Verabschiedung: Prof. Dr. Jürgen Deller - Nicht Silber, sondern Gold
27.09.2026 Über 20 Jahre lang forschte der Professor für Wirtschaftspsychologie zu Menschen, die im Ruhestand weiterarbeiten. Nun tritt er selbst kürzer.
©Leuphana
Jürgen Deller hatte in der Zeitung gerade einen großen Bericht über Silver Worker gelesen, als ihn eine E-Mail aus Korea erreichte. Eine Kollegin der Seoul National University fragte, ob er als externer Gutachter an einer Promotion zum Later Life Workplace Index mitwirken wolle. Mehr als 20 Jahre lang hatte der Arbeits- und Organisationspsychologe zur Frage geforscht, wie Menschen auch im höheren Alter arbeiten können – und was Organisationen dafür tun müssen. „Dass mich diese Nachrichten ausgerechnet am Morgen unseres Interviews erreichten, zeigt mir, dass das Thema nichts an Aktualität verloren hat – im Gegenteil“, sagt Jürgen Deller.
Anfang der 2000er-Jahre besuchte er eine Veranstaltung zur „Zukunft der Arbeit“ in Berlin. Dort traf der Wissenschaftler Vertreter einer internationalen Versicherungsgesellschaft. Es ging um die Zukunft der Alterssicherung und die Idee einer möglichen „vierten Säule“ des Alterseinkommens. Daraus entstand eine Frage, die Dellers weitere Forschung prägen sollte: Wenn Politik und Wirtschaft davon ausgehen, dass Menschen länger arbeiten sollen – wollen diese Menschen das überhaupt? Und wenn ja: Unter welchen Bedingungen kann das gelingen?
Deller und sein Team begannen, Daten zu sammeln und auszuwerten. Viele ältere Beschäftigte wollten weiterarbeiten. „Arbeit strukturiert den Alltag, Menschen möchten ihre Erfahrung weitergeben, gesellschaftlich teilhaben und gebraucht werden“, fasst der Psychologe zusammen. Ein Satz aus den damaligen Befragungen ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Wir sind nicht Silber, wir sind Gold“, sagte ein älterer Arbeitnehmer.
Doch der Wunsch, weiterzuarbeiten, allein reichte nicht. „Unternehmen und Institutionen müssen ebenfalls bereit sein, entsprechende Arbeitsbedingungen zu schaffen.“ Aus den ersten Untersuchungen entwickelte sich ein Forschungsprogramm, das sich zunehmend auf die Bedingungen konzentrierte, unter denen ältere Menschen in Organisationen arbeiten können. Gleichzeitig entstand die Idee, die Qualität dieser späteren Arbeitsplätze messbar zu machen.
Der Later Life Workplace Index sollte deshalb mehr sein als ein wissenschaftliches Messinstrument. Er sollte Unternehmen konkrete Hinweise geben, wo sie ansetzen können. Arbeitsbedingungen sollten messbar und damit auch veränderbar werden.
Dellers Forschung zum Zusammenhang von Altern und Arbeit führte so zu konkreten Instrumenten, die international eingesetzt werden. Der Later Life Workplace Index findet inzwischen in Projekten in mehr als 40 Ländern Anwendung. Die Forschung reicht von europäischen Ländern bis nach Israel, in die Ukraine und nach Russland und inzwischen auch nach Asien. Für Israel wurden beispielsweise Versionen des Instruments in Hebräisch, Arabisch und Russisch entwickelt.
Auch heute reicht Dellers Arbeit über die Universität hinaus. Er arbeitet eng mit der OECD zusammen und beteiligt sich an gemeinsamen Initiativen – etwa zu Fragen der Arbeitsgestaltung im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz und dem demografischen Wandel. Ein Ziel dabei ist, wissenschaftliche Erkenntnisse stärker in politische Entscheidungsprozesse und internationale Organisationen einzubringen.
Dass Dellers wissenschaftliche Arbeit so eng mit der Praxis verbunden ist, hat auch mit seinem eigenen beruflichen Weg zu tun. Vor seiner akademischen Laufbahn war er mehrere Jahre in leitenden Funktionen im Personalmanagement der Daimler-Benz AG tätig. Dort arbeitete er im strategischen HR-Bereich und übernahm Verantwortung für die Entwicklung von Führungskräften.
1999 wurde Deller an die damalige Fachhochschule Nordostniedersachsen berufen, wo er den Aufbau der Wirtschaftspsychologie mitprägte. Das Fach war damals ein ungewöhnliches Konzept: Psychologisches Wissen sollte nicht nur akademisch vermittelt, sondern unmittelbar auf praktische Fragestellungen und Probleme von Organisationen angewendet werden.
Wie erfolgreich sich dieser Ansatz entwickeln würde, war damals noch nicht abzusehen. Ebenso wenig ließ sich vorausahnen, welche wissenschaftlichen Karrieren aus diesem Umfeld hervorgehen würden. Mehrere von Dellers ehemaligen Doktorand*innen sind heute selbst Professor*innen. Damit wirkt die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und praktischer Anwendung, die seine Arbeit geprägt hat, auch in der nächsten Generation weiter.
„Ich habe nie nur für den Elfenbeinturm geforscht“, sagt Jürgen Deller. Dieser Anspruch zieht sich durch seine wissenschaftliche Arbeit bis heute. Der Index wird unter anderem von Versicherungen, im Gesundheitsmanagement und in Banken eingesetzt. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beschäftigt sich mit seinen Ergebnissen und deren Anwendungsmöglichkeiten.