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Promovieren: Dr. Gernot Preusser – Vertraute Klänge, neue Welten

02.07.2026 Die Musik großer Kinofilme klingt oft vertraut – selbst dann, wenn die Bilder neu sind. Warum das so ist und die Filmmusik zugleich moderne Mythen formt, zeigt die Dissertation von Dr. Gernot Preusser und erklärt auch, wie sich diese Kunstform aktuell transformiert. Die Monographie zu romantischen Traditionslinien in der Filmmusik des 21. Jahrhunderts erschien jetzt als Open-Access bei De Gruyter.

Wenn die Aliens in „Avatar“ auf Fabelwesen durch die Lüfte rasen, erklingen dazu stilisiert ‚ethnisch‘ wirkende Trommeln und Chöre, die kulturelle Fremdheit markieren. Der Soundtrack von „Ben Hur“ nutzt stereotype „orientalische“ Klangbilder. Für „Herr der Ringe“ komponierte Howard Shore fast leitmotivisch: „Die Art, wie Musik Figuren oder „Völker“ charakterisiert, folgt noch immer Prinzipien wie Leitmotivik und musikalischer Charakterisierung, die stark von Richard Wagner geprägt sind“, erklärt Dr. Gernot Preusser. In seiner Dissertation untersuchte er, wie Filmmusik aktiv zur Konstruktion moderner Mythen und zur Stabilisierung narrativer Weltmodelle beiträgt. 

Während die Geschichte der europäischen Kunstmusik von großen Brüchen betroffen ist, prägt die Vergangenheit die Filmmusik: „Zentrale Techniken und Denkmodelle der Romantik sind bis heute wirksam und wurden in neue mediale Kontexte übertragen“, erklärt Gernot Preusser. Besonders deutlich wird das bei Komponisten wie Wagner, dessen Einfluss bis in moderne Soundtracks hineinreicht. Aber auch Puccini, Richard Strauss oder Rimski-Korsakow sind einflussreich.

Problematisch: Oft unbewusst greift Filmmusik bis heute auf historisch gewachsene ‚exotische‘ Klangmuster zurück, die kulturelle Differenz markieren und häufig vereinfachen. Diese Praxis lässt sich bis in die Musik der Romantik zurückverfolgen und wurde über Jahrzehnte hinweg fortgeschrieben. Bekannte Beispiele aus der Opernwelt sind „Madame Butterfly“ oder „Aida“. Beide sind stark von klischeehaften Exotismen geprägt – für Asien und Ägypten.

Doch das Bewusstsein für diese Schieflage wächst: „Seit den 2010er-Jahren sieht man deutlich, dass Komponist*innen reflektierter mit stereotypen Darstellungen umgehen und damit der aktuellen gesellschaftlichen Debatte Rechnung tragen – dennoch verschwinden sie nicht, sondern werden oft neu kontextualisiert“, erklärt Gernot Preusser. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Film „Dune“ mit Musik von Hans Zimmer. Hier wird die Perspektive bewusst verschoben: „Das vermeintlich Fremde wird zum Ausgangspunkt der Erzählung, während traditionelle westliche Klangbilder hinterfragt werden“, beschreibt der Musikwissenschaftler.

Auch methodisch spiegelt die Arbeit den Gedanken der Transformation wider. Statt sich allein auf klassische Notenanalyse zu verlassen, kombinierte der Forscher verschiedene Ansätze: qualitative Interviewanalysen mit Filmkomponisten, Musikanalysen von Soundtracks und detaillierte Untersuchungen einzelner Filmszenen.

Unter anderem wegen der Interdisziplinarität war der Weg an die Leuphana Universität Lüneburg für den Promovenden kein Zufall. Gernot Preusser studierte an der Universität zu Köln Musikwissenschaft. Nach mehreren Jahren in der Musik- und Medienbranche entwickelte er die Idee für ein Promotionsthema. Entscheidend war schließlich der Austausch mit Prof. Dr. Michael Ahlers, Professor für Musikdidaktik mit dem Schwerpunkt Popularmusik: „Er stand besonders meiner Idee offen, eine historische Perspektive mit aktuellem Bezug zu verbinden“, erklärt Gernot Preusser. 

Der Familienvater promovierte berufsbegleitend. „Durch die flexible Struktur des Promotionsstudiums war das möglich und die Betreuung war engmaschig “, erinnert er sich. Die Leuphana erlebte er als einen Ort, an dem Forschung nicht isoliert stattfindet, sondern stark mit gesellschaftlichen Fragen verknüpft wird: „Hier wird interdisziplinär gearbeitet und immer gefragt, welche Relevanz Forschung für die Gegenwart hat.“

Gefördert wurde die Publikation „Romantik in der Filmmusik zwischen 2010 und 2019“ durch den niedersächsischen Open-Access-Publikationsfonds „NiedersachsenOPEN“ sowie den Publikationsfonds des Medien- und Informationszentrums (MIZ) der Leuphana.

Kontakt

  • Prof. Dr. Michael Ahlers