One food initiative at a time
Die Ökologin und Humboldt-Fellow Dr. Beatriz Vizuete Sáenz de Ugarte fordert das Agrar- und Ernährungssystem heraus
04.08.2026 Im Januar begrüßte die Leuphana Universität Lüneburg Dr. Beatriz Vizuete Sáenz de Ugarte als Postdoktorandin und Humboldt-Fellow. Seitdem forscht sie am Social-Ecological Systems Institute (SESI) zu Transformationsprozessen hin zu nachhaltigen Ernährungssystemen. In diesem Interview spricht sie über ihren Weg in die Wissenschaft, die Bedeutung inter- und transdisziplinärer Forschung und darüber, warum Wissenschaftskommunikation ihr wichtig ist.
©Leuphana/Philip Bachmann
Sie sind seit Januar an der Leuphana. Warum Lüneburg und warum gerade jetzt?
Ich hatte Lüneburg bereits einmal besucht, bevor ich hier begonnen habe. Damals hatte ich die Gelegenheit, meine heutige Betreuerin, Professorin Berta Martín-López, kennenzulernen und diese schöne Stadt zu entdecken. Seit Januar lebe ich nun in Lüneburg – anfangs war es ziemlich kalt. Aber ich fühle mich hier sehr wohl.
Sie sind Sozialökologin und spezialisiert auf Mensch-Natur-Beziehungen in der Agrarökologie, nachhaltige Ernährungsinitiativen und Transformationen von Ernährungssystemen. Wie entstand Ihr Interesse an dieser Forschung?
Ich war schon immer ein sehr neugieriger Mensch. Als Kind stellte ich ständig Fragen und versuchte, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen. Irgendwann wurde mir klar: Wenn es so viele verschiedene Sichtweisen gibt, dann entspricht die Welt wahrscheinlich nicht nur einer einzigen universellen Realität.
Als Forscherin spreche ich gerne mit Menschen, um ihre Erfahrungen und ihre Sicht auf die Welt sowie ihre Beziehungen zu ihr besser zu verstehen. Gleichzeitig habe ich mich immer stark mit der Natur verbunden gefühlt. Für mich ist die Natur ein Ort der Inspiration und etwas, das meinem Leben Sinn gibt. Deshalb motiviert es mich besonders, unterschiedliche Formen von Mensch-Natur-Beziehungen zu erforschen – insbesondere im Kontext von Agrar- und Ernährungssystemen.
Wie sah Ihr bisheriger akademischer Werdegang aus?
Ich habe zunächst Biologie studiert und anschließend einen Master in Interdisziplinären Geschlechterstudien an der Autonomen Universität Madrid abgeschlossen. Mein Ziel war es, Natur- und Sozialwissenschaften miteinander zu verbinden und Geschlechter- sowie Gleichstellungsfragen in die Umweltwissenschaften zu integrieren. Damals fragten mich viele Menschen, warum ich so unterschiedliche Fachrichtungen kombiniere. Für mich liegt genau darin die Stärke dieses Ansatzes: Verbindungen sichtbar zu machen.
Danach promovierte ich in Ökologie und beschäftigte mich mit der Rolle agrarökologischer Initiativen bei der Transformation von Ernährungssystemen. Meine Forschung und Feldarbeit führte ich in den Bergen der Region Madrid in Spanien durch. Dort arbeitete ich insbesondere mit Landwirtinnen zusammen, die agrarökologische Initiativen leiten – eine Erfahrung, die mich sehr geprägt hat.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit derzeit in der Forschung in Spanien?
Im Vergleich zu Deutschland – und insbesondere zur Leuphana – ist die Nachhaltigkeitsforschung in Spanien noch weniger interdisziplinär. Disziplinen wie Ökologie, Soziologie und Philosophie arbeiten häufig stärker voneinander getrennt. Das war einer der Gründe, warum ich an die Leuphana kommen wollte. Hier nimmt Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle in Lehre und Forschung ein und wird bereichsübergreifend integriert. Diese Offenheit gegenüber unterschiedlichen Perspektiven ist etwas ganz Besonderes.
Warum ist Interdisziplinarität für Ihre Arbeit so wichtig?
Komplexe Krisen wie den Klimawandel können wir nicht aus nur einer Perspektive heraus lösen. Ich komme ursprünglich aus den Naturwissenschaften, aber die Arbeit im Bereich Nachhaltigkeit hat mich gelehrt, Probleme umfassender zu betrachten. Naturwissenschaftliches Wissen ist selbstverständlich wichtig. Genauso wichtig ist jedoch das Verständnis sozialer Beziehungen, gesellschaftlicher Werte und bestehender Machtstrukturen.
Worin besteht Ihr übergeordnetes Forschungsinteresse?
Ich erforsche nachhaltige Agrar- und Ernährungsinitiativen – also kleine, lokale Projekte, die eine ökologische und soziale Transformation hin zu nachhaltigeren Agrar- und Ernährungssystemen anstreben. Während meiner Promotion konnte ich zeigen, dass diese Initiativen nicht ausschließlich von wirtschaftlichen Zielen geleitet werden. Sie basieren auch auf Werten wie Fürsorge für die Natur und dem Wunsch, im Einklang mit Ökosystemen zu wirtschaften. Auch soziale Aspekte spielen dabei eine entscheidende Rolle. Insbesondere Geschlechterverhältnisse sind von großer Bedeutung. Frauen in Landwirtschafts- und Ernährungssystemen stehen häufig vor geschlechtsspezifischen Herausforderungen. Werden diese Dynamiken nicht berücksichtigt, bleiben viele Ungleichheiten unsichtbar. So berichteten viele Landwirtinnen beispielsweise, dass ihre Arbeit nicht ernst genommen werde oder sie bei Entscheidungsprozessen unsichtbar blieben – besonders in traditionell männlich dominierten Bereichen. Oft müssen sie deutlich mehr leisten, um Anerkennung zu erhalten.
Mit welchen Herausforderungen sind diese Initiativen konfrontiert? Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein zentrales Problem ist die wirtschaftliche Tragfähigkeit. Vielen Projekten fehlt finanzielle Unterstützung, oder sie stoßen auf bürokratische Hürden. Ein Beispiel ist der Zertifizierungsprozess im Rahmen der Europäischen Agrarpolitik. Zwar streben viele Initiativen eine Zertifizierung an, doch kleine Produzentinnen und Produzenten entscheiden sich häufig bewusst dafür, klein und nachhaltig zu bleiben, statt zu wachsen. Viele Regelungen sind jedoch auf größere Produktionsstrukturen ausgerichtet und lassen sich nur schwer auf alternative Modelle anwenden. Dadurch entsteht ein Paradox: Projekte, die Nachhaltigkeitsstrategien tatsächlich umsetzen und damit die Ziele europäischer Gesetzgebung erfüllen, können oft nicht von den entsprechenden Fördermaßnahmen profitieren.
Sie sind aus einem bestimmten Grund an die Leuphana gekommen. Worum geht es in Ihrem aktuellen Projekt?
Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen frage ich mich, welche Strategien erforderlich sind und wie wir sie entwickeln können, um solche Initiativen zu stärken, zu verbreiten und ihr volles Potenzial zu entfalten. Anders gesagt: Wie können wir die zentralen Akteurinnen und Akteure unterstützen, die die Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen in Richtung Nachhaltigkeit vorantreiben? Ich bin an die Leuphana gekommen, weil ich überzeugt bin, dass sie sowohl für die Bearbeitung dieser Forschungsfragen als auch für meine persönliche Weiterentwicklung als Wissenschaftlerin die besten Voraussetzungen bietet.
In meinem aktuellen Projekt möchte ich Transformationspfade entwickeln, um nachhaltige Agrar- und Ernährungsinitiativen in Grenzregionen zu stärken. Dabei verfolge ich einen inter- und transdisziplinären Ansatz, der verschiedene Transformationskonzepte und partizipative Methoden miteinander verbindet. Zunächst möchte ich ihr transformatives Potenzial analysieren: Welche Praktiken entwickeln sie? In welchem Entscheidungskontext handeln sie? Welche Auswirkungen haben sie? In einem zweiten Schritt möchte ich lokale politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie die Zivilgesellschaft einbeziehen. Durch partizipative Workshops sollen gemeinsame Zukunftsvisionen entwickelt und konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet werden. Für diese Forschung arbeite ich mit nachhaltigen Agrar- und Ernährungsinitiativen im Grenzgebiet zwischen Galicien in Spanien und Nordportugal zusammen – einer europäischen Kooperation territorialer Zusammenarbeit mit einer großen Vielfalt an Initiativen in den Bereichen Landwirtschaft, Viehzucht, Weinbau und Fischerei.
Was bedeutet wissenschaftlicher Erfolg für Sie?
Für mich bedeutet Erfolg, dass die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, die Forschung als nützlich empfinden – dass sie ihre Arbeit unterstützt oder neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit schafft. Neben wissenschaftlichen Ergebnissen möchte ich Forschung hervorbringen, die einen spürbaren gesellschaftlichen Nutzen hat.
Wissenschaftskommunikation liegt Ihnen besonders am Herzen. Warum?
Viele Menschen haben keinen Zugang zu wissenschaftlichen Fachzeitschriften oder lesen keine wissenschaftlichen Texte. Deshalb brauchen wir neue Wege, Wissen zugänglich zu machen. Außerdem geht es bei öffentlicher Beteiligung nicht nur darum, Forschungsergebnisse zu verbreiten. Sie ist die einzige Möglichkeit sicherzustellen, dass meine Forschung tatsächlich Einfluss auf das Leben der Menschen hat. In früheren Projekten habe ich mit Designerinnen und Designern zusammengearbeitet, um Illustrationen und Infografiken zu entwickeln, die wissenschaftliche Inhalte leichter verständlich machen.
Derzeit experimentiere ich mit Formaten wie Podcasts und Dokumentarfilmen, die meine tägliche Arbeit zugleich abwechslungsreicher gestalten. Auch Sprache spielt eine wichtige Rolle. Nicht alle Menschen sprechen Englisch – besonders nicht in ländlichen Regionen. Wissenschaft sollte möglichst viele Menschen erreichen.
Sie sind derzeit Humboldt-Stipendiatin, eine renommierte Förderung. Herzlichen Glückwunsch! Welchen Rat würden Sie Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern geben?
Folgen Sie Ihren echten Beweggründen. Erlauben Sie sich zunächst zu träumen – und entwickeln Sie Ihre Idee anschließend weiter und verfeinern Sie sie. Wichtig ist nicht nur, dass ein Projekt wissenschaftlich interessant ist, sondern auch, dass es einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leistet. Seien Sie sich Ihrer Motivation bewusst und folgen Sie ihr mit Überzeugung.
Vielen Dank für das Interview!
Das Humboldt-Forschungsstipendium ermöglicht hervorragend qualifizierten Forschenden aus dem Ausland, eigene Forschungsvorhaben in Zusammenarbeit mit Gastgeberinnen und Gastgebern an Forschungseinrichtungen in Deutschland durchzuführen. Es zählt zu den renommiertesten internationalen Förderprogrammen für wissenschaftlichen Austausch und wird von der Alexander von Humboldt-Stiftung vergeben.
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- Dr. Beatriz Vizuete Saenz de Ugarte