirat aus Praxis und Zivilgesellschaft. „Uns ist wichtig, Wissenschaft und Praxis eng zu verzahnen. Der Beirat hilft uns, unsere Forschung zu reflektieren, Kontakte herzustellen und auch forschungsethische Fragen zu klären“, erklärt Ellen Kollender.
In der Studie sollen neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch Materialien für die Praxis entwickelt werden. Dazu gehören Lehrkonzepte für die Ausbildung angehender Berater*innen sowie Empfehlungen für eine multiprofessionelle, diskriminierungskritische Schulentwicklung.
Das Projekt läuft bis 2028 und wird vom MWK Niedersachsen mit rund 250.000 Euro gefördert.
Kontakt
- Prof. Dr. Ellen Kollender