Nachhaltigkeit und Sport – Potenziale und Widersprüche
13.07.2026 Rund um die WM 2026 verspricht die FIFA grünen Fußball. Studien zeichnen ein anderes Bild. Gleichzeitig arbeiten Clubs und Ligen zunehmend mit Nachhaltigkeitsexpert*innen zusammen, aktuell z.B. im Rahmen eines Abschlussworkshops des berufsbegleitenden MBA Sustainability Management mit der Fußballliga. Prof. Dr. Stefan Schaltegger und Benjamin Sachs vom Centre for Sustainability Management (CSM) erklären: Welches Potenzial hat der Sport für eine nachhaltige Transformation und wo sind die blinden Flecken? Ein Gespräch über gesellschaftliche Ver-antwortung, Greenwashing und die Frage, ob echter Wandel im Profifußball strukturell überhaupt möglich ist.
©Anna Michalski
Die FIFA hat sich ambitionierte Nachhaltigkeitsziele gesetzt, gleichzeitig prognostizieren Studien, die WM 2026 könnte die klimaschädlichste aller Zeiten werden. Wie passt das zusammen?
Stefan Schaltegger: Grundsätzlich können ambitioniert formulierte Nachhaltigkeitsziele und -strategien ernsthaft ehrgeizige Absichten (im Sinne eines „Aspirational Talk“) widerspiegeln wie auch den Versuch, gesellschaftliche Kritik vordergründig abzuwehren. Im ersten Fall geht es darum, die eigene Organisation und wichtige Stakeholder zu motivieren und Handlungen vieler Akteure auf das schwierig zu erreichende, ambitionierte Ziel auszurichten. Im zweiten Fall handelt es sich um Greenwashing, das oft auf der Annahme beruht, geäußerte oder potenzielle Kritik sei vorübergehend. Der Unterschied lässt sich an der Ernsthaftigkeit der Bemühungen und der tatsächlichen Umsetzung erkennen.
Was liegt in Ihrer Einschätzung nun bei der FIFA WM 2026 vor?
Stefan Schaltegger: Ernsthaftes Nachhaltigkeitsmanagement achtet auf eine Übereinstimmung von Formulierung und Umsetzung ambitionierter Nachhaltigkeitsziele. Strukturelle Voraussetzungen dieser WM verdeutlichen, dass keine solche Übereinstimmung besteht und dass dies die klimaschädlichste Fußball-WM aller Zeiten werden dürfte. Die WM 2026 ist gegenüber früheren Turnieren erheblich gewachsen: Statt 32 nehmen 48 Mannschaften teil und statt 64 werden 104 Spiele ausgetragen, verteilt über drei Länder mit enormen Distanzen zwischen den Austragungsorten. Allein dadurch steigen die verkehrsbedingten Emissionen von Teams, Fans, Medien und weiteren Beteiligten erheblich. Solche strukturellen Faktoren lassen sich durch einzelne Nachhaltigkeitsmaßnahmen kaum ausgleichen.
Benjamin Sachs: Eine Studie der Organisation „Scientists for Global Responsibility“ schätzt, dass die WM 2026 über neun Millionen Tonnen CO2 verursachen wird. Die wäre doppelt so viel wie der Durchschnitt der letzten vier Weltmeisterschaften und entspräche den jährlichen Emissionen von 6,5 Millionen Autos mit Verbrennungsmotor.
Wie könnte eine nachhaltige WM denn aussehen?
Stefan Schaltegger: Die entscheidende Frage lautet, wie eine Weltmeisterschaft innerhalb der planetaren Grenzen organisiert werden kann und gleichzeitig einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leistet. Dies zu organisieren ist eine immense Herausforderung. Wesentliche Ansatzpunkte dafür gibt es jedoch bereits: Erstens die Standortwahl, d.h. kurze Distanzen zwischen den Austragungsorten und kürzere Reisewege durch eine intelligentere Turnierplanung. Zweitens, Organisator*innen können bestehende Infrastruktur nutzen statt neue Stadien zu bauen. Drittens, ist eine nachhaltige Verkehrsanbindung wichtig; dafür müssen nachhaltige Mobilitätskonzepte aufgebaut und genutzt werden. Und viertens braucht es ein anderes Stadionmanagement – von Zirkularität bei Baumaterialien und Catering bis hin zum Merchandising.
Soziale Aspekte gehören ebenso dazu: Wirksame Konzepte existieren, die Organisator*innen ermöglichen, Menschenrechte konsequent zu berücksichtigen, Sorgfaltspflichten entlang der gesamten Lieferketten einzuhalten und Gewalt in und um Stadien zu verhindern.
Sport hat eine enorme gesellschaftliche Strahlkraft. Welchen Beitrag kann Fußball nachhaltiger Entwicklung leisten?
Benjamin Sachs: Als eine der weltweit populärsten Sportarten verfügt der Fußball über ein erhebliches Potenzial, nachhaltige Entwicklung zu unterstützen. Gelingt es dem Fußball selbst, die erheblichen Nachhaltigkeitsherausforderungen im Fußballbetrieb vorbildlich zu managen, dann kann er ein wichtiges Vorbild sein. Nachhaltigkeitsentscheidungen im Fußball können sich weit über den Sport hinaus auswirken und das Handeln von Fans, Sponsoren, Unternehmen und mitunter sogar politische Entwicklungen prägen.
Der Fußball kann zudem ein wichtiger Multiplikator für die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals) sein. Millionen Menschen orientieren sich an den Aktivitäten von Fußballclubs und ihren Spieler*innen. Wenn Clubs Nachhaltigkeit glaubwürdig und konsequent in ihrem Kerngeschäft verankern und ihr Handeln an den SDGs ausrichten, setzen sie einen starken Impuls.
Sie führen gerade einen Abschlussworkshop des MBA Sustainability Management mit der Bundesliga durch. Was nehmen die Studierenden und Sie aus dieser Zusammenarbeit mit?
Stefan Schaltegger: Der Abschlussworkshop zählt zu den Höhepunkten des MBA Sustainability Management und ermöglicht Theorie-Praxis-Transfer in beide Richtungen. Studierende erarbeiten wissenschaftliche fundierte Ansätze für reale Herausforderungen aus der Praxis der Deutschen Fußball Liga (DFL) – jetzt „Bundesliga“.
Seit der Saison 2023/24 ist eine Nachhaltigkeitsrichtlinie fester Bestandteil des Lizenzierungsverfahrens im deutschen Profifußball. Damit nimmt die Bundesliga international eine Vorreiterrolle ein und macht deutlich, dass Nachhaltigkeit kein ‚Add-on‘ oder ‚Nice to have‘ ist, sondern ein grundlegendes Leitprinzip, das strategische Entscheidungen und operatives Handeln gleichermaßen prägen muss. Gleichzeitig ist klar, dass der eingeschlagene Weg noch längst nicht abgeschlossen ist. Auch die Bundesliga und ihre Clubs müssen die Nachhaltigkeitstransformation konsequent weiter vorantreiben. Dass unsere Studierenden diesen Transformationsprozess mit fundierten Lösungsansätzen unterstützen können und die Bundesliga diesem Austausch offen und interessiert begegnet, stimmt uns zuversichtlich.
Für die Studierenden ist das Format eine intensive Bewährungsprobe und für die Kooperationspartner*innen eine Innovationschance. Und wir lernen weiter von den Herausforderungen der Vereine und können Weiterbildungsangebote zusammen mit der Bundesliga weiterentwickeln. In den letzten Jahren haben wir bereits Vertreter*innen aller Erst- und Zweitliga-Vereine im Nachhaltigkeitsmanagement weitergebildet.
In der Praxis sehen wir bunte Logos, Klimapartnerschaften, Trikots aus Recyclingmaterial, doch wann wird Nachhaltigkeit im Sport mehr als Symbolik?
Benjamin Sachs: Auf Unternehmensebene beobachten wir immer wieder, dass Nachhaltigkeit auf ein reines Kommunikationsthema verkürzt wird. Nehmen wir die SDGs: In der Praxis sehen wir häufig ein sogenanntes ‚SDG-Picking‘. Organisationen wählen einzelne der 17 Ziele aus, die augenscheinlich gut zur eigenen Außendarstellung passen, ohne sich mit den dahinterliegenden 169 Unterzielen (Targets) auseinanderzusetzen. Gerade dort wird jedoch deutlich, welche konkreten Beiträge eine Sportorganisation tatsächlich leisten kann, wo Zielkonflikte bestehen und wie Nachhaltigkeit strategisch im Kerngeschäft verankert werden kann. Wenn man die SDGs ernst nimmt, bieten sie einen Orientierungsrahmen für echte Transformation und sind weit mehr als ein Kommunikationsinstrument.
Sportorganisationen stehen unter enormem kommerziellem Druck – Sponsoren, TV-Gelder, Wachstumserwartungen. Ist echte Nachhaltigkeit im Profifußball überhaupt möglich?
Stefan Schaltegger: Ja, aber sie erfordert einen Perspektivwechsel. Nachhaltigkeit darf nicht nur als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern als Voraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz und Chance für Erfolg. Nachhaltigkeit kann dann eine Chance sein, wenn sie fester Bestandteil des Geschäftsmodells wird. Einzelne Projekte oder Kampagnen können wichtige Impulse liefern. Entscheidend ist jedoch, inwieweit Nachhaltigkeit systematisch in das Kerngeschäft – Investitionen, Beschaffung, Infrastruktur oder Sponsoring – integriert wird. Nachhaltige Sportorganisationen richten ihr Kerngeschäft so aus, dass es dauerhaft einen positiven Beitrag für Umwelt und Gesellschaft leistet. Ein solches Verständnis setzt voraus, dass das bestehende Geschäftsmodell und die grundlegende Ausrichtung der Sportorganisation reflektiert und gegebenenfalls neu gedacht werden.
Benjamin Sachs: Die Bundesliga hat mit ihren verpflichtenden Nachhaltigkeitskriterien gezeigt, wie Dachorganisationen Veränderungen im Sport anstoßen können. Gleichzeitig braucht es qualifizierte Mitarbeitende, die Nachhaltigkeit strategisch steuern können. Deshalb haben wir an der Leuphana neben dem MBA Sustainability Management das Zertifikatsprogramm "Nachhaltigkeitsmanagement im Sport und in Sportorganisationen" ins Leben gerufen, um die Arbeit im Sportbusiness und in Sportorganisationen verantwortungsvoll und zukunftsorientiert mitzugestalten.
Was wäre Ihr konkreter Appell an Sportorganisationen, Verbände – und an Fans – für eine nachhaltigere Zukunft des Sports?
Stefan Schaltegger: Fokussieren Sie im ersten Schritt auf nachhaltige Fanmobilität und das Schaffen eines Klimas multikulturellen Zusammenlebens im und um das Stadion – statt Gewalt. Das sind wichtige, pragmatische Ansatzpunkte. Dann können Sportverbände klare, ambitionierte Umwelt- und Sozial-Standards setzen, Vereine Nachhaltigkeit im Trainingsbetrieb konsequent umsetzen und ihre Mitglieder damit begeistern. Damit kann eine Wirkungskette ausgelöst werden, bei der Fans nachhaltige Angebote nutzen und zu einer Gesellschaft und Wirtschaft beitragen, bei der Leistung, sozialer Zusammenhalt und Handeln im Rahmen planetarer Grenzen zur Selbstverständlichkeit wird. Entscheidend sind nicht formal perfekte Nachhaltigkeitsberichte oder Kommunikationskampagnen, sondern mutige Entscheidungen und konsequentes Handeln für eine nachhaltige Entwicklung.
Zum Schluss noch Ihr Tipp: Wer wird Weltmeister?
Benjamin Sachs: Mein persönlicher Geheimfavorit ist leider schon ausgeschieden und sportlich haben Frankreich, Spanien und Argentinien sicherlich die besten Karten. Grundsätzlich freue ich mich aber über jeden Sieg einer Überraschungsmannschaft, die nicht zum engeren Favoritenkreis zählt.
Stefan Schaltegger: Wenn es zu keiner Überraschung kommt: Frankreich. Aber als Nachhaltigkeitsforscher weiß ich: Prognosen sind schwierig, liegen oft falsch und sind für das Nachhaltigkeitsmanagement weniger relevant als fundiert auf ein ambitioniertes Ziel hinzuarbeiten. Deshalb schlage ich vor, dass wir uns darauf konzentrieren, wie es gelingen könnte, dass das Finalspiel an der übernächsten, klar nachhaltigsten WM aller Zeiten heißt: Deutschland gegen die Schweiz.
Vielen Dank für das Gespräch!