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Psychologie der Schadenfreude: Rote Karte für Donald Trump

08.07.2026 Beim Sieg des US-Teams über Bosnien-Herzegowina sah Torjäger Folarin Balogun die Rote Karte nach einem Foul – und wurde FIFA-regelgerecht für das nächste Spiel gesperrt. US-Präsident Trump telefonierte mit FIFA-Boss Gianni Infantino und nur wenige Stunden später setzte die FIFA die Rotsperre wieder aus. Am Ende gewann das belgische Team im Achtelfinale haushoch mit 4:1. Die Häme im Netz fällt ähnlich deutlich aus. Warum Schadenfreude unser Gerechtigkeitsempfinden wieder ins Gleichgewicht bringt, erklärt Prof. Dr. Lea Boecker, Juniorprofessorin für Psychologie im Interview.

©Leuphana/Brinkhoff/Mögenburg
"Die USA hat gleich doppelt verloren – auf dem Fußballplatz und moralisch", sagt Prof. Dr. Lea Boecker.

Ist die Reaktion auf das Endergebnis des Spiels USA gegen Belgien ein Paradebeispiel für Schadenfreude?

Ja, das lässt sich so zusammenfassen. Viele hatten sich schon vor dem Spiel auf die Seite des belgischen Teams gestellt. Diese Entscheidung hat viel mit einem grundlegenden Gerechtigkeitsgefühl zu tun: Wir wünschen uns, dass es in der Welt fair zu geht. Gerade im Sport erwarten wir, dass für alle dieselben Regeln gelten. Als die rote Karte zurückgenommen wurde, entstand bei vielen der Eindruck einer Machtverschiebung. Entsprechend groß war die Sympathie für Belgien. Nun ist die Häme in den sozialen Medien riesig.

Ihr Forschungsgebiet ist die Schadenfreude. Wie haben Sie sich nach dem Spiel gefühlt?

Ganz ehrlich, ich war ob des Ergebnisses auch ein bisschen schadenfroh.

Warum empfinden Menschen überhaupt Schadenfreude?

In meiner Forschung untersuche ich vier zentrale Emotionen: Schadenfreude, Mitleid, Mitfreude und Neid. Dabei zeigt sich immer wieder, dass Menschen ein starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit haben. Wenn jemand, der bislang benachteiligt war, Erfolg hat, freuen wir uns eher mit ihm. Personen oder Gruppen, die wir als überlegen empfinden, gönnen wir weniger. Donald Trump wird als sehr dominant wahrgenommen. Sein Plan ist nicht aufgegangen. Das US-Team hat trotz Aufhebung der Rotsperre verloren. Dieses Ergebnis löst bei den Menschen Schadenfreude aus und stellt ein gewünschtes Gefühl wieder her: Es geht doch in der Welt gerecht zu; alles ist mit Macht und Einfluss nicht zu erreichen. Der sportliche Misserfolg der US-Mannschaft wurde als eine Art symbolischer Ausgleich empfunden.

Hat Schadenfreude also auch sehr viel mit Moral zu tun?

Oh, ja. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Gefühl von Verdientheit. Wenn Menschen den Eindruck haben, jemand habe sich einen Vorteil auf unfaire Weise verschafft oder Erfolg nicht verdient, entsteht leichter Schadenfreude.

Warum ist gerade Fußball ein so emotionaler Sport?

Es gibt Rivalität, Wettbewerb und eine klare Gewinner-Verlierer-Struktur. Die Fans identifizieren sich durch Trikot-Farben, Fahnen und nationale Symbole mit ihresgleichen und unterscheiden sich gleichzeitig deutlich vom Gegner. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit verstärkt Emotionen wie Neid oder Schadenfreude erheblich.

Interessanterweise haben sich kleine Nationen in der Vorrunde in die Herzen vieler Fans gekickt. Warum gönnen wir gerade Underdogs den Erfolg?

Interessanterweise gibt es im Deutschen keinen etablierten Begriff für die Freude über das Glück anderer als Gegenstück zur Schadenfreude. Ich nutze in meiner Forschung deshalb den Begriff Mitfreude. Die kleinen Mannschaften sind uns oft sympathisch, weil wir sie als benachteiligt wahrnehmen. Mit einem Underdog können wir uns leichter identifizieren und empfinden eher Mitleid, wenn diese Teams verlieren.

Konnte das US-Team also eigentlich gar nicht gewinnen?

Ja, das kann man so sehen: Hätte die amerikanische Mannschaft gesiegt, wäre Trumps politischer Eingriff erneut Thema gewesen und der Sport in den USA möglicherweise nachhaltig beschädigt. Nun, nach der Niederlage der Amerikaner folgten Spott und Häme. Also haben die USA gleich doppelt verloren – auf dem Fußballplatz und moralisch.

Vielen Dank für das Gespräch!
 

  • Prof. Dr. Lea Boecker