Leuphana Projekt entwickelt neuen Ansatz für eine nachhaltige Berufsorientierung
„Wie kann ich mich einbringen?“ statt „Was will ich werden?“
01.10.2026 Wenn sich die Arbeitswelt immer schneller wandelt, wie funktioniert dann noch eine Berufsorientierung in der Schule? Indem sie nicht mehr von Berufen, sondern von Handlungskompetenzen aus gedacht wird. Wie sich das mit gesellschaftlichem Impact verbinden lässt, nimmt das neue Projekt GriB von Prof. Harald Hantke, Lea Neill und Anna-Franziska Kähler in den Blick. Damit werden auch neue bildungspolitische Anforderungen an eine zeitgemäße Berufsorientierung als Teil sozialwissenschaftlicher Bildung aufgegriffen.
Ausflüge auf Berufsmessen, zur Agentur für Arbeit oder Informationsbroschüren zu Ausbildungsberufen: Berufsorientierung in der Schule wird bei diesen Beispielen von der Vorstellung starrer Berufsbilder gedacht, die Schüler:innen auf diese Weise als ihre neuen Berufe kennenlernen sollen. „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Prof. Harald Hantke, Professor für Sozialwissenschaftliche Bildung. „Wir kennen schlichtweg die Berufe der Zukunft nicht mehr so genau wie früher. Anders sieht es bei grundlegenden Fähigkeiten wie Kreativität oder Kooperation aus, die trotz oder gerade aufgrund einer sich schnell verändernden Welt gefragt bleiben werden“. Gleichzeitig gewinnen neue Kompetenzen an Bedeutung: Bereits seit 2021 hat das Bundesinstitut für Berufsbildung die Standardberufsbildpositionen für alle Ausbildungsberufe aktualisiert und zum Beispiel nachhaltiges Berufshandeln als berufsübergreifenden Ausbildungsinhalt festgelegt. Ein neuer Erlass des niedersächsischen Kultusministeriums aus dem Jahr 2025 fordert zudem, Berufsorientierung künftig konsequenter in Schulen der Sekundarstufe I und hier insbesondere in Fächer der sozialwissenschaftlichen Bildung zu integrieren. „Diese politischen Weichenstellungen haben Auswirkungen auf die Unterrichtsgestaltung – aus unserer Sicht fehlen aber bislang überzeugende didaktische Konzepte, die Berufsorientierung als Querschnittsaufgabe nicht von den Berufen, sondern von den Lernenden aus denken“, so Hantke. Hier setzt das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderte Projekt „Green and Social Enterprising in der Berufsorientierung“ (GriB) an.
Berufsorientierung als Hebel für Nachhaltigkeit
Das Team entwickelt gemeinsam mit Lehramtsstudierenden, Lehrkräften und Nachhaltigkeitsunternehmer:innen ein so genanntes Train-the-Trainer-Modul. Darin lernen (zukünftige) Lehrkräfte, Kompetenzen des Green und Social Entrepreneurships im berufsorientierenden Unterricht zu fördern. „Es geht nicht nur darum, dass Lehrkräfte am Ende Lernende zu eigenen Unternehmensgründungen bewegen sollen, sondern auch darum, sie zu inspirieren nachhaltige Gestaltungsmöglichkeiten im beruflichen Handeln zu erkennen und umzusetzen“, sagt Lea Neill, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin das Projekt begleitet. „Genauso wie Unternehmer:innen lernen in Problemen vor allem Chancen zu sehen, etwas zu verändern, hilft Schüler:innen eine solche Haltung dabei, sich als aktive Gestalter:innen ihres Lebensweges zu verstehen – und im zweiten Schritt auch als gesellschaftliche Gestalter:innen“, so Lea Neill. Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf Berufsorientierung: Jugendliche sollen herausfinden, welche Fähigkeiten sie im Berufshandeln einbringen können und wie sie ihr berufliches Umfeld dadurch nachhaltig mitgestalten können. Das kann beispielsweise bedeuten, später im Ausbildungsbetrieb zu erkennen, wo Produktionsketten zirkulärer oder Lieferketten ethischer gestaltet werden können. „Solche Impulsgeber:innen für Nachhaltigkeit auf nicht-akademischer Ebene gibt es noch zu wenige“, erläutert Harald Hantke, der auch UNESCO Co-Chair in Higher Education for Sustainable Development an der Leuphana Universität Lüneburg tätig ist. „Auch diese Herausforderung möchten wir mit dem Projekt im Sinne des Intrapreneurships adressieren.“
Leuphana-Partnerschaft: Social Entrepreneurship City Hamburg als Pilotregion
Für die Umsetzung ist das Projekt in drei Phasen aufgeteilt. Am Anfang steht die Selbsterfahrung: Die teilnehmenden (zukünftigen) Lehrkräfte sollen zunächst ein Verständnis von Green und Social Entrepreneurship erarbeiten. Wichtige Sparringspartner sind dabei Green and Social Startups aus der Region unterschiedlicher beruflicher Fachrichtungen wie der Chemie-, Bio- und Verfahrenstechnik, der Sozialwirtschaft oder der Bau-, Energie- und Gebäudetechnik. In der zweiten Phase reflektieren die (zukünftigen) Lehrkräfte ihre bisherigen berufsorientierenden Unterrichtserfahrungen. Schließlich entwickeln sie in der dritten Phase neue Unterrichtsentwürfe für die Berufsorientierung. Am Ende steht damit der Prototyp für ein Train-the-Trainer-Modul inklusive einer didaktischen Handreichung sowie eines Methodenkoffers für die berufsorientierende Schulpraxis in der Sekundarstufe I. Die entwickelten Materialien sollen anschließend Open Access zur Verfügung gestellt werden und damit auch Lehrkräften und Schulen außerhalb des Projekts zur Verfügung stehen.
Kooperationspartner des Projekts sind unter anderem die Social Entrepreneurship Allianz Hamburg, deren Mitglied auch die Leuphana Universität Lüneburg ist, und das Circular Economy Lab der Technischen Universität Hamburg. Dadurch kann das Projekt auf eine bereits gut vernetzte Social Impact – und Innovationsszene in der Metropolregion zurückgreifen. Um die Verbindungen dieser unterschiedlichen mitwirkenden Akteure auch in Bezug auf berufsorientierende Bildung zu verstetigen, organisiert das Projektteam GriB-Tagungen. Denn auch der Prozess selbst und die Einbindung eines großen Bildungs- und Innovationsnetzwerks einer Region können – so die Idee des Projekts – eine Blaupause für eine zeitgemäßere Berufsorientierung in anderen Regionen sein.
Der offizielle Projektauftakt findet am 14. Oktober 2026 von 10:15-11:00 Uhr online statt. Eingeladen ist hierbei auch die interessierte Fachöffentlichkeit. Melden Sie sich bei Interesse gerne unter folgendem Link an: https://eveeno.com/234740596
Projektlaufzeit: April 2026 – März 2028